Die Glut der letzten Zigarette verglimmt:  Helmut Schmidt ist tot

Artikel veröffentlicht am 11. November 2015
Artikel veröffentlicht am 11. November 2015

Der Altbundeskanzler, Europäer, Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und Denker Helmut Schmidt ist heute Nachmittag im Umfeld seiner Familie verstorben.

„Ich will nicht 100 Jahre werden, aber auch das kann ich nicht verhindern.”, sagte Helmut Schmidt zu Sandra Maischberger bei seinem letzten Fernsehauftritt im April dieses Jahres. Sein Wunsch wurde heute Nachmittag erhört. Im Beisein seiner Familie ist er in seinem Hamburger Stadthaus gestorben.  

Anfang September wurde bereits bekannt gegeben, dass Helmut Schmidt dem blauen Dunst abgeschworen habe. Ein Blutgerinnsel  am rechten Bein war der Grund für das Rauchverbot. Als die Nachricht herauskam, habe ich sofort  an meinen Opa denken müssen, der bis zu seinem Tod bei meiner Mutter und mir gelebt hat. Mit 93 Jahren zog er noch genüsslich an der Zigarre und hüllte dabei immer das ganze Haus in dicke Rauchschwaden. Mich hat es ehrlich gesagt ziemlich genervt, weil sich der Rauch in meiner Kleidung und meinen Haaren festsetzte. Tagelang. Aber wir haben ihm die Zigarren zugestanden. Eigentlich rauchte er gar nicht, sondern paffte nur. Aber das spielt keine Rolle. Mit leuchtenden Augen hielt er die Zigarre zwischen seinen zittrigen Fingern. So paradox es sich auch anhören mag, die Zigarre war sein und alles, sein Lebenselixier.

Dank meines Opas kann ich mich in Helmut Schmidt hineinversetzen und verstehe, was es bedeutet, wenn der Arzt ein Rauchstopp verhängt. Es ist wie ein vorzeitiger Tod.

Qualmen und debattieren

Helmut Schmidt hat in seinem ganzen Leben  15 Jahre und 2 Monate ohne Glimmstängel auskommen müssen  – von der Geburt bis zur Pubertät und in seinen letzten Lebensmonaten. Wie keine andere Persönlichkeit der Zeitgeschichte hat er das Rauchen mit so viel Klasse und Charisma betrieben. „Auf eine Zigarette treffen“  - so nannte er es, wenn er Gespräche mit Intellektuellen und Philosophen führte. Untrennbar miteinander verbunden seine Arbeit und Nikotin-Leidenschaft.

ÖlschockNato-Doppel-BeschlussRAF-Terrorismus  – die Zigarette blieb. Der „Macher“, „Krisenmanager“ und Sozialdemokrat hielt an seinen moralischen und politischen Grundsätzen fest und zeichnete sich stets durch seine Geradlinigkeit aus.

Großer Staatsmann 

Im Jahr 2013 fand eine Forsa-Umfrage heraus, dass die Deutschen Helmut Schmidt für den bedeutendsten Kanzler der Nachkriegsgeschichte halten. Sein Amt als Bundeskanzler hat er 1982 niedergelegt. 31 Jahre später hat sich an seinem Ansehen nichts geändert. Er blieb einer der gefragtesten Männer. Talkshows rissen sich um ihn. Die Quoten schnellten nach oben, wenn Helmut mit hanseatischer Trockenheit und glasklarem Verstand seine Sicht auf die Welt preisgab. Um Zwischenfälle zu vermeiden, wurden vorher übrigens alle Rauchmelder aus den TV-Studios entfernt. Ja, Helmut Schmidt bekam seine Extrawurst und das mit Recht.

Nicht nur mein Opa sah in ihm ein großes Vorbild, ganze Generationen hat er politisch und menschlich geprägt. Trotz des Ruhmes übte er sich zeitlebens in Bescheidenheit. Für seinen Grabstein hat er sich vor einigen Jahren folgenden Satz überlegt: „Das war einer, der hat versucht, seine Pflicht anständig zu tun.“