Die grüne Revolution in Budapest

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2008
In Budapest werden Protestkundgebungen gegen die Luftverschmutzung in der Stadt organisiert. Aber von der lustigen Demo auf dem Fahrrad bis in die große Politik ist es kein leichter Weg.

"Biking city", zwei Worte wie gemacht für einen Slogan. Auf T-Shirts, Computerbildschirmen in Internetcafés, auf Plakaten und manchmal sogar als Souvenirs für Touristen….. man sieht sie in der ganzen Stadt. Budapest könnte das Fahrrad als neues Wahrzeichen der Stadt deklarieren. Am 20. April, dem Tag der Erde, strömten tausende Aktivisten nach Budapest, um für das Fahrrad als 'kleine Königin auf dem Asphalt' - wie man in Frankreich sagt - zu demonstrieren.

©Gonzalo OvejeroSeit 2004 werden diese spontanen Fahrraddemos mit dem klingenden Namen 'critical mass' organisiert. Im Jahr 2007 wurde die kritische Masse von 50.000 Teilnehmern erreicht. Laut Organisatoren handelt es sich um einen Weltrekord: "Es ist cool geworden, Fahrrad zu fahren", bemerkt Gabor Bihari, 38, einer der 50 aktiven Mitglieder, die sich im Organisationskomitee engagieren. "Symbole politischer Parteien sind verboten; man trägt lustige Kostüme und man tritt für einen guten Zweck gemeinsam in die Pedale." Laut Bihari hat sich 2007 die Zahl der Fahrradfahrer, die an der Demo teilnehmen, verdoppelt. Und das in nur drei Jahren. "Ökologie setzt sich immer erfolgreicher durch, denn es ist eine Form der konkreten Beteiligung, die viele Teile der Gesellschaft vereint. Das ist viel konstruktiver als die politischen Lager. Sie bringt einen weiter, man wird im gesellschaftlichen Sinn geheilt", sagt Gabor weiter.

Gärten auf Beton

Aber wovon geheilt? Von der Luftverschmutzung, die das neuralgische Zentrum der Stadt an der Donau in Beschlag nimmt? Auf der anderen Seite liegt der Stadtteil Buda auf einem mit Bäumen gesäumten bürgerlichen Hügel. Hier wird ordentlich verpestet. Die Luftqualität Budapests erreicht verglichen mit anderen europäischen Hauptstädten mittlere Werte. Aber die Werte für die Belastung durch Feinstaub (PM 10 und PM 2,5) sowie Stickoxyd sind immer noch zu hoch. Sie liegen über den von der Europäischen Union festgelegten Durchschnittswerten: 2005 und 2006 verzeichnete Budapest 160 als gesundheitsgefährdend eingestufte Tage, 2007 waren es 105. Für diesen Zustand waren zu 85 Prozent die Autos verantwortlich. Sie greifen beispielsweise die Grünflächen der Stadt an: "Im Zentrum kommt auf jeden Bürger nur ein halber Quadratmeter an Grünfläche", versichert Kristin Faurest, eine englische Stadtplanerin, die in Budapest wohnt. Das ist sehr wenig verglichen mit den 10 Quadratmetern, die die Unesco vorsieht, oder mit den 2,5 Quadratmetern , die man in Paris zur Verfügung hat.

©http://gang-gong.blogspot.com/

Auch die gespaltenen Lager verpesten das politische Klima. Die Ungarn gehen gerade durch ein politisches Tal der Tränen. Am 18. April kam es zu Streiks der öffentlichen Verkehrsmittel in Budapest. Weder Bus, noch Tram, noch Metro fuhren: die Budapester hatten so ein Chaos seit zehn Jahren nicht erlebt. Das 'Nein' beim Referendum über die Finanzreform im Gesundheits- und Bildungssektor Anfang März war ein Rückschlag für die regierende sozialistische Partei, die für viele Linke ein korrupter Haufen geworden ist. Für sie könnte das ökologische Engagement das Gegengift für diese beiden Symptome sein. Ein Mittel, um eine desillusionierte Bevölkerung erneut zu mobilisieren. Wenn in Budapest wieder einmal Grünflächen verschwinden, dann nehmen die Bürger Hacke und Samen und legen kleine Gärten auf den Terrassen und in den Hinterhöfen ihrer Wohnungen an. Über ein Dutzend neue Gärten sind so entstanden. Das freut Kristin Faurest, Autorin zweier Bücher über die Art und Weise, Pflanzen in Städten und auf Mauern zu anzubauen: "Das entwickelt sich hier zu einer richtigen Mode."

Dem Smog den Kampf ansagen

Nun muss dieser Trend nur noch zu einer dauerhaften Kultur werden. Das Ziel ist nicht unerreichbar: "Die Leute sind sich der Umweltgefahren immer mehr bewusst, aber es fällt ihnen schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern", bestätigt auch Erzsebet Beliczay, stellvertretende Vorsitzende der Clean Air Action Group, einer der größten Umweltverbände Ungarns. "Mit der Ausdehnung der Stadt wächst auch die Zahl der Autofahrer. Die Politiker sind sich dessen nicht bewusst. Der Beweis: die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr teuer, so teuer wie in Brüssel oder Zürich."

Ende März hat sich ein kleiner Zusammenschluss von Vereinen unter dem Namen 'Stop smog. Stop Auspuffagse' gegründet. Sie richten sich gegen die Untätigkeit der Stadtverwaltung und der Verkehrpolitik. Es ist die Idee entstanden, eine Mautgebühr für große LKW in der Stadt zu erheben. Auch die Einwohner sollen mobilisiert werden: "Wir werden ein Picknick an der Donau organisieren, dort wo die Autos entlang fahren. Damit wollen wir zeigen, dass wir mehr Fußgängerzonen wünschen", erklärt Vay Marton, verantwortlich für Entwicklung im Verein Védegylet ('Schütze unsere Zukunft'). Auf der Bartok Ut, wo sein Büro liegt, sagt er: “Das Potenzial dieses Zusammenschlusses ist wirklich groß, gerade dank der Radfahrerverbandes. Der Slogan: Stop smog ist nicht nur öko, er spricht die Lebensqualität der hier ansässigen Menschen an“, sagt der junge Aktivist mit einem Bio-Tee in der Hand.

Eine 100% ökologische Regierung

Sein Verein hat ein Dutzend Angestellte und ist sehr beliebt in der ungarischen Hauptstadt. Er verfolgt große Ziele: Nach dem Kampf gegen ein NATO-Radarsystem in Zengo, haben seine Mitglieder über die Schaffung des Postens eines Ombudsmannes für die Republik abgestimmt, der sich für die "kommenden Generationen" einsetzen und weit reichende Befugnisse haben soll. Ihr Vorsitzender hat es sogar auf die Wahllisten zum Präsidenten der Republik Ungarn geschafft!

Ohne einer politischen Partei anzugehören, hat sich László Sólyom, einer der Gründungsväter der ungarischen Demokratie, vor allem auf die Zivilgesellschaft gestützt und wurde im Jahr 2005 als Honorarpräsident gewählt. Er ist damit der 'grüne Präsident' des Landes, an der Spitze einer weltweiten Bewegung grüner Präsidenten. Sólyom hat selbstverständlich auch an der Fahrraddemo 2007 teilgenommen und wurde sogar von zwei Leibwächtern auf Rädern geschützt. Ein gewöhnliches Fahrrad und eine ungewöhnlich große Unterstützung für die lokalen Umweltvereine.

Eine neue lokale grüne Partei

©Jane MéryDer Grundstein für eine grüne Strategie ist in Ungarn gelegt. Die jungen Triebe der Umweltbewegung haben ihren Ursprung im öko-Militantismus der 80er Jahre. Damals waren die Umwelt und vor allem der Bau eines Wasserkraftwerkes an der Donau die Themen, die viele Menschen gegen das Sowejtregime mobilisierte. Heute ist die Gründung einer neuen, grünen nationalen Partei auf bestem Wege. Ungefähr 150 Personen treffen sich regelmäßig, um diese seit Monaten gereifte Idee weiterzudenken. Aber Aktivisten kämpfen momentan noch mit finanziellen Probleme. Sie könnten das Hauptziel der Bewegung eventuell gefährden: 2009 einen Kandidaten für die Europawahlen aufzustellen.

Die Aktivisten bleiben jedoch standhaft, wenn es um die Begeisterung der Ungarn für den Drahtesel geht: "Fahrrad fahren ist in. Politik nicht", sagt Kristof Szombati, Aktivist bei Védegylet, der die Bedeutung der Fahrradfahrerbewegung relativiert. Trotzdem bleibt er optimistisch: "Es gibt heute viele Vereine, die Öffentlichkeitsarbeit machen. Aber das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Wir verspüren erste Regungen einer ökologischen Denkweise, Symptome."

Das große Budapester 'Bike rising'