Die iberische Halbinsel: Europas neues Skandinavien?

Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006
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Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006

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Der wirtschaftliche Aufschwung Spaniens und Portugals seit 1986 ist allbekannt. Parallel dazu haben beide Gesellschaften rapide soziale Fortschritte gemacht.

Sowohl in Spanien als auch in Portugal bedurfte es 1986 viel Mut, um sich als Homosexueller zu outen; die Kampagnen für den Gebrauch von Präservativen unter Jugendlichen riefen scharfe Diskussionen hervor; an den öffentlichen Schulen gab es kaum Schüler, die keinen Religionsunterricht nahmen; die Scheidung in Spanien war erst seit fünf Jahren legalisiert, und keiner konnte sich vorstellen, dass die Immigration vor Ende des 20. Jahrhunderts zu einer Herausforderung werden könnte.

Die katholische Kirche

Während der Diktaturen, die Spanien und Portugal im 20. Jahrhundert erlebten, war die katholische Kirche in allen Bereichen des sozialen Lebens absolut allgegenwärtig. Im Zuge der Demokratisierung beider Länder begann ihr historisch starker Einfluss zu schwinden. Portugal wurde 1976 ein laizistischer Staat. Der Laizismus breitete sich von da an Schritt für Schritt aus, bis er 2001, begleitet von Protesten der Kirche und der konservativen Parteien, in der Verabschiedung eines Gesetzes gipfelte, das die Religionsfreiheit garantiert und andere Normen etabliert wie beispielsweise das Verbot religiöser Symbole in öffentlichen Gebäuden.

In Spanien, einem mit dem Katholizismus traditionell verbundenen Land, werden die Kirchen immer weniger besucht, weniger sogar als bei seinen europäischen Nachbarn. So gehen nur 25% der Bevölkerung mindestens einmal in der Woche in die Kirche, in Irland hingegen 84%, in Italien 45%, im Vereinigten Königreich 27% oder in Frankreich 21%. Aktuell dreht sich die Debatte jedoch um ein neues Gesetz der sozialistischen Regierung, das darauf abzielt, die Rolle der Religion im öffentlichen Bildungswesen zu verringern.

Abtreibung und Klonen

Die Gesetzgebung zur Abtreibung unterscheidet sich in Portugal und Spanien kaum. Abtreibung ist lediglich in bestimmten Fällen erlaubt, unter anderem, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Gefahr läuft, physische oder psychische Schäden zu erleiden. Doch während die Gerichte in Spanien diese Norm sehr weit fassen, so dass Abtreibung in der Praxis für jeden möglich wird, der sie benötigt, geschieht in Portugal das Gegenteil. Dort werden nach offiziellen Angaben zwischen 20.000 und 40.000 heimliche Abtreibungen im Jahr durchgeführt. Nach verschiedenen gescheiterten Versuchen, Abtreibung zu legalisieren, plant die Regierung von José Sócrates immer noch ein Referendum zu dem Thema, obwohl es bereits zwei Mal verschoben wurde.

In beiden Ländern der iberischen Halbinsel ist das reproduktive Klonen verboten. Doch während es in Portugal keine Gesetzgebung zur Stammzellenforschung gibt, wird diese Möglichkeit in Spanien seit 2003 in Betracht gezogen. Durch das Gesetz zur künstlichen Befruchtung vom Mai 2005 ist Spanien in die Gruppe derjenigen Länder aufgerückt, die in Bezug auf die Forschung mit Stammzellen und das therapeutische Klonen die fortschrittlichste Gesetzgebung besitzen.

Homosexualität

Artikel 13 der portugiesischen Verfassung verbietet, jemanden aufgrund seiner sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Aber trotz der enormen Fortschritte, die das Land in den letzten 20 Jahren erfahren hat, bestehen immer noch einige Diskriminierungen Homosexueller. Homosexuelle Paare können weder heiraten noch Kinder adoptieren, obwohl es ein Gesetz über uneheliche Lebensgemeinschaften gibt. Das portugiesische Strafgesetzbuch sieht für homosexuellen Missbrauch von Minderjährigen höhere Strafen vor als für heterosexuellen. Außerdem verwendet es diskriminierende Ausdrücke wie homosexuelle „Praktiken oder Vergewaltigungen“ im Gegensatz zu „sexuellem Missbrauch“, wenn das Delikt von einem Heterosexuellen begangen wurde.

Spanien ist seit April 2005 das dritte Land der Welt, dass eine Ehe gleichgeschlechtlicher Partner erlaubt, und das erste, dass ihnen die gleichen Rechte zuerkennt wie heterosexuellen Paaren, eingeschlossen das Recht auf Adoption. Diese Maßnahme unterstützten 66% der spanischen Bevölkerung – ein grundlegender Wandel angesichts der Tatsache, dass Homosexuelle noch vor 30 Jahren allein für ihr sexuelle Orientierung eingesperrt werden konnten.

Immigration

1981 gab es in Portugal lediglich 54.000 ausländische Einwohner, zehn Jahre später waren es schon 100.000 und 2001 mehr als 350.000, die überwiegend aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien sowie aus Osteuropa kamen. Portugal wurde so zum viertem Land in der Europäischen Union (EU) mit dem größten Wachstum an ausländischer Bevölkerung.

In Spanien machten die Ausländer 1986 nicht einmal einen Prozent der Bevölkerung aus, während der letzten Jahre aber hat sich das Land zum ersten Aufnahmeland für Immigranten in der Union entwickelt. So hat sich einer von drei Immigranten, die zwischen 2004 und 2005 in die EU eingereist sind, in Spanien niedergelassen. Diese neuen Spanier stellen mittlerweile 8,4% der Bevölkerung dar und haben das Problem der niedrigen spanischen Geburtenrate gelöst. Die Bevölkerungszahl ist von kaum 40 Millionen Einwohnern im Jahr 2000 auf mehr als 44 Millionen am Ende des Jahres 2005 angewachsen.