Die Europäer haben die Muslime, die sie verdienen

Artikel veröffentlicht am 17. Dezember 2004
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Artikel veröffentlicht am 17. Dezember 2004

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Der Status der muslimischen Gemeinden in Europa ist sehr unterschiedlich – mit direkten Auswirkungen auf ihre Haltungen zum Fundamentalismus.

“Islam bedeutet Frieden", riefen die Teilnehmer einer Demonstration am 21. November in Köln. Eine nützliche Wahrheit als Erinnerung in einer Welt, in der die meisten Terrorakte im Namen desselben Islams begangen werden. "Man kann nicht sagen, dass alle Muslime Terroristen sind, aber man muss bedauerlicherweise zugeben, dass die meisten Terroristen auf der Erde heute Muslime sind", betont der Herausgeber der internationalen arabischen Tageszeitung Asharq al-Awsat. Nach jedem neuen Terrorakt wächst zwischen Friedensappellen und symbolischen Demonstrationen das Unbehagen der muslimischen Gemeinschaften in Europa. Nach den Attentaten in Madrid am 11. März 2004 marschierten die Muslime in Spanien auf, um Nein zum Terrorismus zu sagen. In diesem Land, wo der Islam stark verwurzelt ist und wo die Muslime als Teil der Landesgeschichte anerkannt werden, war die Reaktion der Muslime, größtenteils Marokkaner, stark und einstimmig. Am 13. März 2004 drückten die spanischen Imame, die in der Union der islamischen Gemeinschaften Spaniens vertreten sind, in einem Kommuniqué ihre "geschlossene, einstimmige und unmissverständliche Verurteilung der in der Hauptstadt begangenen Attentate sowie des Terrorismus im allgemeinen" aus. Obwohl Spanien ein säkularer Staat ist, unterhält die Regierung eine enge Bindung zu den islamischen Institutionen, welche sich bis in Subventionen von Schulen ausdrückt und welche sich über die Ausbildung der Imame vergewissert, im Rahmen einer Politik der "convivencia", der friedlichen Koexistenz.

In Italien hat die Fähigkeit der französischen und spanischen muslimischen Gemeinschaften, sich gegen den Terrorismus zu mobilisieren, einigen Neid hervorgerufen. Und hat den Aufstand von italienischen muslimischen Organisationen gegen Entführung der beiden Simonas, humanitäre Helferinnen im Irak, nach sich gezogen. In Italien stehen die Muslime vor dem Problem, keine gemeinsame Vertretung zu haben. Die 700 000 italienischen Muslime kommen aus verschiedenen Gemeinschaften, die oftmals nicht dieselbe Sprache sprechen. Auch wenn die bestehenden bedeutendsten muslimischen Organisationen sich für Multikulturalismus und Toleranz einsetzen, so fehlt es noch an einer einigenden Bewegung der italienischen Muslime, die ihnen ermöglicht, sich geschlossen gegen den Terrorismus zu stellen.

Druck der arabischen Imame

"Kein Blut auf meinem Schleier", schrien die jungen französischen Musliminnen nach der Entführung von den immer noch festgehaltenen Journalisten Christian Chesnot und George Malbrunot. Die französische muslimische Gemeinschaft wurde weltweit gefeiert für ihre Mobilmachung gegen die Geiselnahme. Dennoch bleibt die Position der 5 Mio. französischen Muslime unscharf, besonders aufgrund von Drucks aus dem Ausland. Laut Imam Moulay aus Marseille 70% der Imame, die in Frankreich predigen, selbsternannt. Die Statistik des französischen Innenministeriums zeigt, dass nur 10% der Imame französische Staatsbürger und nur 50% von ihnen des Französischen mächtig sind. Nichts hindert einen Extremisten daran, sich zum Imam zu erklären und zu predigen. Seit Juli 2003 waren mehr als ein Dutzend Imame von Landesverweisungen durch französische Behörden betroffen. Abdelkader Bouziane, Imam von Vénissieux, ein Vorort von Lyon, hatte durch reaktionäre Äußerungen über die Behandlung von Frauen die Empörung der restlichen Gemeinschaftsmitglieder hervorgerufen. Laut Ahmed Sallam, Herausgeber der algerischen Tageszeitung Liberté und Autor von Djihad in Europa, "gibt es zwei Jahre nach der Gründung des „Conseil Français du Culte Musulman“ (CFCM, Zentralrat der Muslime in Frankreich) noch dieselben Probleme. Die selbsternannten Imame verbreiten weiterhin Botschaften eines anderen Zeitalters unter einer Bevölkerung, die wesentlich aus Jugendlichen aus den Vororten besteht und daher einfach zu manipulieren ist".

Großbritannien steht ebenfalls dem Einfluss der aus dem Ausland stammenden Imame gegenüber. Bis vor kurzem haben die giftigen Predigten des Imams Abou Hamza in der Londoner Moschee Finsbury Park Großbritannien an das Integrationsproblem seiner 2 Mio. Muslime erinnert, die kaum gegen die Entführung vom Briten im Irak demonstrieren. Die muslimische Bevölkerung, die mehrheitlich aus Pakistan stammt, hat sich zurückgezogen, um eine Parallelgesellschaft zu bilden. Vielleicht bezahlt Großbritannien heute für die Nicht-Assimilierung der muslimischen Gemeinschaften.

Eine Alternative für die europäischen Muslime

Der Mord an Theo Van Gogh in den Niederlanden hat die deutsche Gemeinschaft sehr bewegt, wie die Demonstration vom vergangenen 21. November in Köln zeigt. Auf Aufruf der islamisch-türkischen Union haben sich 20 000 Menschen vereinigt, um mit dem Motto "Hand in Hand für den Frieden und gegen den Terror" zu demonstrieren. In Deutschland sind 70% der 3,5 Mio. Muslime Türken, deren Einstellung gegenüber der Religion weniger streng ist als die der Bevölkerungsgruppen aus den arabischen Ländern oder Pakistan. Aber die Religion erfährt eine Renaissance auch in dieser türkischen Gemeinschaft, die ihre muslimische Identität bekräftigt und stolz ihre Abstammung für sich beansprucht.

Je stabiler und integrierte die muslimische Gemeinschaft ist, umso geschlossener ist ihre Reaktion auf den Terrorismus. Aber Religionsausübung ohne Huldigung zum Fundamentalismus kann nur Realität werden, wenn die europäischen Länder den Muslimen eine wirkliche Alternative bieten. "Es gibt eine europäische Tendenz, den Islam mit Fanatismus gleichzusetzen. Die Regierungen müssen Maßnahmen ergreifen, um diesem negativen Vorurteil entgegenzutreten", behauptet Jocelyne Cesari, Forscherin im französischen Centre national de la recherche scientifique (Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung, CNRS) und Professorin an der Harvard Universität. Nach den Worten der Expertin für Islam in Europa "haben die Regierungen der Europäischen Union die Muslime, die sie verdienen".