Deutscher Pop - verpönt war gestern

Artikel veröffentlicht am 8. November 2013
Artikel veröffentlicht am 8. November 2013

Deutscher Pop ging viele Jahre gar nicht, seit einiger Zeit schleicht er sich aber zurück in (heimische) Plattenregale.

„Doch du scherst dich nicht um Lyrik, tust du?“ Max Prosa hat es getan, auf seinem Album Rangoon (2013), und den Klassiker „Hallelujah“ von Leonard Cohen auf Deutsch eingesungen. Das darf nicht jeder. Das gefällt nicht jedem. Aber die zart-rauchige Version des bereits als 'deutscher Dylan' gehandelten 22-jährigen Schmerzensmann-Sängers hat Cohens Management zugesagt. Sie nickten Prosas Version, geschrieben vom ehemaligen Lebensgefährten von Rio Reiser, ab. Coverversionen in diese Richtung sind eher selten. Aber neuerdings gilt: Deutscher Pop sells.

Er hat sich irgendwo zwischen Radio-Ohrwürmern von Silbermond, Juli und Wir sind Helden, unkaputtbaren Punk-Urgesteinen (Ärzte, Tote Hosen), dem Hip-Hop von Fanta4 und Fettes Brot, dem 2006 WM-Hype um die Sportfreunde Stiller, 20er Jahre-Swing von Max Raabe, neueren (Tim Bendzko, Philipp Poisel) und älteren (Udo und Rio) Songwritern klammheimlich etabliert.

Auch die Zahlen reden Tacheles: 2012 waren sieben der zehn meistverkauften Alben deutschsprachig. Im Vergleich zu 2003 laufen zehn Jahre später doppelt soviele deutsche Songs in den Top100. Ein allerdings mit Vorsicht zu genießendes Rekordhoch, da sich der Musikkonsum mit dem Internet auch stark verändert hat. Und trotzdem: „Wir beobachten schon etwas länger ein neues Selbstbewusstsein in der deutschen Musikszene, die unverkrampft mit der deutschen Sprache umgeht“, sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie.

Heute ist deutscher Pop so vielseitig, so salonfähig wie schon lange nicht mehr: „Marteria und Peter Fox haben der deutschen Sprache neues Leben eingehaucht. Zudem hat Deutsch Hip-Hop sich aus seiner Gangster-Maskerade gelöst. Heute gibt es ihn mit Elementen von Pop (Cro), Rock (Casper), Soul (Max Herre) und Elektro (Deichkind) und sehr viel weniger Schranken als noch vor einigen Jahren“, erklärt Niko (28), deutsch-griechischer Hip-Hop Fan. Und das ganz ohne Quote. Eine Regelung wie in Frankreich, wo 40 Prozent der gespielten Lieder in der Landessprache über den Äther gehen müssen, wurde hierzulande 2004 verworfen.

Deutsch - nicht mehr nur peinlich 

Dem neuen Elan deutscher Musiker hat das nichts geschadet. Ganz im Gegenteil. Man hört wieder Musik auf Deutsch. Schluss. Punkt. Aus. „Wir Deutschen hatten ein Problem mit unserer eigenen Sprache“, sagt Sängerin Annett Louisan. „Jeder Mensch hat aber das Bedürfnis zusätzlich zur Musik auch die Texte zu verstehen. Das stellt was mit einem an.“

Deutsch war eben verpönt. Oma schaltete Carmen Nebel ein und das „Herzilein“ der übergewichtigen Stadl-Zwillinge stand sinnbildlich für eine Schunkeltradition, welche die deutschsprachige Musik seit der Nachkriegszeit ins Bukolische verbannte. Ja, es gibt ihn bis heute, den Ballermann-Schlager zur Hauptsendezeit; das neue Album von Heino, dem platinblonden Volksmusikopa, das urplötzlich auf Platz 1 der Trend-Charts einsteigt. „Dass sich mein Vater Karten für Florian Silbereisen kauft und das ‚rote Pferd‘ zur Karnevalszeit auf Fliegenjagd geht“, ist Jens (31) nachwievor peinlich. Oder dass „wir in der Tanzstunde immer Discofox zum Pur-Mega-Mix tanzen mussten - die personifizierte deutsche Spießigkeit“, erinnert sich Julia (25), auch wenn sie das (zugegeben betrunken) auch ab und zu noch heute gerne macht. 

Doch durch den langjährigen Volksmusiksumpf bahnten sich irgendwann die ersten politischen Liedermacher (Konstantin Wecker u.a.) und engagierten Rockbands (Ton Steine Scherben) ihren Pfad. Anfang der Achtziger wurde mit der Neuen Deutschen Welle (Nena, Falco, Ideal) ein aus der Punkbewegung hervorgegangener Pop-Rock auf Deutsch richtungsgebend, der zukünftigen deutschsprachigen Acts den Weg ebnen sollte. Die Hamburger Schule (Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne) gab in den Neunzigern neben amerikanischem Mainstream den Ton an. Seitdem geht Deutsch wieder bunt durch den musikalischen Gemüsegarten. 

Dickes B

Die moderne deutsche Metropole in Worte zu fassen - geht eben schlecht auf Englisch. Ob Anti-Globalisierungstrend, mehr Selbstbewusstsein oder ein „neuer, kluger Umgang mit der Muttersprache“, wie es Max Raabe nennt: Deutsche Musik ist raus aus der Schublade und zum Mainstream avanciert. Doch selbst der bleibt oftmals innerhalb der Landesgrenzen. Dass man heutzutage auch schon mal eine Wir sind Helden-CD in einem gut sortierten Plattenregal im Ausland findet, wo eigentlich nur Tokio Hotel, Rammstein und Lena Meyer-Landrut herumdümpeln, bleibt eine Seltenheit. Zumindest gilt aber die Devise: wer sucht, der findet deutsche Musik – in all ihren neuen Facetten. „Die deutsche Musik zeigt dato auch die neue deutsche Realität“, so Niko: „Wir sind nicht mehr blond, blauäugig, stark; wir sind auch schwarz, türkisch und vor allem eines: verschieden.“

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