Die Eurogeneration in Ost und West

Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Mai 2008
Joanna Nowicki ist Dozentin an diversen europäischen Hochschulen, unter anderem im rumänischen Cluj und in Krakau. Ihr Fachgebiet: Der Begriff der Interkulturalität.  Darüber hinaus ist Joanna Nowicki an dem internationalen Managementseminar Kopernikus in Paris beteiligt. Dieses Seminar vereint 50 junge Menschen aus Ost-, West- und Mitteleuropa.

Frau Nowicki, gibt es Ihrer Meinung nach bereits eine „Eurogeneration“?

Ja, die gibt es: Nach meiner Beobachtung sind es die Studenten, die mit Erasmus oder einem anderen Austauschprogramm ins Ausland gehen. Ich glaube, dass so ein Schritt starke Auswirkungen auf die Mentalität hat. Denn ich glaube, dass diese Erfahrung auch sensibilisiert für die Besonderheiten der einzelnen europäischen Länder. Dadurch wird Europa  noch stärker.

Aber einschränkend muss ich sagen, dass dieser Austausch nicht eine gesamte Generation betrifft. Daher würde ich den Begriff „Eurogeneration“ ablehnen. Europa ist noch nicht in den Gymnasien angekommen: Bislang gibt es Austauschprogramme hauptsächlich für Studenten, aber nur sehr wenige Schüler nehmen daran teil. Dazu kommt, dass ja auch nicht alle Jugendlichen studieren. Diejenigen, die von diesem europäischen Austausch profitieren (inklusive derjenigen, die mit ausländischen Studenten in Kontakt kommen), sind also nur eine Minderheit.

Ich benutze absichtlich nicht den Begriff „Elite“, denn das wäre ungerecht. Der europäische Austausch wird immer demokratischer. Er ist nicht mehr nur für die renommierten Schulen oder namhaften Universitäten offen, sondern er richtet sich an ein breites Panel von Studiengängen. Denn es liegt im Sinne Europas, wenn eine große Mehrheit davon profitieren kann.

Wenn man in Betracht zieht, dass die Austauschprogramme ein „Europa des Erlebens“ schaffen und nicht unbedingt ein „Europa der politischen Ideen“, dann muss man also den Begriff der Elite ebenso ablehnen?

Das ist richtig.

Sie unterrichten an Universitäten in Mittel- und Osteuropa. Haben Sie festgestellt, dass sich bei Ihren Studenten die Wahrnehmung der EU verändert hat?

Ich arbeite in Polen und Rumänien, und ich bin Dozentin im Kopernikus-Programm. Ich komme also mit einem breiten Spektrum von Europa-Wahrnehmungen in Kontakt.

Da gibt es zunächst den harten Kern der mitteleuropäischen Länder. Länder, die seit langem schon westlich orientiert und europäisiert sind. Doch es gibt keinen Unterschied zwischen den Jugendlichen Mitteleuropas und Osteuropas. Ich würde sogar sagen, dass letztere moderner und dynamischer sind. Sie sind sich der Chancen Europas bewusst, daher sind sie optimistischer. Sie haben Zugang zu Stipendien, zu Wettbewerben… sie zählen zu den  Gewinnern: Ein junger Akademiker, der mehrere Sprachen spricht, hat alles, um erfolgreich zu sein. Auf allen Gebieten.

Die jungen Westeuropäer sind dagegen pessimistischer. Sie sehen die Probleme, die die Reformen ihren Ländern bereiten: die Arbeitslosigkeit der Jugend oder die Schwierigkeiten der Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Wo die Jugendlichen in Mitteleuropa neue Chancen sehen, da sehen sie Schwierigkeiten.

Im gesamten Osten Europas, in Rumänien, Bulgarien, der Ukraine oder Weißrussland, ist es komplexer. Dort weiß man, wie schwer es ist, einen demokratischen Staat zu gründen. Die Jugendlichen wissen, was man dafür tun muss. Auf der politischen Ebene sind sie sehr gut informiert. Sie hinterfragen, wie sie in ihrem Land leben können und werden, gehen ins Ausland, um von den Erfahrungen zu profitieren und kehren vielleicht danach wieder in ihr Heimatland zurück. Es gibt also starke Unterschiede zwischen Studenten aus Ost-, West- und Mitteleuropa.

Welche Rolle könnte ein Mitglied der Eurogeneration Ihrer Meinung nach spielen, wenn er einen Regierungsposten in einem Mitgliedsstaat der EU erhalten würde?

Das ist eine Frage, die man so vielleicht gar nicht stellen kann. Es gibt Unterschiede des politischen Lebens zwischen den westlichen Staaten und denen aus Mittel- und Osteuropa.

Czesław Miłosz  stellt die These auf, dass es ein Europa gibt, das sich aus den Ländern zusammensetzt, die zwei totalitäre Regimes erlebt haben. Ihr Verhältnis zur Demokratie ist also nicht das gleiche wie beispielsweise dasjenige Frankreichs. Dort hat man bereits vergessen, welche großen Hindernisse auf dem Weg zur Demokratie überwunden werden mussten. Es gibt also größere Übereinstimmungen zwischen den Staaten Mittel- und Osteuropas als mit Frankreich.

Diese unterschiedlichen Sichtweisen werden auch am Konflikt zwischen China und Tibet deutlich: In Mitteleuropa wurde dieses Thema hinsichtlich der Frage der Minderheiten lebhaft diskutiert.

Könnte nicht ein Jugendlicher der Eurogeneration eine neue Perspektive mitbringen als bisher? Zum Beispiel in Bezug auf die Nationalstaaten.

Ich denke, dass das Konzept der Nationalstaaten veraltet ist. Damit will ich nicht sagen, dass der Nationalstaat nicht mehr existiert. Aber es gibt andere Systeme, an denen man sich orientieren kann. Nach dem Fall der Berliner Mauer haben sich die Menschen nach kulturellen Gemeinsamkeiten neu gruppiert. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit ohne Abhängigkeit von Staaten scheint mir daher nur natürlich.

Es geht jedoch nicht darum, den Nationalstaat zu zerstören. Dafür ist die Welt noch nicht reif genug. Nicht alle Völker haben die Möglichkeit, mehrere Sprachen zu sprechen oder andere Länder zu bereisen. Man sollte sie und ihre Lebenseinstellung nicht vor den Kopf stoßen. Dennoch ist der Nationalstaat das Produkt einer Weltsicht, die Vergangenheit ist. Es muss also etwas Neues geschaffen werden. Und Europa scheint mir dafür eine gute Lösung zu sein.

Meine größte Furcht ist, dass die Bürokratie die direkte Verbindung zu den Menschen zerstören könnte. Der Nationalstaat ist eine solche Verbindung. Daher denke ich, dass er auch innerhalb Europas existieren kann. Er ist nicht bloß eine Verbindung zu Staatsbürgern oder eine rein politische Verbindung. Der Nationalstaat schafft ein Gefühl des Dazugehörens, Teil eines kulturellen Erbes zu sein, wie etwa traditionellen Gerichten oder Landschaften.

Das Interview führte Haude-Marie Thomas

Übersetzung: Jan Ehlert

NB: Czesław Miłosz (1911 – 2004) erhielt 1980 den Literaturnobelpreis. Eines seiner Werke („Rodzinna Europa“, deutscher Titel: „West- und östliches Gelände“)  ist in Frankreich unter dem Titel „L’autre Europe“ (das andere Europa)  erschienen. Joanna Nowicki schlägt dagegen die Übersetzung „das familiäre Europa“  vor.