Die Bessermacherin

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2014

Maria Gross hatte alles, was man sich wünschen kann: zufriedene Eltern, einen guten Job und eine lange Karriere vor sich. Trotzdem gab sie eines Tages alles auf. Von einer, die auszog, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Und damit glücklich wurde. Von Hannes Schrader

Bis die Sache mit den vier Cent passierte, war Marias Leben sehr geordnet gelaufen. In Süddeutschland aufgewachsen, der Vater bei Daimler, der Bruder bei Daimler. Also ging auch Maria Gross nach dem Abitur zu Daimler. Studieren wollte sie auf keinen Fall, sondern endlich etwas machen. Arbeiten, Geld verdienen. Sie ließ sich zur Industriekauffrau ausbilden, wurde fest angestellt. Sie arbeitete in der Personalabteilung, machte die Lohnabrechnungen, sie verdiente gut. Berufsbegleitend machte sie ihren Bachelor in BWL. Es hätte so weiter gehen können für Maria, mit Familie, Eigenheim und einer Karriere. Wäre da nicht die Sache mit den vier Cent passiert.

Vier Cent und eine Kündigung

Eines Tages klingelte bei Maria im Büro das Telefon. Dran war ein Herr aus einer der oberen Etagen des Konzerns. Eine Führungskraft, mit Firmenwagen, und allen Annehmlichkeiten, die ein Konzern wie Daimler zu bieten hat. Er hatte seine Abrechnung durchgesehen und hatte gemerkt, dass Maria offenbar ein Fehler unterlaufen war. Dass er zu wenig Gehalt bekomme habe. Vier Cent, sagte er, fehlten auf seiner Abrechnung. Das war der Moment, in dem Maria Gross beschloss, dass es so nicht weitergehen konnte. Dass sie in diesem Umfeld nicht weiter arbeiten wollte. Dass sie nicht mehr nur was machen will, sondern etwas besser machen. Bevor sie kündigte, rief sie ihren Vater an. Er bat sie, nochmal darüber nachzudenken. Ihre Entscheidung sei gefallen, sagte sie. Am anderen Ende hörte sie ihren Vater weinen.

Heute liegt Marias Büro nicht in einem riesigen Konzerngebäude, sondern in einem Kreuzberger Hinterhof. Auf ihrem Bildschirm klebt ein pinker Aufkleber mit der Aufschrift „Superchef“. Der Praktikant trägt keinen Anzug, sondern Jeans und Turnschuhe, im Kühlschrank steht Limonade eines kleinen Hamburger Getränkeherstellers. Die Bohnen für den Kaffee, der aus der Maschine läuft, ist fair gehandelt. Hier sind alle Türen verglast und in der Küche steht ein Kickertisch. Und wenn das Telefon klingelt, ist man per du. Maria hat lange blonde Haare, die auf der rechten Seite abrasiert sind. Sie trägt eine graue Brille, und eine silberne Kette mit zwei küssenden Vögeln als Anhänger. Es fällt schwer, sie sich im Hosenanzug vorzustellen. Heute arbeitet Maria beim Social Impact Lab, einem Unternehmen, das Start-ups fördert, die nicht auf Profit aus sind, sondern die Welt ein kleines bisschen besser machen wollen. So wie der Supermarkt Original Unverpackt, der vor kurzem in Berlin eröffnet hat und in dem alle Produkte unverpackt verkauft werden, um weniger Abfall anzuhäufen. Solche Initiativen fördert das Social Impact Lab. Denn wer ein Unternehmen gründen will, braucht nicht nur eine gute Idee, sondern auch einen Businessplan und eine Steuernummer. Gründer müssen zu Ämtern gehen und sich Gedanken über ihre Zielgruppe machen. Das Lab vernetzt Gründer und Gründerinnen mit Menschen, die sich genau mit diesen Dingen auskennen. Damit aus einer tollen Idee auch ein Unternehmen werden kann. Das Geld dafür kommt vom unter anderem vom Familienministerium und dem Softwareunternehmen SAP.

Nach ihrer Kündigung bei Daimler ging Maria für sieben Monate in den Togo, um Entwicklungsarbeit zu machen. Aber sie hatte nicht das Gefühl, wirklich etwas zu verändern. Zurück in Deutschland zog sie deshalb nach Berlin, studierte Non-Profit-Management. Aber sie kam nicht klar mit der ganzen Theorie ohne Praxisbezug. Also suchte sie sich ihren Praxisbezug eben selbst. Ein Freund von ihr hatte gerade in Friedrichshafen ein Start-up gegründet, das Schülern aus sozial schwachen Familien einen Studierenden als Helfer zur Seite stellte, um ihnen den Weg zu einer guten Ausbildung zu erleichtern. Zusammen mit einem Berliner Freund gründete Maria den ersten Ableger des Start-ups außerhalb von Friedrichshafen. Da kam sie zum ersten Mal mit einem Sozialunternehmen in Kontakt. Auf einer Veranstaltung lernte sie Norbert Kunz kennen, den Geschäftsführer der Social Impact Lab GmbH, die die Labs in inzwischen vier deutschen Großstädten unterhält. Nach dem Studium bewarb sie sich dort, um an einer besseren Zukunft mitzuarbeiten.

Ein Bilderbuch für eine bessere Welt

Wenn man Maria fragt, was ihre Vorstellung von einer besseren Zukunft ist, dreht sie ihren Kopf zur Seite, stützt ihr Kinn mit ihrer Hand ab und blickt schräg nach oben aus dem Fenster. Sie denkt nach, aber sie sieht aus als würde sie träumen. Ihre großen grauen Augen werden dann noch ein bisschen größer und sie wird ganz ruhig. Man merkt, dass sie über etwas nachdenkt, das ihr am Herzen liegt. Ihre sanfte Stimme wird tiefer. Und dann spricht sie von ihrem Bilderbuch.

In ihrem Bilderbuch bereichern sich die Leute nicht auf Kosten anderer, sondern versuchen, sozial und ökologisch fair zu leben. Sie fahren nicht im Porsche, sondern mit dem Elektrofahrrad zur Arbeit. Unsere Welt sei maßlos geworden, sagt sie, und dass alle immer nach noch mehr schreien. Dagegen arbeitet sie an, im Lab als Büroleiterin und auch in ihrem eigenen Start-up, „vehement“. Zusammen mit Jan Löwenherz, einem Berliner Designer, vertreibt sie vegane Boxhandschuhe. Löwenherz wollte eine vegane Alternative zu Boxhandschuhen aus Leder herstellen. Eigentlich wollte er nur ein Paar für sich selbst, aber die Mindestabnahme lag bei 100 Paar. Also setzte er einen Online-Shop auf. Innerhalb von 24 Stunden war er ausverkauft. Aber der Aufwand, aus der Idee ein Geschäft zu machen, überforderte ihn. Da hat Maria ihm gesagt: Du kannst nicht aufhören. Die Idee ist viel zu gut. Und: Ich kann genau das, was du nicht kannst. Businessplan, Steuernummer, die Gänge zum Amt. Damit kennt sich Maria aus, das ist ihr Beitrag für eine bessere Zukunft, ihr Kapitel in ihrem Bilderbuch. Nun verkaufen sie die Handschuhe, die zweite Version wird gerade getestet. Hergestellt werden sie allerdings nicht in Deutschland oder der EU, sondern in Pakistan. Die Fabrik sei von der Internationalen Arbeitsorganisation zertifiziert, sagt Maria, die faire Löhne und einen Mindeststandard an Fairness garantiere. Grund dafür ist wahrscheinlich der Preis, denn die veganen Handschuhe kosten nicht mehr als ihre konventionelle Konkurrenz. 

Es gibt Leute, die Marias Arbeit belächeln. Die sich zurück lehnen und sich über sie lustig machen, mit ihren angesagten Projekten, der fair gehandelten Limo und ihrem Veganismus. Die das alles als einen Lifestyle abtun, abwinken und sagen, dass das sowieso nix bringt. Dass sie die Welt ganz sicher nicht mit veganen Boxhandschuhen retten wird. Diesen Leuten erzählt Maria dann von Auticon, einem der Projekte, die das Social Impact Lab gefördert hat. Auticon vermittelt Menschen mit Asperger-Syndrom, Autisten, an Unternehmen, die große Mengen Computercode auf Fehler untersuchen lassen müssen. Die meisten Menschen scheitern an solchen Aufgaben, aber Autisten können so etwas gut. 50 Autisten beschäftigt das Unternehmen inzwischen, 50 Menschen, die normalerweise keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Wenn Maria das erzählt, dann strahlt sie und lacht, als könnte sie es selbst nicht glauben.

Maria lebt vegan, kauft im Bioladen ein und bezieht Ökostrom. Auch das gehört zum Bilderbuch dazu. Aber wenn es bei ihrer Oma zuhause Käsekuchen gibt, dann isst sie den auch. Weil sie weiß, dass ihre Oma sich freut, wenn sie zu Besuch kommt. Und weil sie findet, es reicht, wenn sie 340 Tage im Jahr das richtige tut. Deswegen hat sie auch kein fair hergestelltes Smartphone, weil sie die Telefone von Apple einfach viel besser findet. Und wenn sie zu ihren Eltern fährt, und die zwei neuen Mercedes von Vater und Bruder sieht, dann kann sie nicht anders, als damit auch mal eine Runde zu drehen.

Und obwohl der Gang vorbei am Süßigkeitenregal im Supermarkt immer noch schwer fällt, bereut Maria nichts. Nicht ihren Veganismus, nicht ihre Ausbildung bei Daimler, wo sie unheimlich viel gelernt habe. Und auch nicht ihre Kündigung. Maria hätte es sich leicht machen können, hätte sich zurücklehnen können und zufrieden sein mit dem, was sie hatte. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte einen Unterschied machen, die Welt ein kleines bisschen besser machen. Das hat sie geschafft, beruflich, und auch bei sich zuhause. Ihr Vater ist froh, dass sie damals gekündigt hat. Er freut sich, dass seine Tochter glücklich ist mit dem, was sie tut. Und im elterlichen Kühlschrank findet sie jetzt immer auch Mandelmilch. Sie steht gleich neben dem Biokäse. Jetzt sitzt sie hier in Kreuzberg, und versucht, ihr Bilderbuch für eine bessere Zukunft zu verwirklichen. Was für einen Unterschied vier Cent machen können.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei Brennpunkt F!, dem Onlinemagazin der Jungen Presse Berlin veröffentlicht. Alle Rechte liegen beim Autor.

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