Deutschland führt Europas Revolution der Wind- und Solarenergie

Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 28. Oktober 2008
Während sich die Ölbarone im Weißen Haus von Bush und Cheney auf verzweifelte Strategien zur Sicherung der Ölversorgung verlegten, teilen sich Europa und Japan inzwischen die Spitze bei der Umsetzung umweltfreundlicher Maßnahmen.

©marie-ll/flickrBei einem Aufenthalt am Amsterdamer Flughafen Schiphol blieb mein Blick an den Rolltreppen hängen, die automatisch stehen blieben, wenn sie keiner benutzte. Sie sind ein Beispiel für Energieeffizienz und -design, ebenso wie (so stellte ich auf meinen Reisen fest) die wassersparenden Toiletten mit zwei oder drei Spülstufen sowie die Flurbeleuchtung mit Bewegungsmelder in den meisten europäischen Hotels, Museen und Haushalten. Zum Einsatz kommen die neuen Energiesparlampen, welche dieselbe Helligkeit mit nur einem Fünftel der Energie erzeugen. In Amerikas Wohnzimmern und Büros brennen immer noch die 100-Watt-Brandsatz-Lampen.

Während Bush und andere Führungsspitzen Neuerungen im Bereich Umwelt und Energie mit der Begründung verhinderten, sie würden die Wirtschaft schädigen und Arbeitsplätze vernichten, entdeckte Europa das Gegenteil. Energieeffizienz wirkt sich tatsächlich positiv auf die Wirtschaft und die Geschäfte aus. Europas Anstrengungen führten zum Aufstieg neuer Technologien und Wirtschaftszweige, wobei hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Firmen, die in die Modernisierung ihrer Produktionsstätten investierten, wurden aufgrund der in die Höhe schießenden Energiepreise deutlich wettbewerbsfähiger. Das Magazin BusinessWeek konstatierte, Europa sei besser für den kommenden Peak Oil (globales Ölfördermaximum) gerüstet als die USA, da Europa den gleichen Lebensstandard mit wesentlich weniger Energie und Rohstoffen erreichen kann. Der alte Kontinent bläst dabei weit weniger Treibhausgase in die Luft.

Der Wind weht von Deutschland bis nach Spanien

Europa ist Weltspitze in puncto Windkraft und Deutschland ist führend in Europa. 20.000 Windräder, verteilt über die Landschaft, erzeugen 8 Prozent des Stroms in Deutschland, versorgen 10 Millionen Haushalte und sparen geschätzte 42 Millionen Tonnen CO2 ein. 2.600 Windräder in Schleswig-Holstein decken ein Drittel des dortigen Elektrizitätsbedarfes und beanspruchen dabei lediglich 1 Prozent der Landesfläche. Über 84.000 Menschen fanden bundesweit in der Windenergie-Branche eine Anstellung. Deutschland plant die Errichtung 30 weiterer Offshore-Windparks mit rund 2.000 Windrädern in der Nord- und Ostsee.

Im Nordosten, 19 Kilometer vor der Themsemündung an der britischen Küste bauen mehrere europäische Energiekonzerne den größten Windpark der Welt. Das ambitionierte 2,7-Milliarden-Dollar-Projekt wird 341 Turbinen auf einem Gebiet von 144 Quadratkilometern installieren. Zusammen mit einem weiteren Windpark in Küstennähe werden die 440 Windräder ein Drittel der drei Millionen Londoner Haushalte mit Strom versorgen. Und es ist alles Erneuerbare Energie, deren Nutzung eine Verringerung der CO2-Emmissionen um mehr als zwei Millionen Tonnen pro Jahr bewirkt.

©JohnSeb/flickr

Weiter im Süden hat sich Spanien als weltweit am schnellsten wachsender Erzeuger von Windkraft entwickelt. Im März 2008 erzeugte die Windkraft durchschnittlich 28 Prozent des gesamten Strombedarfes. In Spitzenzeiten waren es sogar mehr als 40 Prozent. Der Nachbar Portugal ist dabei, im gesamten Land Windräder im Gesamtwert von 1,3 Milliarden Dollar zu installieren. Genug um 750.000 Haushalte zu versorgen. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall errichtet derzeit in der Ostsee zwischen Schweden und Deutschland den größten Windpark Nordeuropas. Dänemark bezieht bereits rund 20 Prozent des Gesamtenergiebedarfes aus der Windenergie. Einen wesentlichen Anteil daran hat der größte existierende Windpark der Welt bei Nysted. 72 Windräder erzeugen hier genug Energie für 110.000 Haushalte.

Drei Fünftel der weltweit mit Windenergie produzierten 74.000 Megawatt werden in Europa erzeugt. Die USA hinken mit nur einem Drittel der europäischen Kapazität weit hinterher. Ein großer Hemmschuh ist das veraltete Stromnetz, das vor 100 Jahren entworfen wurde, um kleine Gebiete mit Strom zu versorgen. Es sah dabei jedoch keine landesweite Verteilung vor. Das erschwert den Transport größerer Energiemengen über weite Entfernungen, zum Beispiel von den dünn besiedelten Flächenstaaten im Landesinneren zu den Ballungszentren an den Küsten.

Europas Länder erleben einen Aufschwung der wirtschaftlichen Aktivität

Im Herzen des konservativen Bayerns entstand 2004 auf 30 Hektar die größte Solaranlage der Welt. Mit zwei weiteren in der Nähe befindlichen Solarparks erzeugen die Anlagen genug elektrische Energie für 9.000 deutsche Haushalte. 2005 überholte Deutschland Japan als das Land mit der größten installierten Leistung. Es nahm damit 57 Prozent des Weltmarktes ein - Europa gesamt kam auf 60, die USA lediglich auf 7 Prozent. Im Jahr 2012 wird Deutschland 12.000 Megawatt elektrische Energie mit Solaranlagen erzeugen. Selbige reichen für die Versorgung von rund 6 Millionen Haushalten aus. Das entspricht der gesamten nuklearen Stromerzeugung Großbritanniens.

©vida de vidro/flickr

In Portugal produziert die größte Photovoltaik-Anlage der Welt genug Energie, um 8.000 Haushalte mit Strom und Wärme zu versorgen. Damit vermeidet sie pro Jahr einen CO2-Ausstoß von 30.000 Tonnen. Sie schafft auch neue Arbeitsplätze in der traditionell armen Region Alentejo, 200 Kilometer südöstlich der Hauptstadt. Ironischer Weise sind ihre Partner US-amerikanische Firmen, die PowerLight Corporation und GE Energy Financial Services. Sie machen in Europa mehr Umsätze als in den USA. Solarkollektoren erzeugen Warmwasser für Duschen, Geschirrspüler und Waschmaschinen, wodurch sie die Warmwasserkosten um 75 Prozent reduzieren können. In Europa werden 13 Prozent des Warmwassers durch Solarthermie erzeugt, verglichen mit bloßen 2 Prozent in den USA. Österreich installierte 2005 das 40-fache dessen, was Kalifornien an solarthermischen Anlagen errichtete, und das bei nur einem Viertel der Bevölkerung - und sehr viel weniger Sonne.

Steven Hill ist Leiter des Politischen Reformprogrammes der New America Foundation und Autor eines bald erscheinenden Buches, das den amerikanischen mit dem europäischen Weg vergleicht.