Die Achse Wien-Zagreb

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2005
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2005

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Warum Österreich einen EU-Beitritt Kroatiens fördert. Und den der Türkei verhindern will.

„Wenn man sich anschaut, welche Region für Österreich und die Österreicher am wichtigsten ist, dann ist das sicher der Westbalkan“, sagte die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik über ihre außenpolitischen Prioritäten im April 2005 in einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“. Schon damals rühmte sie sich, dass es auch auf ihre Arbeit zurück zu führen sei, dass die EU die Gespräche mit Kroatien nicht endgültig platzen ließ – trotz der Causa Gotovina: „Ich sehe das als Teil unserer Nachbarschaftsarbeit. So schaut Nachbarschaft konkret aus. Wir haben in diesem Raum als Österreich ein riesiges Kapital an Glaubwürdigkeit und Vertrauen, dem müssen wir gerecht werden.“

Doch es geht nicht nur um Glaubwürdigkeit, Vertrauen und historisch geprägte Sentimentalitäten, die die Freundschaft zwischen Wien und Agram (wie Zagreb auf Österreichisch heißt) versüßen. Auch die wirtschaftlichen Argumente sprechen eine deutliche Sprache.

Investor Nummer eins

Der Direktor der österreichischen Nationalbank Peter Zöllner bestätigte im September bei der Präsentation des World Investment Reports der UNCTAD die wichtige Rolle des Alpenstaats in Zentral- und Südosteuropa: Österreich ist in Kroatien – wie in Slowien und Bulgarien - größter Auslandsinvestor. 220 Millionen Euro flossen im Jahr 2004 nach Kroatien. Insgesamt hat Österreich von 1993 bis 2003 2,1 Mrd. Euro in Kroatien investiert (pdf). Damit hält Österreichs Wirtschaft knapp mehr als 30 Prozent der Auslandsinvestitionen. Die Exporte in das ehemalige österreich-ungarisches Herschaftsgebiet an der Adria können sich ebenfalls sehen lassen: Im Jahr 2003 wurde die Milliarden-Euro-Marke überschritten. Die Verteidigung kroatischer EU-Aspirationen hat handfeste volkswirtschaftliche Gründe. Ein gehöriger Imagezuwachs durch eine kostenlose Medienkampagne in den kroatischen Medien kann Österreichs Position in den posthabsburgischen Geschäftsbeziehungen nur zuträglich sein.

Selbst im Tourismus ist Kroatien wichtiger geworden als die Türkei. War die Kleinasien quasi Ausweichquartier österreichischer Urlauber während des Balkankrieges, hat die Türkei diese Position nicht zuletzt aufgrund von Terrorangst wieder eingebüßt. Gemäß den Berechungen des Wiener Institutes für Freizeitforschung liegt Kroatien hinter Italien und Griechenland nunmehr auf Platz drei – und verdrängte damit die Türkei auf Platz vier.

Großer Markt – aber nicht für Österreich

Zwar ist die in der Türkei tätige österreichische Exportwirtschaft über die Haltung der Außenministerin alles andere als glücklich, doch ist die Türkei insgesamt für Österreich weit weniger wichtig. Im Gegensatz zu Deutschland hat Österreich keine ausgeprägten wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Türkei. Zwar konnte man in den vergangenen Jahren das Exportvolumen steigern, doch mit 620 Millionen Euro im Jahr 2003 und 790 Millionen im darauffolgenden Jahr rangiert die Türkei in der Größenordung von Finnland.

Wenn aus der Sicht der Wirtschaft ein Beitritt beider Staaten zu begrüßen wäre, so spricht aus der Bevölkerung nichts als Skepsis: Gemäß der jüngsten Eurobarometer-Umfrage (pdf) können sich nur 10 Prozent der Österreicher mit einem Beitritt der Türkei anfreunden. Der Adriastaat ist ihnen da allemal lieber: Immerhin 45 Prozent begrüßen einen EU-Beitritt Kroatiens.