Die Kunst abzuschalten

Artikel veröffentlicht am 1. August 2016
Artikel veröffentlicht am 1. August 2016

Die Welt dreht sich, und wir drehen uns mit. Doch wie schafft es die Generation Y sich von Alltag und Stress zu lösen? Wir haben drei Menschen getroffen, die sehr verschiedene Arten gefunden haben, sich vom Rest der Welt abzunabeln. 

Gegen den Strom rennen - Adrian, Marathonläufer, 32 Jahre

Adrian hört das Geräusch seiner Laufschuhe, die den Asphalt streifen, den stetigen Rhythmus seines Atems. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, als ob er das Ziel vor seinen Augen schon sehen könnte. Wenn Adrian rennt, fliegt er in einer Sphäre, in der ihn nichts mehr erreichen kann. Nichts, außer der Wille weiterzurennen.

Der IT-Spezialist hat sich in seiner Freizeit schon immer gerne bewegt. Doch seit einigen Jahren ist dieses Hobby zu seinem Lebensstil geworden. „Ich habe vor zirka sechs Jahren angefangen größere Distanzen zu laufen. Mittlerweile bin ich schon bei 25 Marathons.“ Der blonde, eher kleine junge Mann straht über das ganze Gesicht, wenn er von seiner Sportler-Karriere erzählt.

Letztes Jahr im Mai wurde bei Adrian Multiple Sklerose diagnostiziert, eine Krankheit, die den Informationsfluss zwischen Gehirn und Körper einschränkt. Sie lähmte die komplette rechte Seite seines Körpers. „In dieser Zeit half mir der Sport am meisten. Ich wollte einfach wieder anfangen zu laufen. Das war meine größte Motivation während der Behandlungszeit.“

Adrian setzte sich das Ziel, für den Berlin-Marathon im September 2015 wieder fit zu sein. Nach Monaten des körperlichen Stillstands kam er langsam wieder auf die Beine und begann die Reha. Nur ein knappes halbes Jahr nach der Diagnose rannte Adrian die berüchtigten 42,2 Kilometer in der deutschen Hauptstadt und diesmal so schnell, wie nie zuvor: in 2 Stunden und 55 Minuten.

Wenn man Adrian danach fragt, warum er sein Hobby auf ein so extremes Level gehoben hat, dann schüttelt er vehement den Kopf und erklärt: „Nein, überhaupt nicht! Oft renne ich auch einfach zum Spaß. Dann laufe ich die Hälfte des Marathons, zum Beispiel um einen Freund zu unterstützen.“ Er gibt jedoch zu, dass mittlerweile neben seiner Arbeit und dem täglichen Training oft nicht viel Zeit für anderes bleibt. „Ich gebe zu, ich bin ein Marathon-Fanatiker geworden. Ich gehe eigentlich nicht mehr ins Kino oder in Clubs.“

In seiner täglichen Routine fehlt dem 32-Jährigen nicht wirklich etwas, außer einem: „Ich würde gerne jemanden kennenlernen. Aber in dieser Hinsicht ist die Stadt der Liebe bis jetzt nicht wirklich eine große Hilfe gewesen.“ Das Laufen war es da schon eher: Er ist überzeugt, sein Hobby hat ihn nicht nur fitter, sondern auch selbstbewusster gemacht.

Der Clown hört nie auf - Romain, Clown, 38 Jahre

Was macht ein Clown, wenn er selbst einmal abschalten will? „Darüber muss ich mir nicht wirklich Gedanken machen. Ich bleibe sogar so weit wie möglich mit meiner Arbeit verbunden, denn solange ich den Clown in mir weiterleben lasse, nehme ich alles ein bisschen leichter.“

Romain erklärt, dass seine Arbeit nichts mit purer Unterhaltung zu tun hat. „Um ein guter Clown zu sein, sagt er, müsse man seine eigenen Charaktereigenschaften annehmen und mit ihnen spielen.“ „Du findest in dir deinen eigenen, persönlichen Clown.“

So mancher Schüler braucht seine Zeit, um auch die Seiten seines Charakters anzunehmen, die man im echten Leben lieber versteckt. Wut, Trauer, Neid, Ungeduld, genauso wie Aufregung, Freude und Stolz.

„Auf der Bühne darfst du jegliche Emotionen zeigen, solange du authentisch bleibst.“ Sobald die Schüler akzeptieren, was sie in sich entdeckt haben, werden zwei Techniken angewandt. Sie zeigen ihr Gefühl in der völligen Übertreibung oder das komplette Gegenteil. Der Clown kann dann mit dem Publikum gemeinsam über sich selbst lachen. „Somit lernen die Clown-Schüler, sich mit Distanz wahrzunehmen und Fehler weniger ernst zu nehmen.“

Die Clown-Karriere habe Romain zudem von seinem Vaterkomplex befreit, der ihn seit seiner Jugend verfolgte.  Damals versteckte er sich in der Rolle des schüchternen Jungen, um nicht mit seinem charmanten und extrovertierten Vater verglichen zu werden. Mit seiner neuen Identität konnte er dann alle Farben seiner Identität befreien.

Leben retten und Drachen bekämpfen - John, Data-Analyst, 33 Jahre

John streift sich seine Augenklappe über und greift nach dem Schwert. Er betritt den steinernen Weg hinein in den Wald, um ihn herum lauern Feinde. Doch er weiß genau, was zu tun ist: Er muss den Drachen töten, sonst könnte er selbst bald der Nächste sein.

Ein Absatz aus dem letzten Fantasy-Taschenbuch? Weit gefehlt. John kämpft wirklich gegen Drachen, zwei mal im Monat um genau zu sein, mit seinem Clan, dem LARPing- Team. LARPing, steht für Live Action Role Play und ist ein Rollenspiel, bei dem die Spieler ihre Spielfiguren auch selbst darstellen. „Ich würde es eine Mischung aus historischem Improvisationstheater, Waffengefecht und Strategiespiel nennen.“

Die groben Umrisse des Spielverlaufs werden vom Team-Master vor Beginn festgesetzt und reichen von Vampirszenarien über Western und Horror bis hin zum Steampunk. Dafür bereiten sich die Spieler zum Teil Monate vor, nähen ihre eigenen Kostüme und basteln ihre Waffen selbst.

Doch für John ist LARPing nicht nur ein Freizeitbeschäftigung, sondern die Möglichkeit, sich in einer Figur komplett neu zu erfinden. „Ich spiele am liebsten den durchsetzungsfähigen Anti-Helden, der über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen. Er fackelt nicht lange herum, sondern kriegt die Dinge geregelt.“ Es fällt einem schwer zu glauben, was man da hört, wenn man den netten jungen Mann ansieht, der in seinem richtigen Leben als Data-Analyst in einer Wohltätigkeitsorganisation arbeitet.

„Während du spielst, gibt es keine Grenzen mehr. Du kannst sein, wer du möchtest, Superkräfte haben und jemandem das Leben retten. Oder du bist einfach du selbst, aber ohne die Sorgen, deine nächste Miete zahlen zu müssen.“

LAPRing entstand in den 1990ern und geht ursprünglich auf Brettspiele zurück. Es ist mittlerweile in fast allen europäischen Metropolen angekommen. Für viele Teilnehmer repräsentiert das Rollenspiel aber nicht nur Kunst und persönlichen Entwicklungsspielraum, sondern hat auch politischen Charakter. „Die Spieler sind im Allgemeinen sehr tolerant. Frauen wie Männer schlüpfen in die Rolle des Kriegers und keine Art von Diskriminierung wird zugelassen.“

John weiß auch schon, wo er seinen nächsten Drachen töten wird, nämlich in Dadford, wo er mit 2000 anderen das nächste LARPing Event "Empire" besuchen wird.