Die Amerikaner kommen vom Mars...

Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 7. Juni 2004

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...und die Europäer von der Venus? Das ist die Frage, die seit einigen Monaten unterschwellig anwesend ist. Wenn die transatlantischen Beziehungen schon immer angespannt waren, so vermehren sich doch die Zankäpfel. Umstände oder Schicksal?

"Europa hatte einen Traum. JFK (John Forbes Kerry!) wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt und wie durch Zauberei findet es "sein geliebtes Amerika" wieder." Diese Meinung eines französischen Internetsurfers veranschaulicht gut das Gefühl, das heute in Europa vorherrscht. Die Europäer erwarten im allgemeinen viel von der kommenden amerikanischen Präsidentschaftswahl. Alle Hoffnungen konzentrieren sich auf den demokratischen Kandidaten. Ein Kandidat, der durchaus Europa auf einer Karte einzuordnen weiß - noch besser, er beherrscht das Französische und kann ein paar Worte deutsch radebrechen -, der bereits die Füße "auf die andere Seite des großen Teichs" gesetzt hat, wo er Familie hat, und vor allem - der nicht Bush ist.

Da ist nichts mehr "im Bush"

Seitdem Bush junior im Januar 2001 im Weißen Haus die Zügel übernommen hat, geht nichts mehr. Zu Anfang riefen seine kleinen Unfähigkeiten und Inkohärenzen noch ein mildes Lächeln hervor - "Während einer Le Monde liest (Kerry), liest der andere überhaupt nichts!" Heute gilt es den wahren Interessenskonflikten - oder einfach nur Konflikten - Platz zu machen. Laut Thierry de Montbrial, Generaldirektor des Französischen Instituts für internationale Beziehungen (IFRI), "leidet die transatlantische Beziehung seit vielen Jahren an zahlreichen Unstimmigkeiten sowohl wirtschaftlicher als auch politischer Art". Der Umweltschutz ist eines dieser spannungsgeladenen Themen, da die USA sich weigern, das Protokoll von Kyoto (das die Reduzierung der Abgabe von Treibhausgasen zum Ziel hat) zu ratifizieren, "obwohl sie die größten Verschmutzer des Planeten sind", erinnert ein Wissenschaftler. Die Israel-Palästina-Frage gehört selbstverständlich zu den unumgänglichen Themen. Genauso wie die Todesstrafe, die in manchen amerikanischen Staaten aufrechterhalten wird. Ohne natürlich den Irakkrieg zu vergessen. Diesmal erreicht der "Unilateralismus" der Bush-Regierung seinen Höhepunkt in den Augen der Europäer, die seinen Mangel an Respekt für die internationalen Organisationen und seine Verachtung für Europa - symbolisiert durch Donald Rumsfelds Ausdruck "altes Europa" an die Adresse Deutschlands und Frankreichs - verurteilen.

John Kerry hat übrigens die Außenpolitik des Weißen Hauses offen als "die arroganteste, unfähigste und einseitigste ihrer Art" angeklagt. Er hingegen behauptet, an den "Multilateralismus" zu glauben, "besonders mit Europa". Macht das aus ihm in den Augen der Europäer deswegen einen Retter? Für viele Analytiker können die aktuellen Differenzen den Umständen zugeschrieben werden. Selbst die Kulturen klaffen auseinander: jüdisch-christliche Welt gegen Laizität; Kult der persönlichen Freiheit, des Kapitalismus und seiner self-made men versus Gleichheit und Sozialismus.

Verachtung oder Gleichgültigkeit?

Die UNO wird oft als korrupte und pro-europäische Organisation angesehen, zumindest von den Republikanern. Es wäre gewiss nicht richtig, von einem allgemein verbreiteten Anti-Europäismus zu sprechen. Zunächst ist Amerika mehr denn je gespalten, "eines Bürgerkriegs nahe", versichert der konservative Journalist Dennis Prager. Und das bezüglich sämtlicher Themen. Im Land mögen einige die Europäer mehr als andere. Man findet sie hauptsächlich bei den Demokraten. Nach dem Bild John Kerrys haben Letztere oft eine versöhnlichere, verständnisvollere und positive Meinung zu Europa und der UNO als die Republikaner, die misstrauischer, unabhäniger und eher negativ eingestellt sind.

Darüberhinaus werden nicht alle Europäer auf die gleiche Weise gesehen. Die Engländer wurden schon immer für sich betrachtet... Und "die Franzosen auch" versichert jener kalifornische Republikaner, "auch wenn wir Katz und Maus miteinander spielen!". Das ist aber nicht jedermanns Meinung, wenn man Timothy Garton Ash, Leitartikler und Spezialist für internationale Beziehungen, Glauben schenkt. Ihm zufolge sind die Franzosen die Lieblingszielscheibe für Spott an der Ostküste.

Viele andere Analytiker scheinen vor allem sagen zu wollen, dass die Amerikaner mit uns nicht besonders viel zu tun haben. Einige weil sie uns nicht kennen, andere weil wir keinerlei Art von Wichtigkeit besitzen, sei es was Größe, militärische oder politische Stärke angeht. Europa ist "weder ein Verbündeter, noch ein potentieller Rivale".

Zum Abschluss ein kleiner Test: Geben Sie in die Suchmaschine Google mal den Ausdruck "anti-americanism in Europe" ein. Über 66000 Seiten werden angegeben. Unter dem Begriff "anti-europeanism in America" allerdings werden Sie nur 1660 finden. Das spricht wohl für sich.