Die EU – ein Christenclub?

Artikel veröffentlicht am 29. September 2005
Artikel veröffentlicht am 29. September 2005

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Die Europäische Union ist zwar säkular, aber im Grunde ein Verband von christlichen Ländern. Würden der Beitritt der überwigend moslemischen Türken die sich ändernde Demographie der EU besser widerspiegeln?

Sollte die Türkei der Europäischen Union beitreten, würde Brüssel noch eine weitere säkulare Demokratie begrüßen. Jedoch würden die über 70 Mio. Türken, von denen 98% Muslime sind, die religiöse Dynamik der Union bedeutsam verändern. Würde diese Schaffung einer „offiziellen“ muslimischen Stimme in der EU ein größeres Gefühl der Toleranz einläuten sowie zum Verständnis für den muslimischen Glauben in einer Union führen, die traditionell eine christliche gewesen ist?

Eine christliche Union

Religion und Europäische Integration sind immer untrennbar miteinander verbunden gewesen – tatsächlich sind viele der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, wie zum Beispiel Adenauer und De Gasperi, gläubige Katholiken gewesen. Während des Krieges suchte Ersterer Zuflucht in einem Mönchskloster, während der Andere - verfolgt von Mussolini - in den Vatikan floh. Dort arbeitete er bis zur Befreiung als Bibliothekar. Tatsächlich könnte man die Meinung vertreten, dass die gesamte Vorstellung von Supranationalität, nämlich die Souveränität einer zentralen Autorität gegenüber individuellen Interessen, auf welche das europäische Modell aufbaut, mit der Struktur der katholischen Kirche verglichen werden kann. Die Frage nach dem Christentum und der EU bleibt bis zum heutigen Tag aktuell und kann in Giscard d´Estaings Lobbying für eine ausdrückliche Bezugnahme auf den Glauben in der entworfenen EU-Verfassung beobachtet werden.

Es könnte deshalb angenommen werden, dass die Einbeziehung der muslimischen Türkei als ein Affront gegenüber dieser kulturellen Basis, auf der die EU aufgebaut worden ist, angesehen würde. Diese These hält jedoch einer realistischen Prüfung nicht stand. Die Türkei ist weit davon entfernt, eine islamische Republik wie z. B. der Iran zu sein. Seit 1923 die türkische Republik gegründet wurde, ist sie ist eine säkulare Demokratie. Paris oder Wien mögen kulturelle Widersprüchlichkeiten nennen, welche Ankara ungeeignet für einen Beitritt erscheinen lassen, aber jüngste Ereignisse weisen darauf hin, dass sich das „alte“ Europa und die Türkei näher stehen als allgemein angenommen wird. Ein Beispiel hierfür ist die vor kurzem getroffene Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Leyla Sahin v. Turkey. Es wurde festgehalten, dass der türkische Staat das Recht hat, das Tragen von islamischen Kopftüchern in seinen Universitäten und akademischen Institutionen zu verbieten – eine Entscheidung, welche die jüngste Gesetzgebung in Frankreich zum Verbot von religiösen Symbolen in staatlichen Schulen widerspiegelt. Sicherlich lässt dies einiges Gutes für die EU-Mitgliedschaft der Türkei erhoffen. Es zeigt, dass sogar im Fall von hoch brisanten religiösen Fragen, ein traditionell christliches und ein traditionell muslimisches Land, welche oft im Gegensatz zueinander stehen, in der Politik den gleichen Weg gehen können.

Eine muslimische Stimme in der EU

Vielleicht wäre der größte Vorteil der türkischen EU-Mitgliedschaft darin zu sehen, dass sich eine offizielle muslimische Stimme und Identität in der EU entwickeln würde. Während der letzten Hälfte des Jahrhunderts führten das Ende des Kolonialismus und die gewollte Wirtschaftsmigration in den Westen eine bedeutende Veränderungen in den ethnischen und religiösen Gruppen der europäischen Bürger herbei. Doch die politischen Führer, welche über Gesetzgebung verhandeln und letztlich die Position der Union bestimmen, sind dennoch überwiegend weiße christliche Politiker. Die Rhetorik aus Brüssel betont beständig die Wichtigkeit des Bürgers, doch ist der Rat weit davon entfernt die den Multikulturalismus in der heutigen, sich erweiternden Union zu repräsentieren.

Der Beitritt ist der Weg in die Zukunft

Wahrscheinlich besteht der größte Vorteil in dem EU-Beitritt einer überwiegend muslimischen Nation darin, dass dieser der Welle der Islamophobie entgegen wirken würde, welche durch die Terroranschläge von vor drei Jahren in den Vereinigten Staaten ausgelöst wurde. Weiterhin würde der Beitritt den Islam als eine friedliche Religion porträtieren, dabei helfen, die positiven Seiten der islamischen Kultur zu illustrieren und die extremistischen, demokratiefeindlichen Bewegungen marginalisieren. Vorurteile entstehen schließlich aus Ignoranz, und eine EU einschließlich der Türkei wäre ein exzellenter erster Schritt, um die vorgefasste Meinung der Menschen in Frage zu stellen. Die Europäische Union erscheint auch darauf erpicht zu sein, ihren Einfluss bezüglich großen globalen Fragen geltend zu machen wie z. B. das israelische Eindringen ins Westjordanland. Sicherlich würde es mehr moralischen Druck mit sich bringen, wenn Protokolle von einer Organisation vorgelegt werden, welche ausdrücklich die muslimische Kultur und Religion beinhaltet. Eine größere Anerkennung der muslimischen Bevölkerung von Europa würde auch bei der Integration der Kandidatenländer wie Rumänien und Bulgarien helfen, die höhere Prozentraten an muslimischen Bürgern besitzen als der gegenwärtige Durchschnitt in der EU der 25.

Ein türkischer Beitritt hängt von Ankaras Erfüllung der Kopenhagener Kriterien ab und liegt noch weit in der Zukunft. Eine EU, die die Türkei einschließt, wäre jedoch sicherlich eine positive Sache für den Rest Europas, da sie die heutigen vielfältigen Glaubenszugehörigkeiten in der Union widerspiegeln würde. Überdies würde eine EU einschließlich der Türkei Verständnis und Toleranz gegenüber dem Islam in Europa erhöhen sowie einen politischen Mechanismus in der EU schaffen, der die unterschiedlichen Kulturen, aus denen die EU sich zusammensetzt, besser widerspiegelt.

Veröffentlicht am 4. Oktober 2004 im Dossier Türkei - Verhandeln oder nicht?.