Die fünf Graustufen des Antonio Tajani

Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2017

Die Wahl von Antonio Tajani (63) zum Präsidenten des Europaparlaments verlief unspektakulär. Bereits am Morgen des 17. Januar schienen sich die Fraktionen EVP und ALDE auf den Italiener geeinigt zu haben, der in Martin Schulz' Fußstapfen treten soll. Antonio Tajani in fünf Graustufen [Kommentar].

Der frischgebackene Präsident des Europaparlaments, Antonio Tajani, bewegt sich meistens weit entfernt von Spotlights und Mikrofonen. Moderates Verhalten und Loyalität zur Partei sind zu den Markenzeichen des Italieners geworden. Ein Mann dieser Größe sei unumgänglich für das Räderwerk der europäischen Maschine, wenn man dem Punkt 'Aktivitäten' seines Internetauftritts Glauben schenken möchte. Dort ist auch vermerkt, dass es dank seiner Arbeit möglich sei, „das Europa der Finanzen mit der Strategie ‚Für eine industrielle europäische Renaissance‘ in den Schatten zu stellen. Volles Programm. Trotzdem kannten den neuen Präsidenten des EU-Parlaments außerhalb der „Eurobubble“ (das politische Establishment in Brüssel und Straßburg) nur wenige. Wir stellen ihn in fünf Punkten vor.

Im Windschatten von Berlusconi

Der Name Silvio Berlusconi ist in der Karriere von Antonio Tajani omnipräsent. Er galt als Vertrauter des Ex-Cavaliere seit der Gründung von dessen Partei 1994. Es heißt, Tajani sei sogar zur Gründung von Forza Italia präsent gewesen. Erst durch einen kleinen 'Unfall' im gleichen Jahr, beginnt sein europäisches Abenteuer. Aufgrund eines bürokratischen Patzers konnte Tajani nicht auf einer Liste seiner Partei Forza Italia antreten. Seine kurz darauffolgende 'Bewerbung' schien also wie eine willkommene Notlösung. Aber auch wenn der Körper in Brüssel ist, die Seele bleibt in Rom. Tajani startet 1996 einen weiteren Versuch auf einer Liste der Forza Italia - und wieder muss er eine Niederlage einstecken. Nach der Niederlage von 2001 kandidiert Tajani, unter den Farben der Berlusconi-Partei, schlussendlich für das Bürgermeisteramt von Rom. Wieder nichts! Es muss wohl zu diesem Zeitpunkt gewesen sein, dass Antonio Tajani nach drei vergeblichen Versuchen verstanden hatte, dass seine Karriere ihn weit außerhalb der italienischen Grenzen führen würde. 

Europa-Kickstarter

Seit vielen Jahren streift der italienische Politiker nun schon die Korridore der europäischen Institutionen und ist damit einer der Beamten mit dem längsten Durchhaltevermögen. Eine Karriere, die Prestige und Kenntnisse mischt, und der sich eine beachtliche Anzahl europäischer öffentlicher Funktionen beimischt: Seit 1994 Europaabgeordneter, wird Tajani anschließend Transportkommissar, später Industriekommissar (währenddessen der Volkswagen-Skandal losbrach). Kritiker werfen Tajani vor, auch während seiner Zeit als Kommissar schon von Abgasmanipulationen gewusst zu haben. 2015 wird er trotzdem zum Vize-Präsidenten des Europaparlaments ernannt, dann zum Vize-Präsidenten der Europäischen Volkspartei. Die konservative Fraktion behält somit die drei wichtigsten Posten innerhalb der europäischen Institutionen inne, die beiden anderen werden von Jean-Claude Juncker und Donald Tusk bekleidet, während die Partei von Silvio Berlusconi einen (kleinen indirekten) Moment der Euphorie in einem sonst eher ablebenden Berlusconi-Reich erlebt. Die Zeiten für die europäischen Sozialisten sehen damit alles andere als rosig aus.

Es lebe der König

War Tajani der eiserne Demokrat, von dem heute die Rede ist? Während seiner Jugend war Antonio Tajani Aktivist in der Monarchischen Jugendfront, eine Branche der Monarchischen Union Italiens. Er erklärte damals und heute, dass er für die Wiedereingliederung der Savoie nach Italien sei. Ein ehemaliger Monarchist an der Spitze der demokratischsten europäischen Institution, es lebe der König!

Idol der Euroskeptiker

Der Albtraum der Europäisten des Alten Kontinents, der Böse aller Bösen, der englische Rechtspopulist und Brexit-Beschleuniger der UKIP Nigel Farage, hat Antonio Tajani oft und gern seine Unterstützung zugesagt, als er noch Kandidat für den höchsten Posten im parlament war. „Ich bin mir sciher, dass Tajani gewinnt. Er ist der pragmatischste von uns allen.“ Wenn die Auseinandersetzungen mit den anderen beiden Kandidaten dieser ‘Wahl’, Gianni Pittella (Vorsitzender der Fraktion S&D) und Guy Verhofstadt (Vorsitzender ALDE, und Brexit-Chefverhandler im Namen der EU) haben der Wahl Tajanis sicherlich auch Gewicht verliehen, aber was genau versteckt sich hinter dieser Unterstützung? Schon bedenklich, dass jemand, der sich mit ganzem Herzen für die Desintegration Europas eingesetzt hat, einen der Kandidaten seine Unterstützung zusagt.

Ein Mann von Welt

Antonio Tajani ist mehrsprachig. Seine Rede kurz vor der Wahl leitete er zunâchst auf English ein und ging dann fließend ins Italienische, Französische und Spanische über. Das ist löblich, insbesondere wenn man das Sprachniveau vieler italienischer Politiker (inklusive Gianni Pittella) betrachtet. Wir sind an das „shish“ unseres Ex-Ratspräsidenten und verspätete Flüge aufgrund eines zu starken 'waind' unseres Außenministers ja bereits gewöhnt. Da scheint Tajani wilkommene Abwechslung. Der deutschen Presse ist das Englisch des neuen Parlamentspräsidenten trotzdem zu 'rustikal'.

BONUS. Eine eigene Straße

Richtig gelesen. Es gibt tatsächlich einen Ort auf dieser Welt, an dem man eine Straße nach Antonio Tajani benannt hat. Die Stadt heißt Gijón und befindet sich in Spanien. 2013 hatte Tajani in seiner Funktion als EU-Industriekomissar in einem Konflikt zwischen der amerikanischen Firma Tenneco, die ihre Filiale im sopanischen Asturias schließen wollte, und Spanien geschlichtet. Mit Erfolg. Seitdem gilt er als „Spaniens bester Amigo“.