Deutschland: Einer der letzten Kriegsverbrecher auf der Anklagebank

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2009
Der Prozess gegen John Demjanjuk, den mutmaßlichen KZ-Wächter des Vernichtungslagers Sobibor in Polen, wurde am 2. Dezember in München eröffnet. Was denkt, genau 50 Jahre nach den ersten NS-Prozessen in Deutschland, die Generation junger Deutscher über diesen Prozess?

Der Prozess im Münchner Schwurgericht wird zweifellos eines der letzten Kapitel in der Geschichte der Entnazifizierung sein. John Demjanjuk wird verdächtigt einer der Schlächter im Vernichtungslager Sobibor gewesen zu sein. Die Eröffnung des Prozesses gegen Demjanjuk, der momentan aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes des Angeklagten ausgesetzt wurde, erregt internationales Medieninteresse.

Der ukrainischstämmige Demjanjuk, der mittlerweile staatenlos ist, nachdem ihm die nach dem Krieg zugesprochene amerikanische Staatsbürgerschaft wieder entzogen worden war, geriet im Mai 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde von SS-Truppen zum Trawniki (Bezeichnung für von den Nazis in Osteuropa rekrutierte KZ-Wächter) ausgebildet. Vor Gericht muss er sich nun für die Beihilfe zur Ermordung von 27.900 Juden verantworten. So viele Gefangene wurden in den sechs Monaten, die Demjanjuk im Jahr 1943 in diesem Lager verbracht hatte, ermordet. Seine Dienstzeit in Sobibor ist durch seinen damaligen Trawniki-Dienstausweis und durch mehrere Zeugen belegt, die auch im Laufe des Prozesses aussagen werden.

Ein sinnvoller Prozess?

Der Prozess ist wichtig, da dieser alte Mann sicherlich einer der letzten noch lebenden NS-Kriegsverbrecher ist. Damit wird dieser Prozess vielleicht der letzte in der langen und schwierigen Geschichte der Entnazifizierung in Deutschland sein. Außerdem nimmt sich die deutsche Justiz zum ersten Mal eines Falls an, in dem ein NS-Kollaborateur auf der Anklagebank sitzt - bis dato waren alle Angeklagten in NS-Prozessen deutsche Staatsbürger.

Es stellt sich aber die Frage, ob es Sinn hat, 50 Jahre nach dem Beginn der nicht immer ganz unkomplizierten Aufarbeitung einen alten Menschen mit seinen Verbrechen zu konfrontieren. „Er ist ein wichtiger Verantwortlicher und er hat Blut an seinen Händen“, erklärt die 26-jährige Studentin Christiane und fügt hinzu: „Die Frage stellt sich nicht, man muss ihn zur Verantwortung ziehen. Diese Taten müssen bestraft werden, egal wie viel Zeit inzwischen vergangen ist.“ Diese Meinung wird von einer großen Mehrheit junger Deutscher geteilt. Sie birgt kaum Konfliktpotential.

Wenn man die jungen Deutschen aber nach dem pädagogischen Wert eines solchen Prozesses fragt, ob dieser als Anstoß zur Erinnerung für die kommenden Generationen dienen kann, so sind die Meinungen differenzierter. „Natürlich, man muss darüber reden“, stimmt Franz, 23 Jahre, zu, „aber es wird nie eine hundertprozentige Klarheit geben. Die Hauptverantwortlichen, und das waren Deutsche, wurden nie zur Verantwortung gezogen.“

Das Gefühl des Versäumten wird häufig von einem gewissen Fatalismus begleitet, der von Max, einem Deutschlehrer Anfang 30, auf den Punkt gebracht wird: „So lange Verantwortliche noch am Leben sind, wird der Nationalsozialismus nicht Teil unserer Geschichte, sondern unserer Gegenwart sein.“ Neben dem Gedenken und der Aufarbeitung der während des Zweiten Weltkriegs begangenen Gräueltaten ist es für viele jungen Deutsche vor allem an der Zeit ihr Land endgültig mit seiner Vergangenheit zu versöhnen.

Fotos: John Demjanju/The Israeli Government Press Office- Sobidor/Jacques Lahitte CC/Wikimedia