Die Blindheit überleben

Artikel veröffentlicht am 10. September 2004
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Artikel veröffentlicht am 10. September 2004

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Auch wenn Russland noch so viele Erdölreserven hat, 335 Tote sind zu viele: Das Abendland muss sich bewusst werden, dass seine Gegenwart unsicherer ist als die jüngste Vergangenheit.

Der Zufall wollte, dass ich, während der Entführung und dem Gemetzel in Nordossetien, gerade "Die Stadt der Blinden" las und somit Parallelen zwischen der Wirklichkeit und der großartigen Reflexion von Literaturnobelpreisträger José Saramago zog. In seiner außergewöhnlichen Erzählung verwüstet eine Epidemie der Erblindung ein ganzes Land, das darauf mit der Isolierung aller Blinden in einer großen Irrenanstalten reagiert. Allein gelassen müssen sich die Blinden entscheiden, ob sie ihr Zusammenleben auf Gesetze der Gleichheit und der Gerechtigkeit basieren oder sich dem Gesetz des Stärkeren überlassen. Alle täuschen schließlich vor, die Gemeinheit der anderen nicht zu sehen - auch wenn man nicht nur mit Augen sehen und verstehen kann - in der Hoffnung, nicht ihrerseits wegen ihrer eigenen Übergriffe verurteilt zu werden. Egoismus führt schließlich zu einer Tyrannei in biblischem Ausmaß.

Nun, Europa darf nicht wegschauen; es ist durchaus gut, Putin eine angemessene Frist zu setzen, während die ersten Kapitel des Massakers in Ossetien aufgeklärt werden, obwohl es noch besser wäre, zu hinterfragen und ehrliche Informationen von denjenigen zu verlangen, die sich zu strategischen Verbündeten erklären, wenn man das fragile und mühsam gefestigte "Gewissen" des Abendlandes nicht befleckt wissen will. Man darf sich nicht mit einer mürrischen Pressekonferenz und der Mitteilung von Putin begnügen, keine öffentlichen Ermittlungen über die Verantwortlichen des Dramas durchzuführen.

Die EU als Vorbild

Europa ist nicht frei von Sünde in dieser Welt des unerreichten Gleichgewichts, aber seit Jahrzehnten versucht es, diese abzubüßen, Schritt für Schritt, indem es ein Vorbild der Transparenz, Gerechtigkeit und Vermittlung schafft, das nichts mit den seit neun Jahren andauernden Ausschreitungen und Kreuzzügen des Russischen Staates in Tschetschenien und nichts mit der dreijährigen Bush-Regierung mit ihrer Irak-Obsession ohne UNO-Rückendeckung zu tun hat. Während die EU im Zeitraum von 2000-2006 213 Milliarden Euro in Strukturhilfen investiert, hat die Russische Föderation noch keine ernsthaften regionalen Föderungsprogramme eingerichtet; während das Programm ECHO (wovon 8% an die GUS-Staaten gehen) und der Kooperationsvertrag Euromed den europäischen Willen zeigen, auf der Weltbühne mit verschiedenen Instrumenten gegen die Prahlerei von Putin und Bush und ihre Politik einer vermeintlichen eisernen Hand einzugreifen, kopiert die nordamerikanische Regierung ein Zehntel des Euromed-Programms und nennt es dann Programm für den "Großen Mittleren Osten". Europa weiß, dass der Grund für bewaffnete Konflikte und Epidemien die Marginalisierung von bestimmten Volkswirtschaften ist, und Tschetschenien ist eine davon. Die EU und ihre Mitgliedstaaten leisten etwa 55% der weltweiten offiziellen Entwicklungshilfe. Es kostet Europa viel lobenswerte Mühe, ein mit der manichäischen Polarisierung von Putin, Bush und den Terroristen inkompatibles Modell zu schaffen, zum Beispiel über die jährlichen Konferenzen mit der iberoamerikanischen Welt oder das Cotonou-Abkommen. Unverantwortliche Verbündete, die sich der Verhaftung Familienangehöriger von Terroristen widmen, wie es Putin in Ossetien zur Druckausübung gemacht hat, oder in Guantánamo Gesetzeslücken schaffen, haben nicht dieselbe Einstellung.

Verschließen wir nicht die Augen!

Der internationale Terrorismus zeigt keine klare Linie, wie das letzte Gemetzel zeigt, aber wenn er seinen kurzen Blick auf irgendetwas gerichtet hat, dann wird nicht die USA, Russland oder China im Fokus sein, sondern Europa. Vor einigen Tagen hat Putin versucht, in einem Versuch des totalen Obskurantismus in allen Medien den Terrorismus als Ursache der beiden aufeinanderfolgenden Flugzeugunfälle an einem einzigen Tag zu verstecken, währenddessen blieb aber seine Popularität bei den Russen unberührt; im Gegensatz dazu wurde die Partei von Aznar in den Wahlen in Spanien niedergeschmettert, als dieser versuchte, die Verkündung des Zusammenhangs der Al Kaida mit den Attentaten des 11. März in Madrid hinauszuzögern. Auf wirtschaftlicher Ebene wäre es in Europa undenkbar, dass der russische Präsident ein Unternehmen wie Yukos umzingelt und kontrolliert. Letztendlich wird Europa an dem Tag, an dem es sich von einem Familienclan, wie es in den USA geschieht, regieren lässt, keine Demokratie mehr sein. Wenn Europa die Wachsamkeit zurückschraubt und die Augen verschließt vor zweifelhaften Aktivitäten oder Ankündigungen von Präventivangriffen von vermeintlichen Verbündeten, wird es kein Vorbild geben, das die Wogen des Grolls der Terroristen glättet, und auch seine ganze Entwicklung in den letzten 50 Jahren wäre umsonst gewesen.

Als in dem Roman die einzige Person, die noch sehen kann - irrtümlicherweise auch in Isolation - sich den Wünschen der anderen Blinden beugt, die Würde zu verlieren, zeigen sich die schlimmsten Laster der Gemeinschaft. Die Würde von Europa ist ihre wachsende Vorbildfunktion. In diesem Sinne ist der Wunsch nach Erklärungen, der von der holländischen EU-Präsidentschaft an Putin gerichtet wurde, ermutigend. Nun gut, wenn Europa auf seine eigenen Regeln verzichten würde, dann würde es seine Würde verlieren, würde die Gelegenheit verstreichen lassen, eine Referenzmacht für die Welt zu sein, und seine Freiheit wäre darauf reduziert, zwischen zwei Arten der Tyrannei zu wählen – zwischen der stärksten oder der anderen, der hoffnungslosesten. Es ist bewiesen, dass keine davon die Sicherheit gewährleisten kann.