'Deutschland schafft sich ab': Thilo Sarrazin provoziert Muslime

Artikel veröffentlicht am 31. August 2010
Artikel veröffentlicht am 31. August 2010
Das Vorstandsmitglied der Bundesbank, Thilo Sarrazin, hat am Montag in Berlin sein islamkritisches Buch Deutschland schafft sich ab vorgestellt. Der Vergleich zum holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders liegt nahe, auch wenn Sarrazin die Parallele energisch ablehnt. Kritik an Deutschlands Integrationspolitik ist legitim, meint Europas Presse, sofern keine Muslime verletzt werden.

La Stampa: „Sarrazin bricht das Schweigen“; Italien

Das islamkritische Buch des SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin wirft das Licht auf eine dunkle Seite Deutschlands, die nicht verschwiegen werden darf, meint die liberale Tageszeitung La Stampa: "Jetzt ist die Aufgabe Thilo Sarrazin zugefallen, das Schweigen zu brechen. [...] Sarrazin wird dafür wohl mit dem Ausschluss aus der sozialdemokratischen Partei und möglicherweise auch aus der Bundesbank büßen müssen. Aber Vorsicht, denn wer genau hinhört, vernimmt Ansichten, die weit mehr als nur Sarrazin teilen. [...] Soziologen beschreiben eine Parallelgesellschaft mit ganzen Stadtvierteln, die ein Eigenleben führen, mit Einwohnern, die nur untereinander heiraten, nur ihre eigene Sprache sprechen, nur zu ihren Ärzten gehen, ihre Kreditinstitute haben und religiöse Schulen besuchen, jedoch den Kontakt mit dem Land meiden, in dem sie leben. Irgendetwas hat im deutschen Integrationsmodell nicht funktioniert. Auch wenn Thilo Sarrazin die schlimmsten Worte gewählt hat, um es zu sagen, so bleibt das Problem bestehen."(Artikel vom 31.08.2010)

Kurier: „Offene Gesellschaft muss ehrliche Diskussion aushalten“; Österreich

Laut Sarrazin: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen...Kritik an der deutschen Integrationspolitik ist durchaus berechtigt, schreibt die Tageszeitung Der Kurier, doch darf sie nicht so verletzend daher kommen wie im Buch von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin: "Das meiste, was Sarrazin ausspricht, ist bekannt. Er hat die Fakten, leicht überspitzt formuliert, zusammengestellt und zieht eigene Schlussfolgerungen: Die Politik lügt sich aus ideologischen Gründen - nicht nur in Deutschland - die Probleme muslimischer Immigration schön. Und gefährdet damit die Zukunft. Auch wenn die meisten Fachleute ihm im Befund überwiegend recht geben (seinen dramatischen Folgerungen nicht), wäre Sarrazin wohl ein wenig beachteter Warner geblieben, von denen es wissenschaftlich seriösere gibt. [...] Dass eine ehrlichere Diskussion fällig ist, beweist auch der Mediensturm nach dem geschickten Vorabdruck von Sarrazins Buch in Spiegel und Bild. Eine offene Gesellschaft (und nicht nur die SPD, wie ihr oberstes Parteigericht befand) muss die aushalten, ja hat sie sogar nötig. Nicht aber verletzende Provokation aus höchst bequemer Position und intellektueller Eitelkeit."

(Artikel vom 30.08.2010)

Financial Times Deutschland: „Ethikkodex der Bundesbank zum wiederholten Male verletzt“; Deutschland

Die islamfeindlichen Äußerungen des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin beschädigen auch das Image seines Arbeitgebers, meint die wirtschaftsliberale Financial Times Deutschland: "Um sein Buch zu vermarkten, hat er seine altbekannten Thesen von der Verdummung Deutschlands noch einmal zugespitzt und sich so noch stärker in die Nähe von Ausländerfeinden gerückt. Wäre Sarrazin immer noch Landespolitiker, wäre dies nur ein Fall für die Parteigremien. Die Öffentlichkeit könnte sich an den Thesen reiben, wie sie es in seiner Berliner Zeit [als Finanzsenator] immer getan hat. Doch Sarrazin ist seit Mai 2009 kein Politiker mehr, sondern Bundesbanker. Und als solcher muss er sich laut internem Ethikkodex 'jederzeit in einer Weise verhalten, die das Ansehen der Bundesbank und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Bundesbank aufrechterhält und fördert'. Diese Regel hat Sarrazin verletzt - ganz bewusst und zum wiederholten Male."

(Artikel vom 31.08.2010)

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Fotos: Thilo Sarrazin ©Wikipedia; Buchdeckel ©DVA