'Die Mafia ist kein nationales Problem mehr'

Artikel veröffentlicht am 20. März 2006
Artikel veröffentlicht am 20. März 2006

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Rita Borsellino ist die Schwester des Richters Paolo Borsellino, der 1992 von der Mafia umgebracht wurde. Im Gespräch mit cafebabel.com erklärt sie, wie sich das Erscheinungsbild der Mafia geändert hat.

Die sechzigjährige Rita Borsellino ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten im Kampf gegen die sizilianische Mafia. Diese hat sie persönlich getroffen: Im Jahr 1992 tötete eine Autobombe ihren Bruder Paolo, einen bekannten Richter und Mafiajäger. Danach nahm Borsellino den Kampf gegen die Mafia auf: Sie war Vizepräsidentin von « Libera », einer Organisation, die die Mafiakultur unter sizilianischen Jugendlichen bekämpft. Heute ist sie in der Politik aktiv. Sie ist aussichtsreiche Kandidatinder Mitte-Links-Koalition um die Präsidentschaft der Region Sizilien bei den Wahlen Ende Mai 2006; im Moment liegt sie bei Umfragen an der Spitze.

Frau Borsellino, die Mafia hat Ihr Leben nachhaltig geprägt. Was bedeutet sie heute für Sie?

Natürlich ist das erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich die Mafia beschreiben soll, « Gewalt ». Eine Gewalt, die mich persönlich getroffen und tief verletzt hat. Eine Gewalt, die das erste und unmittelbarste Kennzeichen der Handlungen der Mafia ist. Man muss sie als « Kultur » oder « Subkultur » verstehen. Sie kontrolliert die Gedanken, die Wahrnehmung der Dinge, das Bewusstsein der Menschen und das Land als Ganzes. Vor allem in Sizilien.

Ist die Mafia ein soziales oder ein politisch-ökonomisches Problem?

Die Mafia vereinigt all dieseElemente; aber zuallererst ist sie ein kulturelles Problem. Sie entsteht an den Wurzeln der Gesellschaft und entwickelt sich von da aus weiter, verzweigt sich und reicht bis in Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft. Sie dringt aber nicht in einen oder mehrere dieser Bereiche getrennt ein – sie sind alle integraler Bestandteil ihrer Existenz und ihres Überlebens. Sie machen die Mafia zu einer komplexen Erscheinung.

Was ist die Mafia heute: diejenige der Massaker von 1992, als die Mafia-Jäger Borsellino und Falcone ermordert wurde ? Oder eine sich ständig wandelnde Erscheinung?

Die Mafia ist keine statische Erscheinung. Nach den Massakern von 1992, die Italien tief getroffen und die Öffentlichkeit erschüttert haben, hat sich die Mafia verändert. Sie hat ihr Verhalten dem Land gegenüber geändert und neue Wege entwickelt, dieses zu kontrollieren.

Die Mafia hat versucht, in Vergessenheit zu geraten, und hinter den Kulissen agiert. Man muss zugeben, dass ihr das zumindest teilweise gelungen ist: In den letzten Jahren wurde deutlich weniger von ihr gesprochen, sei es in den Medien oder in der Öffentlichkeit. Sie hat auch ihre Strategie geändert: Es ist eine Mafia, die nicht tötet, und die folglich weniger von sich reden macht – die Wirtschaftswelt aber beherrscht sie bis in den letzten Winkel.

Die Mafia ist kein lokales oder nationales Problem mehr. Ist sie ein europäisches?

Die Mafia ist kein italienisches Phänomen mehr, ganz sicher nicht. Sie ist europäisch, ich würde sogar sagen, global oder international geworden. In den letzten Jahren haben sich sowohl die Art und Weise des Geschäftemachens, die Kontakte zwischen den einzelnen Gruppen, die Finanzierung als auch die Handelsbeziehungen verändert.

Man spricht heutzutage meist nicht mehr von einer Mafia, sondern von mehreren. Europa ist eine Ebene, von der aus wir gegen dieses Problem vorgehen können und auch müssen. Trotzdem ist es aber wichtig hervorzuheben, dass die Mafia ein internationales, ein globales Phänomen ist und Europa nur eines ihrer Betätigungsfelder darstellt.

Dann sind Sie also der Meinung, dass der Europäischen Union im Kampf gegen die Mafia eine wichtige Rolle zu kommt?

Ich glaube, dass Europa vor allem dem 'Phänomen Mafia' mehr Aufmerksamkeit schenken und mehr Mittel bereitstellen sollte, um diese zu bekämpfen. Europa muss auf mehreren Ebenen agieren. Ziel muss sein, das Problem an der Wurzel zu packen, dort tätig zu werden, wo eine lokale Mafia ihren Ausgangspunkt nimmt, bevor sie sich zu einem internationalen Netzwerk bildet. Die albanische Mafia ist ein Beispiel hierfür. Wenn Europa handelt, sollte das durch repressive, vor allem aber durch präventive Massnahmen geschehen. Die Zusammenarbeit zwischen Mitgliedstaaten, Polizei und anderen Einheiten ist essentiell, um so ein Phänomen wie die internationalen Netzwerke der Mafia bekämpfen zu können.

Und wie sollte Ihrer Meinung nach eine Anti-Mafia-Politik Europas aussehen?

Die Rolle, die die Europäische Union ausüben kann, ist zentral. Ein Handeln ihrerseits ist absolut notwendig und unabdingbar. Sie müsste vor allem eine Check- und Kontrollfunktion besitzen. Es müsste ein Rahmen für Zusammenarbeit geschaffen werden, der koordiniertes und wirksames Handeln erlaubt.