Die Ent-Dramatisierung des ‚brain drain’

Artikel veröffentlicht am 19. September 2005
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Artikel veröffentlicht am 19. September 2005

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Wieso flüchten qualifizierte Arbeitskräfte und Forscher aus Osteuropa Richtung Westen, wie einst die Süd- und Westeuropäer in die USA?

Jahr um Jahr verliert Europa mehr von seinem intellektuellen Kapital. Die Einen bemängeln das Fehlen von Investitionen in Forschung und Entwicklung durch die öffentliche Hand; die Anderen möchten ein Hochschulsystem der Eliten, ähnlich den USA, ein Land, dessen Geburtenrate kontinuierlich sinkt und das sich zu einem "Talentsucher" entwickelt hat, während seine Wirtschaft sich verdoppelt; wieder Andere sehen vor allem die Vorteile des sogenannten ‚brain drain’.

Die Gefahr, kluge Köpfe zu verlieren

Der Begriff ‚brain drain’, welches die Herkunftsländer in Angst und Schrecken versetzt, wird oft mit einer Vergeudung von intellektuellem Potential gleichgesetzt. Alle europäischen Länder haben nacheinander solche Phasen erlebt, und jetzt hat es die östlichen Länder erreicht (100000 Polen leben derzeit in London). Es handelt sich dabei um eine massive Flucht hochqualifizierter Arbeiter, die bereit sind, in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu arbeiten. Der Beweggrund ist fast immer ökonomischer Natur und tritt in Gesellschaften auf, die ihre Kräfte nicht in Innovation, sondern in den Auf- oder Umbau der Wirtschaft und Industrie stecken müssen. Genauso ist es zuvor im Deutschland, Italien und Frankreich der Nachkriegszeit gewesen, so geschah es in Spanien zum Ende der Franco-Ära in den ersten Jahren der Demokratie, und so geschieht es derzeit in den Ländern des Ostens, wie beispielsweise Polen.

Die logische Folge daraus ist, dass Anstrengungen und öffentlichen Investitionen, welche die Herkunftsländer zur Ausbildung der Bevölkerung bemühen, den Ländern selbst nicht nutzen werden. Von daher sind die Klagen der östlichen Länder über die Abwanderung ihres Humankapitals verständlich.

Auch Westeuropa blutet aus

Doch der Westen schlägt ebenfalls die Hände über dem Kopf zusammen angesichts der Abwanderungen, die er erleidet. Die Gründe hierfür unterscheiden sich jedoch von denen des Ostens. In Frankreich stöhnt die Jugend über die mangelnde Marktflexibilität, um innovative Beschäftigungsprojekte zu entwickeln. Wir sprechen hier von einem Land, welches sein Hochschulsystem so weit es geht demokratisiert hat (hier stimmt der Link nicht! Link siehe unten) und wo der Konkurrenzkampf unter den zahlreichen Hochschulabgängern hart ist. Ähnlich ist die Situation in Irland oder dem Vereinigten Königreich. Diejenigen, die gehen, tun dies, um in ihrem Sektor zu arbeiten und in Ländern wie der USA besser bezahlt zu werden. In Ländern wie Spanien - wo 87% der Hochschulabsolventen, welche eine Promotion anstreben, diese nicht beenden - sind Forschungsstipendien nicht sehr hoch. Vor allem kann Europa daraus keinen Nutzen ziehen, denn - wie der Wissenschaftler Vincente Larraga erkennt: "das Absaugen der klugen Köpfe richtet sich nur an Wissenschaftler hohen Niveaus, und 90% der Europäer, die in die USA auswandern, haben dann die Möglichkeit, dort zu bleiben."

Viele verweisen auf das britische Modell mit der gemischten (öffentlichen und privaten) Hochschulfinanzierung als Lösung. Doch wie ein Bericht des Instituts für Angehende Technologien in Sevilla (Instituto de Prospectiva Tecnológica de Sevilla, IPTS) deutlich macht, erweist sich diese Lösung in der Realität als wenig haltbar, denn mehr als zwei Drittel der Europäer, die zum Arbeiten in die USA auswandern, sind Engländer oder Iren, hauptsächlich Manager (81%), seltener Forscher. Außerdem ist Deutschland an die Spitze des weltweiten Patentmarktes zurückgekehrt und befindet sich jetzt direkt hinter den USA, gefolgt von Frankreich. Alles weist auf die Notwendigkeit hin, die öffentlichen und privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in die Koordination europäischer Elite-Zentren zu erhöhen, damit unsere intelligenten Bürger bleiben. Es ist kein Zufall, dass es Deutschland, Finnland, Schweden, Dänemark oder Frankreich sind, die am meisten in Wissenschaft und Forschung investieren und in Relation zu ihrer ökonomischen Größe die meisten Patente entwickeln. Auf der anderen Seite stehen Griechenland, Spanien, Italien und Portugal, die rund 1% des BIP für Bildung investieren, den 3% der zuerst genannten Ländergruppe entgegen.

Der ‚brain drain’ ein Segen?

Die Tatsache, dass so viele europäische Führungskräfte ins Ausland abwandern, hat zur Folge, dass die Europäer die Leitlinien der Unternehmen in aller Welt mitbestimmen. Für Jean Pierre Lehmann, den Direktor und Gründer der Gruppe Évian, ist der ‚brain drain’ historisch betrachtet insgesamt positiv gewesen, sowohl für die Welt im Allgemeinen als auch für die Herkunftsländer, zu denen die Studenten und Wissenschaftler früher oder später wieder zurückkehren. Diese Einstellung gewinnt an Gewicht, seit man in bestimmten Universitätsbereichen begonnen hat, den internationalen Austausch zu stärken, was schließlich eine neue Renaissance in Europa und die Überwindung des traditionellen Hochschulprovinzialismus auf unserem Kontinent mit sich bringen könnte.