Deutschland: Flirten für Flüchtlinge

Artikel veröffentlicht am 19. September 2016
Artikel veröffentlicht am 19. September 2016

Horst Wenzel (27) aus Köln ist Flirtcoach, hat 2012 die Flirt University gegründet und gibt nicht nur branchenspezifisch Bankern und Orthopäden, sondern neuerdings auch Flüchtlingen in Deutschland Nachhilfe in Sachen Flirten. Hatern im Netz ist das ein Dorn im Auge. 

Du hast aufgrund deines Flirtkurses für Flüchtlinge viel Medienecho bekommen. Wie kam die Idee zustande?

Ich wurde von der AWO in Essen gebeten, mich speziell auf die Belange der Flüchtlinge einzustellen. Ich habe vom ersten Moment gedacht, Mensch, das ist eine witzige Idee. Jetzt gerade kommen Herausforderungen auf alle Bereiche zu, ein Dachdecker deckt vielleicht ein Dach von einem Flüchtlingsheim, da kann ich auch ehrenamtlich mithelfen. 

Wie hast du dich auf dieses interkulturelle Coaching vorbereitet?

Die große Herausforderung war die Sprache. Es war ein multilingualer Workshop. Erst hielt ich ein Impulsreferat, dann kam eine Diskussionsrunde. Ich habe auf Deutsch, Englisch und mit Händen und Füßen gesprochen - und dann wurde nochmal ins Arabische und Persische übersetzt.

Welche Themen haben das größte Interesse geweckt?

Es gibt ja nicht die eine Masche, mit der man jeden oder jede kriegt. Tausend Wege führen nach Rom. Deswegen waren eigentlich die Fragen das Spannendste: Ab wann ist man in Deutschland eigentlich offiziell zusammen? Wann hat man das erste Mal Sex? Wenn ich eine Frau interessant finde, soll ich ihr das sagen? Es ging auch viel darum, wie sich Flüchtlinge in Deutschland fühlen. Ich habe den Fokus eher darauf gelegt, wie man es schafft, sich einen Freundeskreis aufzubauen oder erstmal einen deutschen Kumpel oder eine beste Freundin zu finden. Es ist ein wichtiger Part, sich erstmal ein Sozialleben aufzubauen.

Und wo kann man da konkret anfangen?

Zum Beispiel habe ich drei Onlinedating-Apps vorgestellt, die sich besonders gut eignen, wenn man noch geringe Sprachkenntnisse hat. Einmal NOW!, das ist eine App, wo man sagt 'Ich will jetzt mit jemandem Shisha rauchen gehen' und dann matcht der dir jemanden zu. Man muss also nicht soviel schreiben und hat gleich reale Treffen. Eine andere App war Whisper, das läuft über Sprachnachrichten, gut für das Sprachtraining und die Aussprache. Die dritte App ist Once, da hat man auch Matches, aber einen qualitativ hochwertigeren Chat.

Brauchen Flüchtlinge denn wirklich Flirtregeln für Deutschland?

Eigentlich saßen da vor mir sehr charmante junge Herren, die alles Rüstzeug mitbringen, um Frauen hierzulande zu begeistern. Nichtsdestotrotz haben in Syrien ja auch nicht alle so viele Erfahrungen gesammelt. Ich hatte da einige sitzen, die waren absolute Beginner, sie hatten also noch nie eine Beziehung. Da sehe ich den Bedarf auf jeden Fall. Und dann ging es um das Stichwort Übergriffe, um auch die Grenzen des Körperkontakts zu besprechen. Ich habe viel Körpersprache erklärt und woran man erkennt, ob jemand Interesse hat. Das Interesse dafür war speziell da.

Viele bleiben unter sich, haben nur mit anderen Ausländern zu tun. Einer sagte, in Essen hat er nur Marokkaner kennengelernt. Deutsche hätten Vorbehalte. Auch Köln war ein Thema. Jemand sagte, dass er sich seitdem nicht mehr richtig traut. 'Ich fühle mich seit Silvester in Deutschland gehemmt, hier ausgelassen zu feiern. Weil ich unter einen Generalverdacht gestellt werde.' Und da habe ich gesagt: was da Silvester passiert ist, war ein ganz feiges Verbrechen. Aber die fühlen sich mit schuldig dafür und haben seitdem auch viel Hass und Rassismus zu spüren bekommen.

Warum stand dein Coaching unter Polizeischutz?

Weil ich vorher Morddrohungen bekommen habe. Ich habe echt die hässliche Fratze des Rassismus in Deutschland zu spüren bekommen. Da schreiben einfach anonyme Leute über Facebook, die AfD und Pegida liken, so nach dem Motto, der Muselmann nimmt uns nicht nur den Job weg, sondern auch unsere Frauen. So ein ekliges, neidisches Mangeldenken. Es gab auch Leute, die geschrieben haben: Pflichttermin für alle deutschen Kameraden - der kriegt ‘ne nationale Liebeserklärung. Ich hatte ein sehr flaues Gefühl an dem Tag und wollte auch auf keinen Fall die Teilnehmer meines Kurses in Gefahr bringen. Zum Schutz habe ich meinen Lieblingstürsteher aus Köln mitgebracht. Es war höchste Sicherheitsstufe, aber zum Glück hatten sie an dem Tag dann doch nichts zu tun. Es hat keine Zwischenfälle gegeben. Trotzdem werde ich Termine nicht mehr online ankündigen.

Integration funktioniert doch eigentlich beidseitig: Können wir uns nicht von anderen sogar noch was abschauen in puncto Flirten?

Bestimmt sogar. Da fehlte aufgrund der Mehrsprachigkeit ein wenig die Zeit. Aber das neue Umfeld, dem sich die Flüchtlinge stellen müssen, ist jetzt eben hier in Deutschland. Im Europavergleich haben die Deutschen sicherlich einen Riesenaufholbedarf. Gefühlt geht der Deutsche ja in Europa zum Lachen in den Keller, ist unglaublich schüchtern. Uns wird nachgesagt, dass wir gedanklich noch die Pickelhaube aufhaben. Aber wir ändern das ja gerade, damit wir bald genauso schön unverbindlich flirten wie die Franzosen.