Die Bronx, ein weiteres europäisches Überseegebiet

Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Artikel veröffentlicht am 24. März 2009
Naja, fast. Während der Springbrunnen auf dem Nordrasen des Weißen Hauses zur Feier des St. Patrick’s Day am 17. März grünes Wasser spritzte, schauen wir, wie Neuankömmlinge aus Europa den herkömmlich von Einwanderung geprägten Stadtvierteln in den fünf Bezirken New Yorks neues Leben eingehaucht haben.
Ist Europa angesichts einer EU von 27 Mitgliedstaaten und einem fernen Brüssel jenseits des Ozeans lediglich ein abstraktes Konzept?

Das Viertel Morris Park in der Bronx ist die Heimat vieler der 70.000 italienisch-stämmigen New Yorker. Obwohl die Einwanderung aus Italien versiegt ist, hört man immer noch Italienisch in den Straßen, während geräuchertes Fleisch in den Fenstern hängt. Einige Italo-Amerikaner haben sogar Geschmack an der EU gefunden. Dr. Joseph Scelsa, Leiter des Italian American Museums, glaubt, dass viele in seiner Gemeinde die Vorteile erkannt haben, die mit einer Rückbesinnung auf ihre italienische Staatsangehörigkeit einhergehen. „Es gibt immer noch eine Verbindung zu Europa“, sagt er. „Mein Sohn ist Amerikaner in vierter Generation, aber ich habe ihn dazu ermutigt, seine Staatsbürgerschaft zu beantragen. Als Architekt ist die Möglichkeit, auf dem europäischen Markt arbeiten zu können, ein riesiger Vorteil.“ Nach einer Erhebung der National Italian American Foundation aus dem Jahr 2000 lebt der höchste Anteil der italienisch-stämmigen Amerikaner (40%) im New Yorker Viertel Richmond County.

EU-NYC

©Lucas Berrini/flickrWährenddessen machen mehr als 40 Millionen Amerikaner irische Vorfahren geltend, unter ihnen der neue irisch-stämmige afroamerikanische Präsident. Die jüngste Einwanderungswelle hat neues Blut in die irischen Viertel von Woodland in der Bronx und Woodside in Queens gebracht, aber die Rückkehr der Iren ins Viertel hat zu keiner großen Nostalgie bezüglich der EU geführt. Liz Kenny, Geschäftsführerin des New York Irish Center, glaubt, dass die kürzlich angekommenen Einwanderer mit Sicherheit amerikanisch werden, aber losgelöst von der europäischen Identität ihres Heimatlandes. „Es ist nicht so, dass sie nicht zu schätzen wissen, was die EU für ihre Familien in Irland getan hat, sie waren nur niemals Teil davon“, beharrt sie. Ironischerweise berichtet ein Artikel im Guardian vom 18. März über Zahlen von Irlands nationaler Statistikbehörde, nach denen zwischen 2001 und 2007 mehr Leute aus den USA nach Irland als in die entgegengesetzte Richtung gezogen sind.

Neue EU-Mitglieder sind in den Stadtbezirken gut vertreten. Ungefähr 20.000 rumänische Einwanderer sowie eine 4.000-köpfige bulgarische Gemeinde leben in den Gegenden von Sunnyside und Ridgewood in Queens. Astoria in Queens ist für seine große griechische Bevölkerung von fast 30.000 Menschen bekannt - im Ausland lebende Griechen haben erst kürzlich das Recht erhalten, von ihren Wohnorten im Ausland aus an den griechischen Parlamentswahlen teilzunehmen - aber es existieren dort auch tschechische und slowakische Enklaven. Weiter südlich in Brooklyn haben viele der 65.000 polnischstämmigen Einwanderer in New York das Viertel Greenpoint zu ihrer Heimat gemacht, wo sie Seite an Seite mit einer schwindelerregenden Mischung aus Latinos, Hipstern und aus Transsylvanien stammenden chassidischen Juden leben. Unter den 150.000 Bürgern der ehemaligen Sowjetunion, die in New York leben, ist schließlich auch eine kleine baltische Gemeinde verstreut.

Während die Franzosen, Deutschen und Briten kein bestimmtes Stadtviertel ihr eigen nennen können, ist Smith Street im Brooklyner Viertel Cobble Hill ein bisschen zu einem französischen Außenposten geworden. Am 14. Juli werden Pétanque-Plätze mitten auf der Straße eingerichtet - es scheint fast, als seien die kettenrauchenden Boule-Spieler direkt aus Marseille dorthin gebeamt worden.

Zu Hause ist es am schönsten

In den europäischen Vierteln der New Yorker Stadtbezirke blüht ein Netzwerk von sozialen Verbänden und Vereinen. Von einfachen Schaufenstern bis hin zu großen Gemeindesälen bieten diese Institutionen unerlässliche Dienste für Neuankömmlinge. Aber für den vertrauten Geschmack der Heimat gibt es nichts Besseres als Essen, Trinken und Musik; und dafür gibt es viele Einrichtungen. Restaurants in Sunnyside servieren Mămăligă (ein rumänisches Maisgericht ähnlich der italienischen Polenta) und Muzica Lautareasca, die von lokalen Zigeunermusikern gespielt wird, während die ehrwürdige Bohemian Hall in Queens Bier der Marke Staropramen und wilde Streichorchestermusik für Tschechen und Slowaken anbietet. Griechen können in Astoria zu den Klängen der Bouzoukis Boogie tanzen, während die polnische Jugend in die Nachtclubs in Greenpoint strömt und irische Musiker von Weltrang traditionelle Musikveranstaltungen in Pubs überall in der Bronx aufsuchen.

Gita Klinderová der Bohemian Benevolent and Literary Association (BBLA) glaubt, dass solche Einrichtungen unerlässlich für Tschechen sind, die einfach nicht die Zeit haben, komplizierte traditionelle Gerichte zuzubereiten. „Wir sind ein Volk, das sein Bier liebt, also macht es Sinn sich in einer Bar zu treffen“, witzelt sie. Aber stoßen die Tschechen in der Bohemian Hall auf die derzeitige tschechische EU-Ratspräsidentschaft an? Wahrscheinlich nicht. „Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir den Vorsitz der EU innehaben, aber es ist nicht Teil unseres tagtäglichen Lebens“, fügt Klinderová hinzu. Vor sechzig Jahren lag Europa in Schutt und Asche und die europäischen Einwanderer New Yorks blickten auf eine verheißungsvolle Zukunft in den USA. Heute trifft man Bürger einer starken und expandierenden EU in der ganzen Stadt, aber es bleibt abzuwarten, ob die Union auch nur eine symbolische Rolle in ihren Gemeinden spielen wird.