„Die Europa-Nostalgie könnte bald zu Ende sein“

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2006

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Artur Gruszczak, Doktor der Politikwissenschaften an der Jagiellonischen Universität Krakau, im Gespräch mit cafebabel.com über die komplexen und oft schwierigen Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa.

Seit dem Gipfeltreffen in Rio de Janeiro 1999 hat sich im Verhältnis Brüssels zu Südamerika eine neue Dynamik entwickelt. 2003 wurde eine “strategische Partnerschaft” beschlossen, die sich heute der veränderten politischen Lage stellen muss: Der steigenden Popularität linker Regierungschefs.

Herr Gruszczak, könnte die Europäische Union ein Modell für Südamerika sein?

Es wäre aufgrund kultureller Unterschiede der beiden Regionen schwierig, Lateinamerika nach einem europäischen Modell auszurichten, von unterschiedlichen strategischen Positionen und Rollen in der Globalisierung ganz zu schweigen. Andererseits üben die gemeinsame Geschichte und Kultur und das Beispiel für Kooperation, das die EU abgibt, einen großen Einfluss auf Lateinamerika aus.

Europa ist ein schönes Ideal für Lateinamerika, aber genau das wird es auch bleiben – ein Modell, das unmöglich zu erreichen ist. Wenn man die Situation Argentiniens in den Fünfziger Jahren mit der Spaniens vergleicht, kann man sehen, dass in Argentinien ein deutlich höherer Wohlstand herrschte und die Modernisierung dort schneller fortschritt. Heute ist der Abstand zwischen Europa und Lateinamerika in wirtschaftlicher Hinsicht riesig. Diese Diskrepanz besteht aufgrund der effektiver arbeitenden Regierungen und der Europäischen Integration. Europa in den lateinamerikanischen Ländern als eine stabile Region mit einem starken Sozialstaat gesehen und gilt deshalb als Orientierungspunkt.

Sind die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Südamerika nichts als Geschäftsbeziehungen?

Die Beziehungen entwickeln sich derzeit auf vielen verschiedenen Ebenen. Was die Wirtschaft betrifft, ist der Warenaustausch asymetrisch, europäische Investitionen in Lateinamerika spielen eine wichtige Rolle. Doch die wirtschaftlichen Beziehungen stehen heute nicht mehr im Vordergrund.

Politisch engagiert sich die EU schon viele Jahre lang in Zentralamerika und bietet der Region humanitäre Hilfe an. Die EU hat schon immer die Demokratisierung Lateinamerikas unterstützt. Die ibero-amerikanische Verbindung mit Spanien und Portugal war für den Beginn dieses politischen Dialogs wichtig, sowie auch die Reihe von lateinamerikanisch-europäischen Gipfeltreffen gegen Ende der Neunziger Jahre.

Auch der gesellschaftliche Austausch zwischen den Kontinenten ist wichtig. Die EU will ihre Hilfeleistungen für diejenigen Länder erhöhen, aus denen die meisten Einwanderer nach Europa kommen. Gleichzeitig tut Europa sein Bestes, um Akademikern aus Südamerika eine legale Einwanderung zu ermöglichen.

Welche Bedeutung hat Südamerika für Europa?

Die EU ist ein globaler Akteur, der den Ehrgeiz hat, eine bedeutende Rolle in der Welt zu spielen. Deshalb ist Südamerika von großer Bedeutung. Dies entspringt einer langen Geschichte, die beide Kontinente teilen. Im Jahr 2003 hat sich die EU in ihrem Strategiepapier „Eine bessere Welt – Europäische Sicherheitsstrategie“ dazu verpflichtet , eine sicherere und bessere Welt zu schaffen. Um Sicherheit gewährleisten zu können, müssten wir Armut, Unterdrückung, Gewalt und Terrorismus bekämpfen. All diese Probleme gibt es in Südamerika im Überfluss. Aus diesem Grund hat sich die EU dazu verpflichtet, für ein Ende des Konflikts in Kolumbien zu kämpfen, gegen Drogenproduktion zu kämpfen und Bürgerinitiativen für Menschenrechte zu unterstützen.“

Könnte Europa ein ernsthafter Wirtschaftspartner für den südamerikanischen Binnenmarkt Mercosur werden?

Die EU ist der wichtigste Handelspartner für die Mercosur-Länder, und sie wird immer wichtiger. Gegenwärtig werden ein Viertel des Gesamtumsatzes von Mercosur auf dem europäischen Markt erzielt.

Was sind die möglichen Folgen des Erstarkens linker Regierungen in Lateinamerika?

Die wachsende Popularität der Linken in Lateinamerika muss man als Suche nach einem neuen Entwicklungsmodell, nach einer Alternative zum von Amerika propagierten neoliberalen Modell verstehen. Die Europa-Nostalgie könnte bald zu Ende sein. Sie sah bis jetzt das europäische Modell als einen wichtigen Wegweiser für Lateinamerika. An ihre Stelle wird vielleicht die strategische Partnerschaft treten, die in Zukunft von Lateinamerika instrumentalisiert werden könnte.

Die Allianz, die der Venezolaner Hugo Chavez derzeit in Lateinamerika aufbaut, ist noch zu fragil, um den lateinamerikanisch-europäischen Dialog zu schwächen. Aber angesichts der gegenwärtigen Welle populistischer Stimmung in Lateinamerika kann man keine Möglichkeit ausschließen.