Deutsche Regelwut bremst Europas zukünftige Lehrer

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2008
Die Deutschen sind berühmt berüchtigt für ihre Effizienz und ihre Bürokratie. Ein Erfahrungsbericht.

Der Ärger fing für mich vor knapp einem Jahr an. Mit einem Abschluss in 'Englischer und irischer Literatur' in der Tasche, in einem Land, in dem „Klar, keine Sorge, Du wirst schon was werden!“ die Grundeinstellung am Biertresen eben wie im Kreisrat ist, verließ ich Irland, um nach Deutschland zurückzukehren. Nach ein paar unbefriedigenden Jobs entdeckte ich, dass Englischunterricht für Sekundarstufenschüler mein Ding ist. Aber dies war auch der Punkt, an dem es kompliziert wurde.

©davekellam/flickrSie wollen Lehrer in Deutschland sein? Das müssen sie aber schon ganz am Anfang ihrer akademischen Laufbahn wissen. In Irland dagegen qualifiziert man sich mit einem einjährigen Aufbaustudium im Anschluss an den normalen Uni-Abschluss vollständig als Lehrer. In Deutschland müssen zukünftige Lehrer jedoch neben den zwei oder drei Fächern, in denen sie einen Abschluss machen wollen, auch noch Erziehungswissenschaften studieren. Es gibt auch einen didaktischen Teil darüber, wie man die Themen am besten den zukünftigen Schülern vermittelt. Das Studium dauert ungefähr vier bis fünf Jahre und endet mit dem ersten Staatsexamen. Der praktische Teil, das Referendariat, dauert noch einmal zwei Jahre und wird mit dem zweiten Staatsexamen abgeschlossen.

Ich bin in den 1990er Jahren nach Irland gegangen, als deutsche Experten verkündeten, dass die Zukunftsaussichten für Englisch-Studenten in Deutschland düster wären. Zehn Jahre danach zeigt sich, dass die Experten völlig falsch lagen. Staatliche Schulen in Nordrhein-Westfalen haben nicht genug Englischlehrer. Eine oder zwei Fremdsprachen zu lernen, ist jedoch Pflicht für alle Schüler. In einigen Fällen ist die Situation so dramatisch, dass Schulen Aushilfslehrer wie mich einstellen können, die nach den deutschen Richtlinien nicht qualifiziert sind.

Sie brauchen Dich jetzt, aber lassen Dich später fallen.

Das Problem als Aushilfskraft ist klar: Sie brauchen Dich jetzt, aber lassen Dich später fallen. Es gibt zwei Wege damit umzugehen. Entweder man akzeptiert die Tatsache und lebt von Semester zu Semester ohne zu wissen, ob man den Job im nächsten noch hat. Oder man spielt das offizielle Spiel und erwirbt die notwendigen Abschlüsse. Ich habe mich für letzteres entschieden. Das heißt, man geht, neben dem Teilzeitjob an der Schule, zurück in die Universität, um ein zweites Fach und die vorgeschriebenen Zusatzkurse in Erziehungswissenschaften zu studieren. Dummerweise ist dies nur der erste Schritt auf dem Weg ins Absurde.

Zur Zeit, und dies schon seit fünf Monaten, prüft das NRW-Bildungsministerium mein irisches Hochschuldiplom, um zu entscheiden, ob ich qualifiziert bin, um Englisch als eines der zwei Fächer des ersten Staatsexamens anerkannt zu kriegen. So wie es bisher aussieht, wird dies wohl nicht passieren, da ich in meinem irischen Diplom nicht die bereits genannten Didaktikelemente absolviert habe. Die Tatsache, dass ich schon seit einem Jahr in nordrhein-westfälischen Klassenräumen für dasselbe Ministerium unterrichte, das mir jetzt sagt, dass ich nicht voll qualifiziert bin, spielt dabei keine Rolle. Vorschriften sind Vorschriften!

Ich kann damit leben, dass ich ein zweites Fach studieren muss. Aber am Ende von all den Jahren zurück an der Uni während ich nebenher unterrichte, werde ich bestimmt auch noch zwei Jahre des schlecht bezahlten Referendariats über mich ergehen lassen müssen. Auch wenn ich dann bereits mindestens vier oder fünf Jahre Schüler unterrichtet haben werde. Diese Regelung wirft ein Haufen Fragen auf, angefangen dabei, wie europäisch das deutsche Bildungswesen denn wirklich ist, bis hin zu der einfachen Frage, wieso man das Leben von Leuten mit verschiedenen Studienabschlüssen so kompliziert machen muss. Eins ist auf jeden Fall klar: Wenn man sich wegen dieser Geschichte an den Kopf fasst, dann zu Recht.