Deutsche Numerus Clausus-Flüchtlinge strömen nach Österreich

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2010
Von Mélanie Sueur Übersetzung: Carolin Krahn Bis zu 12 % deutsche Studenten bevölkern so manche Universitätsstadt des Nachbarstaates: die deutschen Studierenden versuchen dem Numerus Clausus zu entkommen, indem sie sich für Studiengänge wie Medizin oder Psychologie bei ihren österreichischen Nachbarn einschreiben.
Die gleiche Sprache und gerade erst abgeschaffte Studienbeiträge - Fokus auf ein studentisches Migrationsphänomen.

Nach Auskunft der Austria Presse Agentur (APA) sind derzeit etwa 18.000 deutsche Studierende an österreichischen Universitäten eingeschrieben. Diese Zahl hat im Laufe der Jahre konstant zugenommen und Österreich zum zweitbeliebtesten Studienziel im Ausland unter den Deutschen gemacht, sei es semesterweise oder sogar für ein Vollstudium. Deutsche repräsentieren inzwischen 5% der studentischen Bevölkerung in Österreich, davon haben sich bis zu 12% in grenznahen Städten wie Salzburg eingeschrieben.

Überlaufene Uni in Wien Doch dieses Migrationsverhalten ist nicht neu: Schon seit Jahren beherbergt Österreich Schwärme deutscher Studierender. Sie entkommen auf diese Weise vor allem dem berüchtigten, in ihrem Heimatland geforderten Numerus Clausus. Medizin und Psychologie sind dabei die begehrtesten Fächer. Sie sind in Österreich nicht zulassungsbeschränkt. „Ich bin einer dieser NC-Flüchtlinge“, gesteht Bertram, ein 23-jähriger deutscher Student an der Medizinischen Universität Wien. „Nach einem Praktikum beim Roten Kreuz und aufgrund meiner Erfahrungen als Sanitäter, habe ich mich entschlossen Medizin zu studieren. Aber in Deutschland ist es sehr schwer, einen Studienplatz zu bekommen.“ Stella resümiert: „In Österreich kann jeder studieren, was er will, während in Deutschland nur die besten Abiturienten ihr Fach frei wählen können.“ Sie kommt aus dem deutschen Saarbrücken und ist wie Bertram zum Studium nach Wien gegangen.

Überlaufene Uni in Wien | ©Matthias Wurz/babelWien

Auch in anderen Fächern wie Kommunikations- und Politikwissenschaft, Jura und Pädagogik ist das österreichische Studiensystem ein Kassenschlager. „In Deutschland muss man zwei Staatsprüfungen machen, um Anwalt zu werden. Eine über den Stoff von vier Studienjahren, die andere über die Inhalte vier weiterer Semester. In Österreich hingegen gibt es Einzelnoten für die absolvierten Kurse, die in die Gesamtbewertung eingehen“, erklärt Shahanaz. Sie hat sich für Jura an der Universität Wien eingeschrieben, nachdem ihr vier Semester im deutschen Mainz anerkannt worden waren. „Europa sei Dank waren meine Studienleistungen übertragbar“, erläutert sie. „Aufgrund der EU kann ich hier studieren.“, fügt Bertram hinzu, „Nur die europäische Union hat das möglich gemacht.“

Studieren für lau

Schon die geographische Nähe zwischen den beiden Ländern und vor allem die gemeinsame Sprache hat den deutschen Studenten das Auswandern in die kleine Alpenrepublik erleichtert. Der im letzten März von der neuen österreichischen Regierungskoalition beschlossene Erlass der Studienbeiträge, der im Herbstsemester 2009 in Kraft trat, wird das Phänomen nur noch verstärken.

Uni Wien: Erwin Schrödinger, Sigmund Freud und Victor Francis Hess - die großen österreichischen IntellektuellenUni Wien: Erwin Schrödinger, Sigmund Freud und Victor Francis Hess - die großen österreichischen Intellektuellen | ©Vincent Garcia/flickr

Nach 29 kostenfreien Studienjahren wurden die Studienbeiträge 2000/2001 wieder eingeführt. Damals beliefen sie sich auf bis zu 363 Euro pro Semester für Bürger aus Österreich sowie den übrigen EU-Staaten. Demgegenüber zahlen in Österreich eingeschriebene Studenten seit September 2009 bescheidene 16 Euro pro Jahr. In Folge dessen stiegen die Bewerberzahlen etwa für das Fach Psychologie an der Universität Salzburg in diesem Sommer bereits um rund 20%.

Den österreichischen Universitäten bereiten die stetig zunehmenden Studentenzahlen alles andere als Freude. Es wird befürchtet, dass die derzeit zur Verfügung stehenden Kapazitäten den Studentenmassen nicht gewachsen sind. Kritische Stimmen erheben sich auch, was die Belastung österreichischer Steuerzahler durch die Finanzierungskosten für ausländische Studenten betrifft. Ende Oktober formulierte der Präsident der Universität Innsbruck dieses Problem beim Fernsehsender ORF so: „Kann man von den österreichischen Steuerzahlern erwarten, dass sie ihre universitäre Infrastruktur einem Großteil Zentraleuropas zur Verfügung stellen?“ Trotz allem bleibt es schwer zu beurteilen, inwiefern die erlassenen Studienbeiträge mit den steigenden Zahlen deutscher Studienbewerber an Österreichs Universitäten zusammenhängen.

Pro oder contra Quotenregel

Zu den Demos gegen den Bologna-Prozess an der Universität WienZu den Demos gegen den Bologna-Prozess an der Universität Wien | ©http://www.flickr.com/photos/tom1305/

Im nationalen Vergleich schreiben sich sogar mehr österreichische als deutsche Studenten in ihrem jeweiligen Nachbarland ein! Die Unesco sowie deutsche und österreichische Statistiken zeigen, dass im Jahr 2007 2% der österreichischen Hochschulzugangsberechtigten ein Studium in Deutschland aufnahmen, hingegen nur 0,6% deutsche Studenten in Österreich. Aus Beunruhigung über dieses Migrationsverhalten versuchen die österreichischen Behörden schon immer, dem Studienzugang nationaler Bewerber den Vorzug zu geben - allerdings unter Vernachlässigung des Anti-Diskriminierungsprinzips der EU-Mitgliedsstaaten.

Schon 2005 war Österreich vom Europäischen Gerichtshof bei solcher Benachteiligung nicht-österreichischer, europäischer Mitbürger ertappt worden. Seit 2006 wendet man darum eine neue Strategie an, um österreichische Studienbewerber zu bevorzugen: die Quotenpolitik. Quoten kommen in verschiedenen, von deutschen Studierenden besonders begehrten Fächern zum Einsatz. In Humanmedizin ist das der Fall, wo 75% der Studienplätze für Österreicher reserviert sind, weitere 20% für EU-Bürger und die verbleibenden 5% für nicht aus EU-Mitgliedsstaaten stammende Bewerber.

„Die Aufnahmeprüfung ist für uns noch schwerer“, klagt der deutsche Student Bertram. Er musste wegen der wenigen, für nicht-österreichische Studienbewerber vorhandenen Plätze ein weitaus besseres Ergebnis erreichen als seine österreichischen Mitbewerber, um sich für sein erstes Studienjahr in Medizin einschreiben zu können. Und warum das alles? In Österreich rechtfertigt man diese Maßnahmen mit dem Hinweis auf das Risiko eines Mangels an Berufstätigen im nationalen Gesundheitssektor. Dieses Argument hat den Europäischen Gerichtshof überzeugt, wenigstens für eine Weile. Der Quotenpolitik ist bis 2012 stattgegeben.