„Die Gesundheit hat für die Regierung keine Priorität“.

Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2003

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In welchem Zustand befinden sich die Gesundheitssysteme Osteuropas? Eine Expertin und ein Student berichten.

Paulina Miskiewicz ist als Programmkoordinatorin für Polen im europäischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Warschau tätig. Dabei steht sie in Verbindung mit dem polnischen Gesundheitsministerium.

Sie stellt uns die Eigenschaften des öffentlichen Gesundheitswesens der postsozialistischen Länder und künftigen Mitglieder der EU und die Art der Gesundheitsfürsorge der mittel- und osteuropäischen Länder dar.

Im Gegensatz zu dieser technischen Perspektive unterstreicht der Krakauer Jurastudent Marek Milewzki verschiedene praktische Probleme innerhalb des Gesundheitssystems seines Landes.

Diese zwei unterschiedlichen Perspektiven zeigen die ganze Bandbreite der Problematik der Gesundheit in einem erweiterten Europa.

café babel: Frau Miskiewicz, könnten Sie als Verbindungsperson und Ansprechpartner der WHO in Polen die Hauptproblematiken -punkte der Gesundheitspolitik in Polen und den zentral- und osteuropäischen Länder darstellen?

Paulina Miskiewicz: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus müssen sich die Fragestellungen innerhalb der Gesundheitspolitik ändern, da alle Bereiche sich nun in den freien Markt integrieren müssen. Dies gilt auch für das Gesundheitssystem. Wir müssen deshalb neue Wege der Finanzierung finden. Vor der Unabhängigkeit haben wir alle mit dem berühmten „Semachko-System“ gearbeitet, welches freien Zugang zur Gesundheitsfürsorge ermöglichte. Der Staat stellte die Gelder für die Be-kämpfung von Krankheiten bereit und die primäre Verpflegung wurde von den Polykliniken gewährleistet. Eigentlich war die Gesundheitsfürsorge kein Sektor, dem innerhalb des BIP Priorität beigemessen wurde, es gab eine hohe Sterblichkeitsrate und das „Semanchko-System“ war für den Staat sehr kostspielig. Nach dem Fall des Kommunismus mussten die zentral- und osteuropäischen Länder der Bevölkerung ein effizientes Gesundheitssystem zur Verfügung stellen.

In Polen wurde das Bismarcksche System implementiert. Es basiert auf der Beteiligung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, welche in den Versicherungstopf einzahlen. Dies ermöglicht ihnen den Zugang zu verschiedenen Bereichen des Gesundheitssystems.

Welche Rolle hat die WHO bei der Reform des Gesundheitssystems in Polen gespielt?

Es gibt ein strategisches Papier, welches auf die Prioritäten Polens hinweist und die WHO versucht, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Die WHO hat mehrere Programme initiiert, welche sich mit Nahrungsmittelsicherheit, der Gesundheit von Kindern und der pharmazeutischen Politik beschäftigen. Daneben wurde 2002 eine „zweijährige Vereinbarung zur Zusammenarbeit“ zwischen dem Gesundheitsministerium und der WHO getroffen. Diese beschäftigt sich u. a. mit politischen Entwicklungen (beispielsweise im Alkohol-Aktions-Plan), der Infrastruktur- und Systementwicklung, also dem Aufbau von Kapazitäten zur Gesundheitsinformation. Außerdem unterstützt er die Implementierung von Gesetzgebungs- und Führungsinstrumenten.

Die WHO stellt das Kapital zur Verfügung, im Gegenzug dafür stellt die polnische Regierung Personal, Materialen und Ausstattung bereit. Der Staat hat die Möglichkeit dieses System zu nutzen, um der Bevölkerung notwendige Gesundheitsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Dies wird aber nicht zwangsweise damit verbunden.

Ist das europäische Modell in Polen und den zentral- und osteuropäischen Län-dern implementiert worden?

Nicht exakt, denn jedes Land hat seine individuellen Bedürfnisse und die WHO versucht den Service auf die Bedürfnisse zuzuschneiden. Aber in einer gewissen Weise versucht das Konzept der WHO bezüglich der Gesundheitspolitik, Systeme zu harmonisieren und Indikatoren und Instrumente zu entwickeln, welche konform mit dem Beitrittsprozess einhergehen. Mehr noch: wir haben das „ neue Programm des öffentlichen Gesundheitswesens (2003- 2008)“ welches den Vorgaben der Kommission folgt.

Denken Sie, dass für Polen das liberale System attraktiv sein könnte, besonders wo die Weltbank einigen Einfluss im Bereich der Gesundheitsfürsorge hat?

Polen wird das Bismarcksche System einführen, auch wenn dies nicht in der ursprünglichen Form stattfindet. Bis jetzt gibt es kein perfektes System. Die Weltbank konzentriert sich eher auf die Observation europäischer Gesundheitssysteme oder auf die globale Partnerschaft für Sicherheit. Wir haben nur einige gemeinsame Pro-jekte, da wir UN-Agenturen sind, aber die WHO ist die einzige Organisation, die ein Mandat für die Gesundheit hat.

Marek, was denkst du als Student über das polnische Gesundheitssystem seit dem Ende des Kommunismus?

Im Grossen und Ganzen haben die Ärzte eine gute akademische Ausbildung und sind kompetent. Trotzdem gibt es bestimmte Schwierigkeiten. Das prinzipielle Problem unter dem das Gesundheitssystem leidet ist die Bürokratisierung. Sie verhindert einen gerechten Zugang zu Pflege und beeinflusst die Qualität. Außerdem existiert nach der Übernahme der linksgerichteten Regierung das Stufensystem der Krankenversicherung nicht mehr.

Die rechtsgerichtete Regierung hatte einen zentralisierten Fond geschaffen, der manchmal den Gehaltszahlungen der Funktionäre eine höhere Aufmerksamkeit widmete. Die linksgerichtete Regierung hat die Krankenkassen abgeschafft und eine andere, eher dezentralisierte Art von Fond eingerichtet, die allerdings immer noch schlecht strukturiert ist. Die Gesundheit hat für die Regierung keine Priorität.

Zusätzlich existiert das Problem der Korruption. Generell zählt das Geldargument, wenn man schnell operiert werden will. Das gleiche gilt; wenn man von einer Krankenschwester gepflegt werden will, wenn man ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das ist ein Teufelskreis. Theoretisch sollte das System aber gratis sein, da man Beiträge zahlt, um Zugang zu allen Arten der Pflege zu haben.

Die medizinischen Berufen werden in Polen mit am schlechtesten bezahlt. Deshalb werden viele korrupt, um wenigstens ein einigermaßen akzeptables Gehalt zu bekommen. Außerdem genießen Ärzte einen guten Ruf und werden protegiert. Man spricht sogar von einer „Medizin- Mafia“.

Natürlich gibt es auch gute Mediziner, die einen Sinn für Ethik haben. Aber es gibt gewisse Entgleisungen. An der Schwelle des Beitritts zur EU sollte man die Systemschwierigkeiten nicht abstrahieren. Momentan – das ist zwar ein extremes Beispiel – stehen etwa Mediziner vor Gericht, denen vorgeworfen wird, ältere Patienten be-wusst getötet zu haben. Dadurch verschafften sie Beerdigungsunternehmen zusätzliche Geschäfte und bekamen dafür Provision.

Heutzutage ist es möglich, dass Patienten Mediziner verklagen, wenn diese einen Fehler begangen haben, was sehr positiv ist. Früher wurden Mediziner durch die Verbandspolitik der Mediziner geschützt. Es gibt zwar immer mehr Transparenz, aber es ist immer noch notwendig, dass die Patienten ihre Rechte kennen lernen.

Die Vereinigung «Primum non nocere» klärt Patienten über ihre Rechte auf. In diesem Sinne existiert ein Fortschritt. Aber wenn Polen in 6 Monaten der EU bei-treten wird, werden die Richtlinien zur Gesundheitsvorsorge nicht angewendet werden. Es ist dringend nötig, diese Mentalität zu ändern.