Dialog ohne Differenz

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2009
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Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2009
''Der Streit um die Äußerungen des Schriftstellers Navid Kermani zur Darstellung der Kreuzigung in der christlichen Kirchenmalerei zeigt die Grenzen des interreligiösen Dialogs wie er von den Vertretern der großen Konfessionen gerne geführt wird. Der Konflikt macht deutlich, dass nur wenn man die Differenzen anerkennt, der Dialog Sinn machen kann.'' Mittwoch, 27.
Mai 2009

Dass der Dialog der Religionen sich allzu oft auf den belanglosen Austausch von Höflichkeiten und die gegenseitige Bekundung von Respekt beschränkt, hat man schon lange befürchten müssen, doch selten hat sich deutlicher gezeigt, wie rasch der Dialog an seine Grenzen gerät, wenn er mit den tieferen Differenzen des Glaubens konfrontiert wird, als im Streit um die Verleihung des Hessischen Kulturpreis. Dieser sollte in diesem Jahr der Verständigung zwischen den Religion gewidmet sein und an Vertreter der Katholischen und der Evangelischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde sowie an einen Muslim verliehen werden.

Wenig originellerweise wählte die Jury für die Katholiken den Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, für die Protestanten den früheren Präsidenten der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau Peter Steinacker und für die Juden den Vizepräsidenten des Zentralrats Salomon Korn aus. Bei den Muslimen einigte man sich auf den Frankfurter Theologieprofessor Fuat Sezgin. Doch dieser wies den Preis zurück, da er nicht gemeinsam mit Korn geehrt werden wollte, dem er seine einseitige Stellungnahme für den israelischen Krieg in Gaza vorwarf.

Stattdessen fand man den Kölner Islamwissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten Navid Kermani. Der Deutsche iranischer Abstammung ist bekannt als gläubiger Muslim liberaler Gesinnung, der sich mit seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen sowie als Mitglied der Islamkonferenz für eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam eingesetzt hat. Es gibt wenige Muslime in Deutschland, die überzeugender als Kermani für einen selbstbewussten, reflektierten und aufgeklärten Islam stehen.

Kermani lehnt das Kreuz ab, ist davon aber doch tief bewegt

Ihn für den Hessischen Kulturpreis auszuwählen, war daher eine nahe liegende Entscheidung. Doch hatte die Jury nicht mit Lehmann und Steinacker gerechnet: Die Vertreter der beiden christlichen Kirchen - besonders aber Lehmann, der die Entscheidung in einem langen Schreiben begründete - lehnten es kurz vor der Verleihung ab, den Preis gemeinsam mit Kermani zu erhalten. Die Begründung: Kermani habe das Kreuz als zentrales christliches Symbol in nicht akzeptabler Weise angegriffen. Die Jury entschied daraufhin zunächst, den Preis nur an Lehmann, Steinäcker und Korn zu vergeben, bevor sie die Verleihung angesichts der breiten Empörung lieber ganz verschob.

Anlass für die Erregung der Kirchenmänner ist ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, in dem Kermani sich während eines Aufenthalts in Rom mit der christlichen Kirchenmalerei auseinandersetzt. Angesichts der Gemälde der Kreuzigung sinniert er über die Bedeutung und die Zulässigkeit der Darstellung des Leidens Christi. Nicht nur findet er bedenklich, dass die Anbetung des Kreuzes ein Symbol der Folter in den Mittelpunkt stellt, sondern auch die Darstellung Gottes in der Gestalt Christi erscheint ihm als Anhänger des streng monotheistischen Islam problematisch.

Der Dialog endet dort, wo er eigentlich anfangen müsste

Dass Kermani sein Befremden angesichts der barocken Gemälde ausdrückt - in drastischen, aber keineswegs diffamierenden Worten - , ist angesichts seiner religiösen Prägung nur natürlich. Wenn seine Äußerungen dennoch für solch eine Aufregung sorgen, lässt dies auf ein Verständnis des Dialogs schließen, in dem kein Platz für die offene Auseinandersetzung mit den Differenzen des Glaubens ist, sondern eine Interpretation des Glaubens in den Vordergrund gestellt wird, deren Ecken soweit abgeschliffen sind, dass sich niemand mehr daran stoßen kann.

Man darf und man muss sich fragen, was ein solcher Dialog bringen soll, bei dem von der Gegenseite erwartet wird, dass sie ihre eigene Auffassung zurückstellt, sobald sie von der eigenen abweicht. Damit geht man zwar jedem Konflikt aus dem Weg, doch verliert damit der Dialog auch seinen Sinn, weil zur Diskussion über den Glauben auch die Anerkennung der Differenzen gehört, ihr Verschweigen dagegen den Glauben seines Inhalts entleert. Von einem Muslim zu verlangen, dass er die Anbetung des Kreuzes anerkennt, ist ebenso Unsinn, wie von einem Christ zu verlangen, dass er Mohammad als Prophet akzeptiert, wie Kermani betont. Beides führt den Dialog ad absurdum.

Schließlich ist die Erregung der Kirchenleute auch deshalb nur schwer verständlich, da Kermani in seinem Artikel seine Äußerungen nicht nur dadurch relativiert, dass er betont, dass die vorgebrachten Einwände und Empfindungen allein für ihn gelten, sondern auch dadurch, dass er am Ende eingesteht, dass er trotz aller Kritik an der Darstellung der Kreuzigung von den Bildern tief bewegt ist. Dies aber, sich trotz aller Differenzen die Offenheit für die Wirkung und Wahrheit anderer Religionen zu bewahren, ist die Grundlage des Dialogs.