Die Alten, die keine mehr sind

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Wir müssen unser Bild von den pflegebedürftigen Alten überdenken, bevor wir auf die Zukunft hoffen. Das Rentensystem ist dabei, sich in Luft aufzulösen, aber wer ist schuld?

Es wird behauptet, dass der Alterungsprozess innerhalb der EU-Bevölkerung eine Katastrophe sei. Er führe zu solch fatalen Folgen wie der Überlastung des Gesundheitswesens und der Unfähigkeit des Staates zur Aufrechterhaltung des Sozialsystems, aber auch zum Mangel an Arbeitskräften, dem Verlust von Kreativität und sogar zu politischem Konservatismus. Bei dieser Argumentation setzt man voraus, dass die Eigenschaften, die das individuelle Alter kennzeichnen, allseits bekannt und immer gleich seien.

Wir neigen dazu, das Sozialverhalten alter Menschen, das sie zu einem konkreten historischen Moment aufweisen, auf die biologischen Auswirkungen des Greisenalters zurückzuführen. Doch damit nicht genug – mit den Vorsätzen eines guten Samariters weigern wir uns sogar, die Alten bei ihrem Namen zu nennen und benutzen stattdessen Beschönigungen. Und wir verbinden sie stets mit dem Bedürfnis nach finanzieller Unterstützung und der Unfähigkeit zu produktiver Arbeit, sowie mit Einsamkeit und Inmobilität, Armut und Konservatismus. Die fürsorgliche Grundhaltung, mit der wir alten Menschen begegnen, hat den negativen Effekt, dass wir sie nur noch mit Mitleid betrachten.

Das Vorurteil vom Alter, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat, entspricht einer Generation, die schon zu alt war, als die Industrialisierung zum Abschluss kam und die sich nicht mehr dem dynamischen Markt des Massenkonsums anzupassen vermochte.

Verstaatlichen oder Privatisieren?

Die neuen Technologien haben die Qualifikationen der erfahrenen Arbeiter überflüssig gemacht, so dass diese immer früher in Rente gehen und gehen werden. Folglich kann man heute nicht mehr ohne weiteres einen Rentner mit einem Greis gleichsetzen. Wir gehen an dieser Stelle vielmehr davon aus, dass in unmittelbarer Zukunft der alte Mensch weniger einsam sein wird. Mit Eigenheim und finanzieller Unabhängigkeit werden die Alten es sein, die den Jungen helfen. Mobile Senioren, wie man sie bereits in den Großstädten jener europäischen Länder sieht, in denen die Industrialisierung früher begann.

Hauptsächlich die südlichen Länder Europas müssen die altmodische Auffassung vom „unnützen Alten“ aufgeben. Denn sonst denkt man, dass man nicht länger lebt, sondern dass man länger braucht, um zu sterben. Die Alten sind nicht mehr alt, und das müssen wir berücksichtigen, wenn wir in die Zukunft blicken.

Die deprimierenden Meldungen, einschließlich der des Wirtschaftsausschusses des europäischen Rates von 2001, gründen ihre Schlüsse auf einer unveränderlich niedrigen Geburtenrate und einem geringen BIP. Und sie berücksichtigen nicht unsere neue Auffassung vom Alter. Wir lassen uns blenden, und glauben, das Rentensystem verändern zu müssen. Doch damit erreichen wir nur eine Verbesserung der Symptome, und bekämpfen nicht die Ursache. Das ist ein Fehler, der vielleicht, aber nur vielleicht, unredliche Interessen verbirgt. Der uruguayische Schriftsteller Mario Bendetti schrieb in seinem Buch „La Tregua“ (Der Waffenstillstand): „Mir fehlen nur noch sechs Monate und 28 Tage um mich zur Ruhe zu setzen. Habe ich den Müßiggang wirklich so nötig? Ich sage mir nein, es ist nicht der Müßiggang, den ich nötig habe, sondern das Recht, so zu arbeiten, wie ich möchte“. Er deutet somit auf den Zusammenhang zwischen Ruhestand und Arbeitsqualität hin. Betrachten wir mal haarscharf und unter globalen Gesichtspunkten dieses ganze Wirrwarr, wohlwissend, dass das private Rentensystem kein Wundermittel ist.

Die Lösung des Problems wird auf mittel- bis langfristige Sicht gefunden werden: indem man gegen die exzessiven Miet- und Immobilienpreise vorgeht, indem man den jungen Leuten die Gründung von Familien erleichtert, indem man in den südlichen EU-Ländern die Frauen in die Erwerbstätigkeit miteinbezieht, und indem man Teilzeitarbeitsplätze mit Qualität schafft, die ein zusätzliches Einkommen ermöglichen und nicht nur einen Strohhalm darstellen, an den man sich in letzter Not klammert. Und zu alldem muss das Wundermittel einer angemessenen Einwanderungspolitik hinzukommen.

Die in den nächsten 50 Jahre vor uns liegende Arbeit wird erfolgreich sein, wenn man bedenkt, dass wir nicht nur aufgrund der massiven Einwanderungs-Zuwächse, die die Europäische Kommission bis 2030 fordert, sondern auch dank des Wachstums des Bruttosozialproduktes der EU über eine wesentlich höhere Vermögensgrundlage verfügen werden als noch vor wenigen Jahren. Die Zahlungsfähigkeit des staatlichen Rentensystems ist gesichert, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. In Spanien würde etwa laut einer kürzlich erschienenen Studie der Gewerkschaft „Comisiones Obreras“ ein jährlicher Zuwachs des Bruttosozialproduktes um 2,5% genügen (1).

Jedoch müssen wir bei diesem neuen Bild vom Alter vermeiden, dass linke Ideologie uns daran hindert, klar zu sehen. Es ist kein Grundsatz, dass die staatlichen Rentensysteme, die auf den Prinzipien der Verteilung und klar definierter Leistungen beruhen, gerechter seien als die auf Abgaben beruhenden Systeme klar definierter Beiträge. In einem Verteilungssystem legt der Staat den Arbeitnehmern Steuern auf, damit er damit die Renten zahlen kann. Damit zerstört er die Dualität aus Arbeit und Belohnung. Das private System mit dem Prinzip individueller Abgaben hat in Ländern Lateinamerikas, wie zum Beispiel Chile, gut funktioniert. Dort hat man eine logische Verbindung zwischen persönlicher Anstrengung und privatem Nutzen geschaffen. Aber der fehlende Schutz solcher Fürsorgesysteme vor der Inflation gibt Grund zur Besorgnis.

Keine Angst vor dem staatlichen Rentensystem

Es ist offensichtlich, dass die Renten-Privatfonds ein sehr lohnendes Geschäft für die Finanzvereine darstellen. Es ist auch unbestreitbar, dass diese Unternehmen stark zu der inzwischen vorherrschenden Meinung beigetragen haben, dass das Jüngste Gericht naht, sollte das aktuelle System beibehalten werden.

Trotz allem ist klar, dass es zur Sicherung des staatlichen Rentensystems ein privates und freiwilliges Abgabesystem geben muss. Dies sollte aber nicht nur aus Angst vor dem Zusammenbruch des staatlichen Systems entstehen.

Das alles scheint den Verfechtern einer Systemänderung jedenfalls sinnvoller, als den einfachsten Weg zu wählen: Der Familie ihre traditionelle Rolle als Versorgerin der Alten zurückzugeben. Wie von Zauberhand würde der Staatshaushalt um die Lasten, die für den Altersschutz gedacht waren, erleichtert und der finanzielle Druck, der auf den jungen Leuten liegt, vermindert werden. Diese würden dann über die notwendigen Mittel zur Gründung einer Familie verfügen, und so würde die Geburtenrate steigen und den Alterungsprozess der Bevölkerung umkehren. Jedoch scheint dieses Patentrezept von Großmama nicht so ganz in das aktuelle, kränkelnde Bild, das wir von der Familie haben, zu passen. Denn der Opa ist ohne Zweifel besser im Altersheim aufgehoben.

(1) http://www.redsegsoc.org.uy/Pacto-Toledo-Garcia-2002.htm