Deutschland, Diskutier Mit Mir

Artikel veröffentlicht am 22. September 2017
Artikel veröffentlicht am 22. September 2017

Der deutsche Wahlkampf wurde bisher als langweilig und unspektakulär wahrgenommen, aber Louis Klamroth und sein Team von „Diskutier Mit Mir“ salzen gründlich nach. Ihre Online-Plattform verbindet wildfremde Menschen von gegensätzlichen Seiten des politischen Spektrums und zwingt sie dazu, sich zu konfrontieren und ihr Votum am Sonntag zu rechtfertigen. 

Die Show ist vorbei. Das Scheinwerferlicht wird langsam gedimmt. Louis steht noch am Tisch mit Katrin Göring-Eckardt, der neuen Grünen-Chefin. Der Ort des Geschehens ist das Alte Kraftwerk, ein ehemaliges Elektrizitätswerk im Herzen Berlins. Heute wird es für Events und Firmen genutzt. Auch ein TV-Studio hat sich dort niedergelassen, in dem Louis Klamroth seine politische Talkshow Klamroths Konter für n-TV produziert. Er ist der jüngste Talkshow-Host in der Geschichte Deutschlands. Konfrontativ, kritisch, kurzweilig“, lautet die Tagline seiner Show. Seine Gäste kommen aus dem gesamten politischen Spektrum und standen ihm - auch in der emsigen Wahlkampf-Zeit - in 20 bis 30-minütigen Interviews Rede und Antwort. Die Live-Sequenzen und die wöchentliche Show brachten mit diesem neuen Gesicht frischen Wind in die Wahlberichterstattung. Denn diese sei laut Louis eher abwechslungslos gewesen. 

Neben seiner wöchentlichen Show ist Louis aber noch an einem anderen Projekt beteiligt, welches Menschen mit gegensätzlichen politischen Einstellungen ins Gespräch bringen will. Ein Online-Raum, wo sich eine Unterstützerin von Göring-Eckhardt und den Grünen mit einem Merkel-Fan oder Rechts-Wähler austauschen kann. Das Projekt nennt sich Diskutier Mit Mir.

24. September: Der Countdown zum Wahltag läuft. Die Wahlkampagnensaison ist normalerweise eine Zeit der Spaltung, Polarisierung und aufgeheizter Debatten. Es ist eine Zeit, in der üblicherweise ununterbrochen und von allen Seiten politische Meinungen auf uns einprasseln, und wo einem in jeder Bar bierselige Polit-Witzchen um die Ohren fliegen. Nicht so in Deutschland, wo die Wahl bisher als ruhig, langweilig oder als „abgehakte Sache“ betitelt wurde. Der allgemeine Konsens ist, dass Angela Merkel Kanzlerin bleiben wird, und das meiste Gerede dreht sich um die möglichen Ergebnisse einer Koalition, die sich erst im Nachhinein formen wird. Wird sie sich mit den Grünen zusammentun, ihren bevorzugten Liberalen (FDP) oder wird die große Koalition von CDU und SPD weiterleben? Und was wird die rechtsextreme Alternative für Deutschland tun?

Blasen platzen lassen

Im echten Leben wie in den Sozialen Medien sprechen Menschen mit gegensätzlichen politischen Einstellungen nicht wirklich miteinander. Ein Beispiel: Ein gewisser Peter ist AfD-Fan. Er ist vermutlich sehr empört darüber, was in Hamburg während des G20 passiert ist und hat seine eigenen Ansichten zum Thema Einwanderung. Wenn er nun mit Heike diskutieren wollte - die sehr besorgt über den Klimawandel ist, wahrscheinlich eine widersprüchliche Meinung zu Migration hat, aber vielleicht über die Unruhen in Hamburg mit Peter übereinstimmt - wo könnten die beiden ins Gespräch kommen? Wie könnten sie sich finden? Im echten Leben kommen wir selten in Kontakt mit Menschen, die eine sehr unterschiedliche Meinung vertreten - das hat mit der steigend polarisierenden Medienlandschaft zu tun.

Die legendäre Filter-Blase. Berühmt wurde dieses Konzept nach den Brexit und Trump-Schockern 2016. Das Phänomen ließ Analytiker und Kommentatoren übereinander stolpern, um das Thema zu beleuchten. Was auch immer du darüber denken magst, es wird zu einem untrennbaren Teil deiner Realität. Aber ist es auch möglich, diese Filterblasen platzen zu lassen? 

Von den Niederlanden abgeschaut

Drei junge, hippe Deutsche sitzen in einem Coworking-Space in Berlin. Ihre Mission? Ebendiese Filterblasen zerplatzen lassen. Sie scherzen: „Eine echte Herausforderung, nicht wahr? Aber es wird ein steiler Start.“

Die drei Jungunternehmer sind Moritz Hohenfeld, Niklas Rakowski und der charismatische „Teenage Fernsehstar“ Louis Klamroth. Ihr Plan ist so simpel wie genial: Leute mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen zu einem Tête-à-Tête in einem Online-Chat einzuladen: Und schon war Diskutier mit Mir geboren.

„Es war nicht ganz unsere Idee”, gibt Louis kleinlaut zu. “Die Inspiration kommt von Waarom Kies Jij? [Warum wählst du? Auf Niederländisch], das im Vorfeld der niederländischen Wahlen im Februar aufgekommen war. Waarom Kies Jij war eine Plattform, die es zufälligen Besuchern und Besucherinnen der Website ermöglichte, unter Angabe ihrer politischen Orientierung mit einem jeweiligen Counterpart gematcht zu werden, um sich über Politik zu unterhalten. Die Initiative wurde von einer Gruppe niederländischer Studenten entwickelt. Nach Beobachtung der US-Wahl waren sie überzeugt, dass die Polarisierung in der Gesellschaft nur eingedämmt werden könnte, wenn man die Bedingungen schaffen würde, Leute in Dialog zu bringen. Über 50.000 Gespräche wurden im Vorfeld zur Wahl geführt und brachten es mit ihrem Versuch, die Filterblasen platzen zu lassen, zu Schlagzeilen. NRC, eine der größten Zeitungen in den Niederlanden, wurde zur Partnerin, um auch Real-Life-Begegnungen neben den Online-Gesprächen zu ermöglichen.

Louis kannte die Leute, die hinter der niederländischen Idee steckten und plante schon, sich mit ihnen in Kontakt zu setzen, als diese ihm zuvorkamen und ihm nahelegten, dass sich das Format auch für Deutschland eignen könnte. „Ich habe sofort Moritz und Niklas angerufen - sie waren gleich dabei. Aber ja, wie man sieht, es ist jetzt 22 Uhr 45, an einem Mittwoch, und wir sind noch am Arbeiten. Es war viel mehr Aufwand als wir dachten“, gibt Klamroth zu.

Die Jungs kennen sich vom Kindergarten oder von der Oberstufe und wollten immer schon ein Projekt wie dieses gemeinsam umsetzen. „Es gab nie Streit oder so, nur Diskussionen. Unsere Kommunikation ist unschlagbar“, sagt Louis. „Aber das macht es auch ein bisschen weniger professionell, um ehrlich zu sein“. Leere Bier-Flaschen liegen verstreut herum und das grelle Neonlicht verleiht dem Workspace mit Industrie-Touch nicht unbedingt mehr Charme, aber es hält wach. Um die Grundidee zu erklären, pitchen sie ihre Idee in 30 Sekunden:

Niklas: „Wir bringen Leute in Kontakt und lassen sie über Politik diskutieren. Wir verbinden Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten und ermöglichen ihnen ein Gespräch über Politik…Stimmt‘s?“

Louis: „Wir wollen Filterblasen platzen lassen. Wir laden Menschen jeder politischer Couleur ein, sich mit anderen auf unserer Plattform zusammenzutun und unter vier Augen miteinander zu sprechen, statt nur übereinander.“

Moritz ist eher praktisch orientiert, er sagt: „Du gehst auf die Website, wählst eine Partei oder Orientierung, dir wird ein Partner zugeteilt, der oder die so weit wie möglich entfernt von deiner politischen Position liegt wie nur möglich, und die Website ermöglicht euch dann einen privaten Chatroom. Platz für politischen Dialog, was online eine echte Rarität ist.“

Die Idee ist leicht nachvollziehbar, vor allem wenn man einen Blick auf die Website wirft. Der Zugang ist niederschwellig: Keine Registrierung erforderlich, keine Information muss preisgegeben werden. Nur ein einfaches, geschmackvoll designtes Chatroulette-artiges System, das dich mit deinem Counterpart in Sachen politischer Einstellung zusammenbringt. „Die Qualität der Diskussionen können wir nicht beurteilen“, fügt Niklas hinzu. „Wir haben keinen Einblick in die Gespräche. Wir können nur auf Indikatoren achten, wie die Dauer der Diskussion und die gewählten Themen. Das gibt uns einiges an Feedback, ohne in die Privatsphäre einzugreifen.“

Nachdem wir die Seite gesichtet haben, ist es Zeit für eine Test-Konversation mit Niklas. „Es erfordert schon einen aktiven Schritt raus aus deiner Komfortzone“, sagt er. „In einer Online-Begegnung - zum Beispiel in Facebook-Kommentaren - kommt es fast nie zu einer konstruktiven Diskussion, sondern endet eher in Hasspostings. Die Lösung dazu ist ein Raum für ein Gespräch unter vier Augen, ohne Publikum.“ Aber warum sollte das einen Unterschied machen? Besonders wenn mit Leuten, die so gegensätzliche Meinungen vertreten, diskutiert wird? Kommt es dann nicht entweder zu einem viel zu netten oder einem sehr hasserfüllten Gespräch? 

„Klar, beides ist möglich. Aber die niederländische Erfahrung hat gezeigt, dass bei 35.000 Konversationen nur eine Person blockiert werden musste”, erklären die Jungs. Moritz erwähnt, dass sie auch planen, an spezielle Communities auf Facebook heranzukommen. Sie nützen dafür Facebook Ads und die Medienpräsenz von Louis. Niklas weist auf ein ähnliches Konzept von Zeit Online namens Deutschland spricht hin. „Das war ein echt schönes Projekt, die Diskussionen waren wohl etwas höherwertig als unsere, aber unser Online-Projekt ist niederschwelliger. Man kann ganz leicht Menschen aus Bayern mit Hamburgerinnen vernetzen und sie über Griechenland und den Euro diskutieren lassen“, erklärt Moritz. „Wir definieren uns nicht als soziales Start-Up, es ist erst einmal eine Plattform… nur drei Klicks auf einer Website und du bist in einem Gespräch. So simpel soll es sein.

Fruchtbare Gespräche

So kurz vor der Wahl zeigt sich Louis zufrieden mit dem Kick-Off: 80.000 Klicks nur in der ersten Woche und schon über 10.000 Gespräche. „Aber worauf wir am meisten stolz sind, ist die Länge der Konversationen. Die Leute verbringen durchschnittlich acht Minuten auf der Website. Wir haben es geschafft, ein motivierendes Tool zu gestalten, wo die Leute gehaltvolle Gespräche führen.“ Auf die Frage hin, wie es mit den Wahlen aussieht, erwähnt Louis, dass diese eher hinderlich für Diskutier Mit Mir sind. „Dieser Wahlkampf hat nicht so stark polarisiert, was ja prinzipiell gut ist, aber es bedeutet auch, dass viele Leute weniger Bereitschaft an den Tag legen, sich in kontroversen Gesprächen zu engagieren.“

Die erste Fernseh-Debatte zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Haupt-Konkurrenten (und aktuellen Koalitionspartner) Martin Schulz (SPD) wurde als Sieg von Merkel wahrgenommen und hat ihre stabile Position deutlich gemacht. Auch hier wurde deutlich, dass in diesem Wahlkampf wenig polarisiert wurde. Die zwei Hauptkandidaten sind in Sachen Migration und Türkei aneinandergeraten, aber Schulz hat nie ernsthaft Druck gemacht, dass sich Deutschland in eine andere Richtung bewegen müsse. Das Fazit: Merkels Position ist fix und es gibt keine ernsthaften Bedrohungen zu dem Kurs, den Deutschland unter ihr in den letzten 12 Jahren eingeschlagen hat.

Doch unabhängig vom wenig polarisierenden Charakter der deutschen Wahlen haben die Jungs von Diskutier Mit Mir einen Erfolg gelandet. „Wir haben Leute von allen Punkten des politischen Spektrums dazu gebracht, online zu gehen und zu quatschen. AfD & AntiFa genauso wie Christen und junge Start-Up-Geeks, junge Mütter und Pensionierte. Es ist schon ein Challenge, die Extreme zur Zusammenarbeit zu bewegen, aber wir haben es geschafft, das macht mich echt froh.“ Die Gruppe führt auch Gespräche über eine Fortführung des Projekts nach der Wahl, vielleicht sogar auf EU-Ebene. „Man kann dieses Tool für jede gesellschaftliche Debatte verwenden. Regionalewahlen oder europäische Referenden. Was auch immer! Das ist echt cool und auch absolut notwendig“, sagt Louis. Es birgt großes Potenzial, dass man das Tool auf regionaler wie auf europäischer Ebene zum Einsatz bringen kann. Es ist vielleicht genau das, was Europa in diesen Zeiten braucht.

Die intensiven und polarisierenden Wahlkämpfe in den Niederlanden, Österreich, Großbritannien und Frankreich und Großevents wie der G20-Gipfel in Hamburg haben uns gezeigt, was passiert, wenn sich die Menschen in ihre persönlichen Blasen zurückziehen und nicht zum Diskutieren rauskommen wollen. Waarom Kies Jij in den Niederlanden, Diskutier Mit Mir in Deutschland und andere zukünftige Projekte quer durch Europa können sehr nützliche Tools sein, um die Leute zur Konversation zu motivieren. Europa kann auf jeden Fall davon profitieren.

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