„Die Jugendlichen brauchen ein mütterliches Europa.“

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2006

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Catherine Lalumière ist Präsidentin des „Maison de l’Europe“ in Paris. Im Interview erinnert sie daran, dass Europa nicht nur einen gemeinsamen Markt, sondern auch gemeinsame Ideen braucht.

Catherine Lalumière, 71 Jahre, ist eine „grande dame“ der Europäischen Union. Nachdem sie verschiedene Ämter in zahlreichen französischen Ministerien ausgeübt hatte, war sie von 1989 bis 1994, Generalsekretärin des Europarates, danach Vizepräsidenten des Europaparlamentes.

Der Europatag wird seit 1985 am 9. Mai gefeiert. Welche Bedeutung hat dieser Tag?

Wir gedenken der Rede des französischen Außenministers Robert Schumann am 9. Mai 1950, die den Anstoß zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS)gegeben hatte. Dies war der Beginn der Europäischen Gemeinschaft. Dennoch fanden auch schon vor 1950 zahlreiche Ereignisse statt. Die durch den Krieg gezeichneten Gründungsväter Europas wollten den Frieden als dauerhaftes Ziel verwirklichen. Sie waren der Auffassung, dass man die Demokratie in den durch Nazi- Herrschaft und Faschismus gezeichneten Ländern wiederherstellen musste. Dieser Gedanke findet sich in der Gründung der ersten Europäischen Institution, des Europarates, im Jahr 1949 wieder. Die EGKS stellt den nächsten Schritt im europäischen Konstruktionsprozess dar. Diese vorrangig aus wirtschaftlichen Aspekten gegründete Institution basiert auf humanistischen Werten. Denn die philosophische Grundlage der europäischen Konstruktion ist der Humanismus.

Am 9. Mai 1950 waren sie 15 Jahre alt. Was haben sie von den ersten Schritten der europäischen Konstruktion mitbekommen?

Im Jahr 1950 lebte ich in einer sehr französischen und provinziellen Familie, sodass sich meine Vorstellungen auf die Grenzen Frankreichs beschränkten. Um ehrlich zu sein, war Europa in dieser Zeit bis ich mein Abitur ablegte sehr fremd für mich. Erst später habe ich die Mechanismen der Europäischen Gemeinschaft kennengelernt und fühlte mich daraufhin als europäische Bürgerin. Das Ereignis, das diese Jahre aber in besonderem Maße gekennzeichnet hat, war der Tod Stalins im Jahr 1953. Ich erinnere mich sogar daran, dass es einen Sonderteil in der Lokalzeitung gab. Ich konnte mir eine Welt ohne Stalin nicht vorstellen! Dahingegen war mir die europäische Konstruktion weiterstgehend unbekannt.

Wodurch hat sich das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa in 56 Jahren gewandelt?

Ich muss sagen, dass auch im Jahr 2006 viele Jugendliche unwissend und undifferenziert auf Europa schauen, so wie ich es damals auch getan habe. Das ist paradox, denn normalerweise sollten Jugendliche, ob sie Italiener, Deutsche oder Franzosen sind, Europa kennen, den Grund des Gemeinschaftprojektes verstehen und dem europäischen Ideal zustimmen. Obwohl viele Jugendliche tagtäglich Europa leben, stellen sie sich keine Fragen. Sie lernen Fremdsprachen oder reisen mit dem Erasmus- Programm, aber ich habe den Eindruck, dass sie sich keine Fragen über den Sinn des europäischen Projektes stellen. Sie betrachten das Leben in Europa als eine Tatsache und denken nicht weiter. Das ist schade!

1950 lagen viele Hoffnungen auf dem europäischen Projekt. Ist es heute von Angst belastet?

Heute haben die Jugendlichen Angst, aber die Gründe dieser Ängstlichkeit liegen nicht nur in Europa. Sie fürchten sich vor der Öffnung der Grenzen oder der Globalisierung. Eine andere Sorge betrifft die Schwäche unseres Staates. In Ländern wie Frankreich spielt der Staat eine sehr wichtige Rolle in den Bereichen soziale Sicherheit und Schutz der Freiheiten. Wenn man nur den gemeinsamen Markt in den Vordergrund stellt, vermittelt Europa den Eindruck, dass man sich lediglich für die Wirtschaft interessiert. Der Materialismus siegt, wenn man sich nur auf Fragen des Geldes und der Währung konzentriert.

Das sind sehr wichtige Punkte, aber sie vermitteln keine Hoffung. Sie erklären vielmehr warum das Bild Europas heute keine Wärme vermittelt. Wenn keine geistige Dimension Europas existiert, kein Ideen, Werte, Vorstellung von der Gesellschaft, wird das Projekt trocken, kalt und abschreckend. Ich glaube, daraus resultiert das derzeitige Gefühl der Frustration und die Unsicherheit im Hinblick auf Europa. Die Jugendlichen brauchen ein zuversichtliches, fast mütterliches Europa. Doch diese beschützende Seite Europas hat man geopfert.

Der Europatag lebt auch von der Erinnerung. Können sie uns eine Episode aus ihrem „europäischen Leben“ erzählen?

Der wichtigste Moment für mich war die Aufnahme Spaniens in die Europäische Gemeinschaft. Ich war damals Mitglied der französischen Delegation, die für die Aufnahme Spaniens ins Europaparlament eingetreten ist. Im Dezember 1985 hat man im Raum des Ministerrates in Brüssel mitten in der Nacht nach einem unglaublichen Marathon die Verhandlungen beendet. Außerdem hat man die spanische Delegation unter der Leitung des spanischen Außenministers Fernando Morán hereingebeten. Er kam auf mich zu, reichte mir die Hand und rief freudig: “Danke Frankreich. Ich werde nie vergessen, was sie für mein Land getan haben!“ Daran werde ich mich immer erinnern.