Deutsche Minderheit in Polen: Vor dem Fenster steht kein Spitzel mehr

Artikel veröffentlicht am 6. April 2011
Artikel veröffentlicht am 6. April 2011
Seit rund 20 Jahren gibt es in Polen offiziell eine deutsche Minderheit. Möglich wurde dies durch den Sturz des realsozialistischen Systems, das in nationalen Minderheiten eine Gefahr gesehen hatte. Konfliktfrei ist das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit zwar noch nicht, aber beide Seiten haben sich inzwischen aneinander gewöhnt.

„Als Deutsch sprechendes Kind war ich schon so ein bisschen ein Schauobjekt“, sagt Ewa Stolz. Die Journalistin aus Oberschlesien in Polen erinnert sich gut: In ihrer Heimatgemeinde Danietz in der Wojewodschaft Oppeln gab es zur Wendezeit 1989/90 gerade einmal zwei oder drei Familien, in denen Deutsch gesprochen wurde. Stolz ist heute Chefredakteurin des Schlesien Journals, einer deutschsprachigen Sendung, die seit 1992 im lokalen polnischen Fernsehen ausgestrahlt wird - speziell für die deutsche Minderheit.

Rund 20 Jahre sind inzwischen vergangen, seitdem es in Polen offiziell eine nationale Minderheit der Deutschen gibt. Dass sich polnische Bürger zur deutschen Nationalität bekennen, ist eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Nach seinem Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die europäischen Nachbarn verlor Deutschland seine Gebiete östlich der Flüsse Oder und Neiße. Die Deutschen, die in diesen Gebieten gelebt hatten, flohen nach Westen oder wurden nach dem Krieg zwangsweise dorthin umgesiedelt.

Oberschlesien, ein Gebiet, das zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg aus einem deutschen West- und einem polnischen Ostteil bestanden hatte, war ein Sonderfall. Viele Schlesier fühlten sich weder eindeutig als Deutsche noch eindeutig als Polen. Außerdem brauchten die Kommunisten für die Bergwerke im Schlesischen Revier Fachleute und Arbeitskräfte. Deshalb konnte bleiben, wer als sogenannter Autochthoner - das heißt als „Einheimischer“ - eingestuft wurde. Als deutscher Oberschlesier aufzutreten, war danach nicht mehr möglich. „Bis Ende der 1980er Jahre gab es, wenn man Deutsch sprach, immer die Angst, dass ein Spitzel vor dem Fenster stehen könnte“, sagt Rudolf Urban, Redaktionsleiter der deutschsprachigen Radiosendung „Schlesien aktuell“, die im staatlichen Lokalsender Radio Opole läuft.

Neue Rechte für Minderheiten

Mit der demokratischen Wende in Polen änderte sich die Situation grundlegend. Nationale Minderheiten wie die deutsche konnten sich organisieren, zu Wahlen antreten und ihre Sprachen und Kulturen pflegen. Die deutsche Minderheit wurde in Oberschlesien zu einer wichtigen politischen Kraft. Dabei machte sie sich nicht nur Freunde. „Deutsche mit gefärbtem Pelz“ nannten in den 1990er Jahren manche Polen ihre Nachbarn, die sich plötzlich als Deutsche bezeichneten. Der Hintergrund des Vorwurfs: Wer vom Bundesverwaltungsamt als Deutscher anerkannt wurde, erhielt zusätzlich zum polnischen den deutschen Pass - und damit Zugang zum Arbeitsmarkt der EU.

Ein anderes Problem war die politische Gesinnung einiger Vertreter der Minderheit. In manchen Gemeinden duldeten sie die Propaganda von deutschen Rechtsextremisten. Empört waren viele Polen auch darüber, dass Schlesier mit deutscher Identität nicht nur die deutschen Kriegerdenkmäler wiederaufbauten, sondern an diesen eiserne Kreuze, deutsche Soldatenhelme und Gedenktafeln anbrachten, die auch an Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörige erinnerten. 2004 reiste die damalige Oppelner Wojewodin durch die Region, um zu veranlassen, dass gesetzlich verbotene Symbole entfernt werden.

Als Erfolg betrachten die Deutschschlesier, dass sie in 22 Gemeinden Oberschlesiens das Deutsche als Hilfssprache der Behörden und in 24 Gemeinden zweisprachige Ortsschilder durchgesetzt haben. Möglich machte dies das Minderheitengesetz von 2005. „Die polnische Mehrheit war nicht begeistert von den zweisprachigen Ortsschildern, hat sie aber akzeptiert“, sagt Krzysztof Ogiolda, Redakteur der Oppelner Lokalzeitung Nowa Trybuna Opolska (NTO).

Volkszählung als „Stunde der Wahrheit“

Aktuell hat die deutsche Minderheit ganz andere Probleme. Im April 2011 beginnt die Volkszählung. Das Ergebnis hat Einfluss auf die Rechte der jeweiligen Minderheit. „Wenn wir schlecht abschneiden, kann das schlimme Folgen haben“, sagt Norbert Rasch, Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien. Für die deutsche Minderheit war bereits die letzte Volkszählung 2002 eine Enttäuschung gewesen. War in den 1990er Jahren die Zahl der Bürger in ganz Polen, die sich als Deutsche fühlen, noch auf 300.000 bis 500.000 geschätzt worden, so bekannten sich 2002 tatsächlich nur rund 153.000 Bürger zur deutschen Nationalität. Zu ihren Schwerpunkten hat die aktuelle Spitze der deutschen Minderheit Sprache und Kultur erklärt. In einer Broschüre mit dem Titel „Zwei Sprachen - doppelte Chance“ wirbt der Dachverband der Minderheit zusammen mit dem Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz für die bilinguale Erziehung. Fließend Deutsch sprechende Kinder sollen in Schlesien keine „Schauobjekte“ mehr sein.

Eine deutschsprachige Langfassung des Textes ist im Blog des Autors zu finden.

Illustrationen: Fotos: Screenshot "Zwei Sprachen - doppelte Chance"; Video (cc)niemcywpolsce/flickr