Die Eurosex-Mafia

Artikel veröffentlicht am 1. August 2005
Artikel veröffentlicht am 1. August 2005

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Tausende Frauen ohne EU-Staatsbürgerschaft sind gezwungen, sich in den Städten Europas zu prostituieren. Zahlreiche transnationale kriminelle Vereinigungen profitieren dabei von Lücken in den Rechtssystemen der EU-Mitgliedstaaten.

Sei es am Rande einer Autobahn bei Barcelona, im "Bois de Boulogne" in Paris, im Madrider Park des "Casa de Campo" oder im Kiez um die Berliner Kurfürstenstrasse - Tag für Tag spielt sich dort ein ähnliches Szenario ab: Ein Transporter "entlädt" ein halbes Dutzend junger Ausländerinnen, viele von ihnen minderjährig, alle mit aufreizender und provokativer Kleidung. Ihre Mission: maximale Zufriedenheit der Kunden mit minimalen Zeitaufwand schaffen, dabei möglichst viel Profit machen und vor allem - die Nacht überleben. Sie sind nicht alleine. Andere Frauen üben die gleiche Tätigkeit aus, bloß mit dem Unterschied, dass sie dies in einem exklusiveren und luxuriöseren Ambiente tun, und auf ein subtilere Art und Weise. Was viele von ihnen mit den Frauen auf der Straße teilen, ist der Zwang zur Prostitution. Sie sind Opfer von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel.

Arm und zerrüttet

In den vergangenen Jahren hat sich dieses Phänomen in den Großstädten Europas stark verbreitet. Nach Angaben von Europol (pdf) kommen besonders viele der Zwangsprostituierten aus Osteuropa, Nigeria und Lateinamerika. Aber wer sind sie genau und wie sind sie in den Westen gekommen? Das Bildungsniveau ist in der Regel niedrig, die Familien, aus denen sie kommen, sind arm und zerrüttet. Die Schlepperbanden "werben" die Frauen in ihren Heimatländern mit Versprechungen von Arbeit und einer besseren Zukunft im "westlichen Paradies". Wenn sie dort jedoch ankommen, werden sie mit einer völlig anderen Realität konfrontiert. Die Schlepper drohen mit Gewalt, mit dem Entzug des Passes oder mit einer Anzeige bei der Polizei und sichern sich so die "Treue" der Mädchen. Diese erhalten erst dann ihre Freiheit zurück, wenn sie die Reisekosten und den falschen Pass bezahlen, mit dem sie in die Europäische Union einreisen konnten. Zwischen 7000 und 45000 Dollar kostet die Freiheit, die sie sich mit Schweiß und Blut erarbeiten müssen, wie im Bericht „Sexuelle Sklaverei: Eine Herausforderung für Europa“ („L'esclavage sexuel: un défit à l'Europe“)von der franzöischen Stiftung Scelles zu lesen ist.

Folgt man einem jüngst veröffentlichten Arbeitsdokument (pdf) des "Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter" des Europäischen Parlaments, so gibt es derzeit keine exakten Erhebungen, sondern nur Schätzwerte über die Zahl der Frauen, die der Zwangsprostitution ausgeliefert sind. Die Internationale Organisation für Migration (International Organization for Migration, IOM) erklärte im Jahr 1998, dass jährlich etwa 300000 Frauen das Gebiet der EU illegal betreten würden. Die Europäische Kommission schätzt ihre Zahl hingegen auf 120000 pro Jahr und der Europarat nennt schwankende Werte zwischen 120000 und 500000.

Das "Geschäft" mit den Frauen ist äußerst profitabel - laut Interpol kann ein Zuhälter bis zu 110000 Euro pro Mädchen und Jahr verdienen. Diese hohe Gewinnspanne hat die kriminellen Netzwerke im Bereich Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung wachsen lassen. Die transnationalen Organisationen haben ihren Sitz in den Heimatländern des "Rohstoffs" (insbesondere in Russischen Föderation, in der Ukraine, in Nigeria, Albanien und Moldawien), aber auch in den Staaten, wo dieser "konsumiert" wird (Belgien, Griechenland, die Niederlande etc.). In den erstgenannten profitieren die Mafiosi von den Infrastrukturen bei der Anwerbung und genießen die notwendige Sicherheit, um die illegalen Transporte in den Westen vorzubereiten. In den letzteren konnten sich wiederum traditionelle Zuhälterringe und Kontrollnetzwerke entwickeln, welche die sexuelle Ausbeutung der Frauen überwachen.

Globalisierung des Verbrechens

Justiz und Polizei stoßen bei ihrer Reaktion auf den globalisierten Frauenhandel an Grenzen und Einschränkungen. Obwohl die polizeiliche Zusammenarbeit verschiedener Länder bei der Bekämpfung der Zwangsprostitution zugenommen hat, so hat die Polizei bisher doch erst die Spitze des Eisbergs erfasst. Der Umgang mit Prostitution und sexueller Ausbeutung ist innerhalb der nationalen Rechtssysteme sehr verschieden und erschwert ein gemeinschaftliches Vorgehen. In der Tat existieren innerhalb Europas drei völlig verschiedene Strategien. Staaten wie Frankreich oder Großbritannien kämpfen für die Abschaffung der Prostitution, um so die Versklavung, wie sie durch sexuelle Ausbeutung entsteht, zu beenden - davon ausgehend, dass die Frau immer das Opfer ist. Andere Länder, wie z.B. Deutschland und die Niederlande, haben das älteste Gewerbe der Welt stark reglementiert, mit dem Ziel, den Netzwerken des Frauenhandels den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Eine dritte Option ist das totale Verbot der Prostitution, was durch die strafrechtliche Verfolgung des Dreiecks Zuhälter-Prostituierte-Freier geschieht. Diesen Weg gehen EU-Beitrittskandidat Kroatien sowie Rumänien, das im Jahr 2007 Mitglied der Union werden wird.

Die Europäische Union selbst wiederum verfügt über nur sehr begrenzte Handlungsfähigkeit bei diesem Thema, da das Strafrecht immer noch eine intergouvernementale Angelegenheit ist. Trotzdem sind verschiedene Maßnahmen verabschiedet worden wie z.B. ein Beschluss vom März 2002, welche sich mit dem Kampf gegen den Menschenhandel beschäftigt, die Einführung von Aktionsprogrammen (z.B. " Daphne II") oder auch die Richtlinie 2004/81/EG (pdf), die "Erteilung von Aufenthaltstiteln für Drittstaatsangehörige, die Opfer des Menschenhandels sind" vorsieht, wenn die Opfer bereit sind, mit den entsprechenden Behörden zu kooperieren.

Wie sollte in Zukunft also gegen sexuelle Ausbeutung vorgegangen werden? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: die Kooperation zwischen Justiz- und Polizeiapparaten westlicher und nicht-westlicher Staaten, wie sie Schweden und Estland bereits praktizieren, verstärken, Informationskampagnen auf europäischer Ebene entwickeln, mit einem speziellen Fokus auf die Herkunftsländer der Mädchen, oder langfristig daran arbeiten, den Hauptgrund abzuschaffen, welcher die sexuelle Ausbeutung ermöglicht - die Armut. Eine andere sinnvolle Maßnahme wäre, die verschiedenen Gesetzgebungen im Bereich der Prostitution zu homogenisieren. Nach welchem Maßstab jedoch ist eine andere Debatte.