Die britische Bulldogge bellt wieder

Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2005
Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2005

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Die Anschläge in London haben Großbritannien neues Selbstvertrauen verliehen. Das mag gut für die Briten sein, aber nicht für den Rest Europas.

Bis vor kurzem litt das Vereinigte Königreich an einer Identitätskrise. Das frühere Weltreich war nicht fähig, seine Leitwerte in der heutigen Welt festzulegen. Die zwei kürzlich erfolgten Anschlagsserien jedoch haben dem fehlenden sozialen Zusammenhalt neues Leben eingehaucht. Die Angriffe haben ein neues Gefühl von Patriotismus, und leider auch von Fremdenfeindlichkeit, hervorgebracht.

„Stadt der Angst“

Die Briten haben mit den muslimischen Extremisten einen neuen gemeinsamen Feind gefunden. Was bisher nur als ferne Organisationen wahrgenommen wurde erscheint plötzlich als konkrete Personen, die im eigenen Land leben, atmen und angreifen. Die Nation fühlt sich ernsthaft bedroht und schart sich nunmehr um die Flagge. Die berüchtigte britische Boulevardpresse bestärkt solche instinktiven Reaktionen mit Schlagzeilen wie „Stadt der Angst“ und „Angriff auf Großbritannien“ (so die „Daily Mail“).

Nationalstolz erblüht nun im ganzen Land. Die Flagge scheint allgegenwärtig, vom Buckingham Palace bis zur Dorfkneipe. Befragte Bürger äußern bereitwillig ihren großen, wenn nicht übermäßigen Stolz über die Reaktion des Landes auf die Anschläge. Die Beliebtheit des Premierministers ist stark gestiegen. Jessica Jameson aus London fasst in ihrem Leserbrief auf der BBC Nachrichtenseite die allgemeine Stimmung recht gut zusammen: „ Wir sollten alle stolz sein, dass das Land unter solch tragischen Umständen zusammenstehen und gegen den Terror kämpfen kann.“

Nationalistische Gegenreaktion

Aber der neu erwachte Nationalstolz hat seine Schattenseite: einen beängstigenden Anstieg an Fremdenhass. Die Öffentlichkeit reagiert immer vorsichtiger auf „Außenseiter“ und Fernseh- und Radioberichte zeigen ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der beträchtlichen indo-pakistanischen Bevölkerungsgruppe. Diese verstärkte Xenophie wird aber wohl nicht nur gegen Menschen aus anderen Kontinenten gerichtet bleiben.

Viele Briten hielten ihr Land schon bisher für eine stark vom Rest Europas getrennte Nation.

Die Anschläge von London werden sie nur noch feindlicher stimmen gegenüber jeder ausländischen politischen und wirtschaftlichen Organisation, die ihre Politik beeinflusst. Dies betrifft natürlich vor allem die Europäische Union. Ein verstärkter Euroskeptizismus wird starken Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung haben, die zurzeit die EU-Präsidentschaft innehält. Sie wird ihre reformorientierte Agenda auf die (wenigen) Bereiche konzentrieren müssen, die die britischen Bürger unterstützen, vor allem auf die Sicherheitspolitik.

Traurig aber wahr, der durchschnittliche Brite assoziiert Europa vor allem mit „Verlust“ - Verlust an Identität, Kultur und, besonders, an Macht. Folgerichtig wird die bellende britische Bulldogge nach den Terroranschlägen kaum Trost beim europäischen Terrier suchen.