Deutschlandsafari: Wo die wilden Biber hausen

Artikel veröffentlicht am 6. August 2014
Artikel veröffentlicht am 6. August 2014

Deutschland? Das ist doch dieses überbevölkerte Land in Mitteleuropa, in dem es weder Mückchen noch Blättchen zu entdecken gibt... Wer glaubt, die deutsche Flora und Fauna zeichne sich durch Langeweile aus, der sollte unbedingt in Ralf Storks Wanderführer „Deutschlandsafari“ blättern. Denn es gibt sie noch, die wilden Tiere, und diesen Sommer gehen wir auf die Pirsch.

Wilde Elefanten? Löwen? Oder gar Giraffen? Deutschland mag zwar weder mit den afrikanischen Big Five noch mit dem Great Barrier Reef oder der Wüste Gobi aufwarten können, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sich das ganze Land nur aus Kleinstädten und Autobahnen zusammensetzte. Getreu dieser Erkenntnis räumt Ralf Stork in seinem Reise- und Wanderführer Deutschlandsafari (2014) zuerst einmal mit gängigen Vorurteilen auf: „Wir glauben einfach nicht daran, dass irgendwo da draußen noch wirklich wildes Leben existiert. Dabei ist die Tierwelt vor unserer Haustür viel spektakulärer, als wir es für möglich halten. Unter uns leben Tiere, von denen wir nicht einmal ahnten, dass sie in Deutschland vorkommen.“ Mein Eichhörnchen, der Alien?

Nun ja, für Elefanten reicht es wirklich nicht. Dafür gibt es in Deutschland aber Stare, Kegelrobben, Störche, Biber, Wisente, Rotwild, Kröten und eben Eichhörnchen zu bewundern. 15 unentdeckte Naturparadiese stellt Stork in Deutschlandsafari vor, von denen glatte sechs im weiteren Umland von Berlin liegen. Warum also zum 100sten Mal an den Wannsee fahren oder sich im Tiergarten die Augen nach Kaninchen aus dem Kopf gucken? Eine Tour ins „Biberland“ ist sicherlich spannender: Das klingt nach Märchen, prähistorischen Flussbauten und putzigen Nagern mit Überbiss. Glücklicherweise, so erläutert Stork, sei das Havelland nur einen Katzensprung von Berlin entfernt und mittlerweile so von Bibern bevölkert, dass man sicher ein paar der kolossalen Nager zu Gesicht bekomme. Denn die Zeiten, in denen ganz Deutschland „biberfrei“ war, sind vorbei und umgekrachte Bäume für Stork „Indizien dafür, dass Deutschland ein klein wenig kanadischer wird und die Natur trotz Autobahnen, Monokulturen und begradigter Flüsse wieder zu uns zurückfindet.“

Deutschland ist längst nicht mehr "biberfrei"

In beschwingten Worten beschreibt der Journalist und Autor, wie er sich im Kanu auf die Biberpirsch begibt und dabei ohne größere Mühen mehrere Exemplare der Gattung Castor fiber, die ein bisschen an eine Ente ohne Hals erinnere, aufspürt. Nebenbei lernen wir, dass der Biber als größtes Nagetier Europas fast so schwer wie ein Reh werden kann, bei den Katholiken lange Zeit als leckere Fastenspeise galt und, wenn er Pech hat, von seinem selbst gefällten Baum erschlagen wird. Stork erklärt dabei nicht nur, wann und wo man die dicken Freischwimmer am besten beobachten kann, sondern auch in welchen Gasthöfen man essen, schlafen und sich weiterbilden kann. Denn auch wenn der Autor es sich zum Ziel gesetzt hat, Stadtmenschen an die wilde Natur heranzuführen, so weiß er doch, dass diese gerne auf weichen Matratzen schlafen und keine Lust haben, Stunden im nassfeuchten Unterholz zu kauern. Insofern ist Deutschlandsafari ein eher bequemer Naturführer – es muss ja auch nicht jeder Heinz Sielmann sein.

Damit wir es zumindest im Geiste mit dem berühmtesten deutschen Tierfilmer aufnehmen können, beantwortet Stork alle möglichen Fragen: Wie viel frisst eine sechsköpfige Storchenfamilie? Was ist ein „Megaherbivor“? Welche Beziehungsform bevorzugt Ciconia ciconia? Wo kann ich Steinschmätzer beobachten? Manche Fakten stimmen eher traurig: Warum kann die westlich von Berlin gelegene Döberitzer Heide nur deshalb so unberührt sein, weil sie seit Menschengedenken als Truppenübungsplatz dient? Warum mussten Przewalski-Pferde in freier Wildbahn aussterben und Tierforscher anschließend Jahrzehnte damit verbringen, sie wieder aus der Gefangenschaft auszuwildern? Warum, ja warum nur haben wir die Natur in Europa in derart schwere Ketten gelegt?

Stelldichein mit Murmeltier

Deutschland wieder in einen wilden Urwald zu verwandeln, ist natürlich so unmöglich wie unerstrebenswert. Daher begnügt sich der mitteleuropäische Safarifan damit, das Beste aus den verbliebenen grünen Flecken machen. Wie wäre es mit einer Wanderung ins “Murmeltierland”? Das Allgäu liegt zwar nicht unbedingt in der Umgebung von Berlin, aber wenn man sich die Safaridistanzen in Afrika, China und Australien ins Bewusstsein ruft, schrumpfen die Autostunden zwischen der Hauptstadt und Bayern zumindest gefühlt auf 2,5 zusammen. Und schließlich sind die Alpen ja auch mit das Schönste, was Deutschland zu bieten hat: “So konnten wir eine ganze Reihe Murmeltiere bei ganz unterschiedlichen Dingen beobachten und fanden sie dabei immer - nun ja - niedlich. Für einen Naturliebhaber, der Tiere möglichst genau beobachten und beschreiben will, ist das ein eher peinliches Bekenntnis”, meint Stork dazu. 

Angesichts der allgemeinen Abwesenheit von Braunbären, Wildkatzen und zahlenstarken Wolfsrudeln in deutschen Wäldern muss man sich aber nicht ganz so arg schämen, wenn man mit Murmeltieren oder Kegelrobben Vorlieb nimmt. Sie zählen zwar nicht zu den Big Five, aber deswegen sollte man diesen Sommer trotzdem nicht die Wanderschuhe im Schrank stehen lassen und sich auf die faule Haut legen. Und wer in Berlin wohnt, hat jetzt auch keine Ausrede mehr.

Ralf Stork: Deutschlandsafari – 15 Reisen zu wilden Tieren. Erschienen bei Haffmans-Tolkemitt, 2014, 22,95 Euro.

SOMMER IN BERLIN: ANSICHTEN EINER HEISSEN STADT

Hurra, hurra - der Sommer ist da! Auch wenn sich die Berliner Parks schon ab Juni in Freizeitzonen verwandeln, ist der August immer noch der Höhepunkt der heißen Jahreszeit. Cafébabel sammelt die schönsten Sommerimpressionen. Mehr Infos wie immer auf Face­book und Twit­ter