Die Idiotenwähler: Ein Kommentar zur Geschichte der Wahl in Frankreich

Artikel veröffentlicht am 17. April 2012
Artikel veröffentlicht am 17. April 2012
Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen werden wir mal wieder mit detaillierten Statistiken überhäuft. Sie analysieren das Wählerverhalten anhand verschiedener Kategorien, zum Beispiel der „Jungwähler“, der „Frauen“ und der „Alten“.
Doch welche Stimme immer wieder überraschend eine Wahl umstürzt und durch die Bank alle Wählerkategorien betrifft, ist das sogenannte „vote con“: die Idiotenwähler.

In Frankreich gibt es eine unförmige Wählermasse, die es fertig bringt, innerhalb weniger Jahre vom Pferd zum Esel umzusatteln. Laut Statistik machen sie 10 bis 20 Prozent der Wählerstimmen aus. „Unförmig“ sind sie deshalb, weil es schwierig ist, sie näher einzugrenzen und ihre Wahlverhalten vorauszusagen. Wie also kann man sie erkennen?

Es tut weh, aber ich wähle „richtig“

Eine Antwort auf diese Frage fällt schwer. Denn, auch wenn sich viele Idioten verstecken, gibt es wiederum andere, die sich stolz zu ihrer Dummheit bekennen. Anfang der 80er gab es Treffen der Front National (FN) bei denen sich Sympathisanten in T-Shirts mit dem Spruch „Ich bin ein Idiot, ich habe '81 Mitterrand gewählt“ zeigten. Hierbei handelt es sich also um offenkundige und teils militante Dummheit. Aber nicht immer tritt der Idiotenwähler so offen auf. Oft ist er unsichtbar, eher verschämt und geradezu duckmäuserisch.

Auch ist es schwer den Begriff „con“ (deutsch: Idiot, Dummkopf) genau zu definieren. Die Franzosen bevorzugen hier eine kleine sprachliche Spitzfindigkeit. Es heißt „Idiotenwahl“ (franz.: le vote con) statt „Wahl der Idioten“ (franz.: vote des cons), um auch wirklich niemanden zu beleidigen. Denn wer kann sich sicher sein, sich niemals „idiotisch“ entschieden haben, obwohl er  immer „richtig“, sprich: nützlich, gewählt hat?

Es stimmt, dass der Aufruf zur „richtigen“ Stimme – es sind übrigens immer die kleinen Würstchen die dazu aufrufen, nie die wirklichen Chefs –Schlagworte wie Strategie, Plan und Intelligenz in uns hervorruft. Ich nenne ein Beispiel: Ich wähle nicht rechts, ich bin links. Aber ich sehe es als meine Bürgerpflicht an, die Rechtsextremen zu blockieren. So hat es sich 2002 abgespielt, als die traditionellen Linkswähler die Wahl von Jean-Marie Le Pen während des zweiten Wahlgangs zum Präsidenten torpediert haben. Es tut mir weh, aber ich wähle „richtig“. Ist das einzig das Spiel „Demokratie“? Die vermeintlich „richtige“ Wahl zu treffen? Fühlt man sich so nicht auch manipuliert und dazu verleitet, vielleicht eine Dummheit zu begehen?

Ist der Idiotenwähler ein perverser Effekt der Demokratie?

Der Aufruf zum „vote con“ existiert seit eh und je. Und er ist selten verschleiert. Unsere Politiker bedienen sich einer Bandbreite an Ressentiments wie Angst, Neid oder Eifersucht – deren Ausprägungen sich von „wir beschützen euch“ bis zu „ich hasse die Reichen“ erstrecken. Ich wette, dass der aktuelle Wahlkampf, welcher nicht gerade durch seine Geisthaftigkeit brilliert, sich zu einem lauter werdenden Konzert an immer direkteren Aufrufen zur Dummheit steigern wird.

Gäbe es eine „Wahlsoziologie für Dummies“, so würde darin stehen dass das „vote con“ in Wirklichkeit das Resultat einer ausgeklügelten Taktik der Parteien sei. Letztere sträuben sich plötzlich gegen diese sogenannten „Idiotenfallen“ (pièges à cons), die seit dem 68er-Slogan „Wahlen, Idiotenfallen“ (« Élections, pièges à cons ») von Jean Paul Sartre , so populär sind.

Ein Land, das niemandem den Führerschein entzieht, dessen  Sehkraft nachlässt, nimmt auch niemandem das Wahlrecht weg, wenn er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

Aber Achtung, wir wollen hier natürlich nicht alle über einen Kamm scheren: Das „vote con“ ist nicht einzig den Idioten vorbehalten. Es kann auch „erlernt“ werden. Dafür ausreichend ist ein häufiger und intensiver Gebrauch des „NEIN“ bei Volksabstimmungen, was in Frankreich groß im Kommen ist. So fühlt man sich frei und unabhängig obwohl man eigentlich erzkonservativ und reaktionär ist. Und wer taucht in letzter Zeit immer wieder bei der Gelegenheit eines „NEIN“ auf und macht stetig Wählerstimmen gut mit seinen ablehnenden Ideen? Denken Sie nach, denken Sie nach…, Sie werden schon noch darauf kommen.*

Stellt sich nur noch eine letzte Frage. Ist das „vote con“ eine Frage des Alters? Auch wenn im Allgemeinen gilt „besser wird's nimmer“, kann man doch feststellen: Ein Land, das niemandem den Führerschein entzieht, dessen  Sehkraft nachlässt, nimmt auch niemandem das Wahlrecht weg, wenn er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Könnte man einen Zusammenhang zwischen der alternden Gesellschaft und der steigenden Dummheit erkennen? Das wäre nun wirklich ungerecht und zu stark vereinfacht, besser singen wir wie Brassens: „Bist du ein Idiot, bleibst du einer…“ („le temps ne fait rien à l’affaire, quand on est con“)

Sollte es Leser geben, die nach der Lektüre dieses Artikels den Grad ihrer Dummheit messen wollen – am besten bevor sie wählen gehen. Diese Seite ist ihnen gewidmet.

*Richtige Antwort: Jean-Luc Mélenchons von der Linksfron (Front Gauche)

Fotos (in der Reihenfolge im Text):   (cc) Brice Blondel/flickr, (cc) Sterin/flickr Sterin/flickr; Videos:   OK54mediathek/YouTube,  ptetbenquoui/YouTube