Deti-404: "Viele in Russland wissen gar nicht, dass Homosexualität keine Krankheit ist"

Artikel veröffentlicht am 5. September 2013
Artikel veröffentlicht am 5. September 2013

Am 30. Juni 2013 hat die russische Regierung “Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen“ vor Minderjährigen verboten. In Russland ist es nun illegal, vor Unter 18-Jährigen über nicht-heterosexuelle Beziehungen zu sprechen. Lena Klimova, die Gründern der LGBT-Unterstützergruppe Deti-404 spricht über das neue Gesetz und die Situation von Russlands Jugend. 

Cafébabel: Wie ist das Leben von schwulen, lesbischen, bisexuellen oder transgender Jugendlichen (LGBT) in Russland?

Lena Klimova: Das Leben für LGBT-Jugendliche in Russland ist nicht so schlimm wie in Ländern, in denen auf gleichgeschlechtliche Beziehung die Todesstrafe steht, aber es ist weit davon entfernt leicht zu sein. In Folge eines Coming Outs gibt es viele und ernste Risiken

In den schlimmsten Fällen zwingen Eltern ihre Kinder das Haus zu verlassen, schlagen sie, blockieren ihre Handys oder kappen das Internet, schicken sie für eine „Behandlung“ zum Psychologen oder gleich in eine Nervenheilanstalt, oder bedrohen und schikanieren sie permanent. 

Cafébabel: Wie unterstützt du junge Menschen, die sich als LGBT identifizieren? 

Lena Klimova: Hauptsächlich durch unsere Foto-Kampagne Children-404. We exist!, mit denen wir diesen jungen Menschen zeigen, dass sie nicht allein stehen und dass viele  genau wie sie sind und sie unterstützen, auch Heterosexuelle. Wir versuchen ihnen auf jede uns mögliche Art zu helfen: Indem wir ihnen die Kontaktinformationen von LGBT-freundlichen Psychologen geben oder indem wir selbst mit ihnen sprechen und ihre Freunde werden. 

Cafébabel: Wie viele Jugendliche sind Mitglieder eurer Gruppe?

Lena Klimova: Die geschlossene Gruppe für Jugendliche hat momentan 1095 Mitglieder. Die offene Gruppe, in der wir Briefe und Fotos veröffentlichen, hat 9398 Follower. 

Cafébabel: Welche Auswirkungen haben die kürzlich in Russland verabschiedeten Gesetze? 

Lena Klimova: Das neue Propaganda-Gesetz hat die Situation von LGBTs in Russland ohne Zweifel verschlechtert. Bei den Menschen kommt die Botschaft an, dass Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender Randgruppen sind, die erbarmungslos unterdrückt werden dürfen. Diese homophobe Einstellung wird benutzt, um Kündigungen von und Gewalt oder sogar Mord an LGBTs zu rechtfertigen. Man spürt richtig, wie sich die Situation verschlechtert hat… 

Cafébabel: Wie hat Deti-404 auf das neue Propaganda-Gesetz reagiert? 

Lena Klimova: Es gab einige sehr typische Reaktionen von den Mitgliedern unserer Gruppe. Viele Jugendliche waren sehr aufgebracht, dass das Gesetz verabschiedet wurde. Viele hatten Angst. Und viele überlegen ernsthaft, ins Ausland zu gehen und dort zu studieren. 

Cafébabel: Deinen Erfahrungen nach, ist die Mehrheit der Russen homophob? Wenn ja, hat diese Situation sich in den letzten Jahren noch verschlimmert?

Lena Klimova: Ich hab das Gefühl, dass die Mehrheit nicht homophob ist, sie interessiert sich einfach überhaupt nicht dafür. Aber in diesen Tagen, wo über das Thema ständig negativ berichtet wird, haben viele Menschen das Gefühl, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Meist wählen sie dann die homophobe Seite, denn sie haben keinen Zugang zu grundlegenden Informationen zur Thematik, wie zum Beispiel dem Fakt, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Sie können dieses Wissen von nirgends bekommen. 

Cafébabel: Sind die jüngeren Generationen mehr oder weniger aufgeschlossen als die Generation ihrer Eltern und Großeltern? (Wenn man eine solche Generalisierung machen kann). 

Lena Klimova: Meinen Erfahrungen nach sind die Jungen aufgeschlossener und vorurteilsfreier, nicht nur was die sexuelle Orientierung betrifft, sondern ganz allgemein.

Cafébabel: Sollten LGBTs in Russland besser das Land verlassen und an einen liberaleren Ort ziehen, oder versuchen die Situation zu Hause zu verbessern? 

Lena Klimova: Ich denke das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer gehen will, sollte das tun. Wenn bleiben will, sollte bleiben. Man kann nicht sagen, dass es besser sei fortzugehen, es gibt Vor- und Nachteile für beide Optionen. Zudem hat nicht jeder die Möglichkeit, das Land zu verlassen. Aber jene, die gehen, betrachte ich keinesfalls als Verräter (wie es manche tun, die sagen, man müsse bis zum bitteren Ende kämpfen). Alle sollten frei sein, ihr Leben auf die Weise und an dem Ort zu leben, wie und wo sie möchten.                     

Cafébabel: Verstößt du gegen das Propaganda-Gesetz indem du LGBT-Jugendliche unterstützt? Was sind die Risiken?                                                                                                    

Lena Klimova: Es besteht die Gefahr, dass ich für den Verstoß gegen das neue Gesetz eine Strafe bezahlen muss. Allerdings müssen sie dazu zuerst beweisen, dass ich mich der Homosexuellenpropaganda schuldig gemacht habe. Ich ermutige niemanden aktiv, schwul oder lesbisch zu sein. Ich sammle und veröffentlich nur die Briefe der Jugendlichen.                                                                                      

Cafébabel: Warst du je versucht aufzugeben und den leichten Weg einzuschlagen?                   

Lena Klimova: Bisher noch nicht.

Cafébabel: Momentan wird heiß diskutiert, ob die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi (Russland) boykottiert werden sollten. Was ist deine Meinung dazu? 

Lena Klimova: Ich glaube nicht, dass es einen Boykott geben wird, deshalb macht es auch keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Die Olympischen Spiele sind nicht ausschließlich eine riesige Image-Kampagne für Putin. Meiner Meinung nach sollte man den Boykott der Olympischen Spiele nicht befürworten, man würde damit Athleten schaden, die sich ihr ganzes Leben auf dieses Ereignis vorbereitet haben. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn die Gäste bei den Olympischen Spielen immer wieder etwas über die Situation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender in Russland sagen würden.  

Cafébabel: Was können Menschen in aller Welt tun um die LGBTs in Russland zu unterstützen?

Lena Klimova: Sie tun schon etwas. Was unser Projekt betrifft, sind wir immer sehr glücklich, wenn wir Briefe aus Großbritannien, den USA, Israel oder von anderen Orten bekommen. Dann wissen wir, dass wir nicht alleine sind und das gibt uns Kraft und Hoffnung für die Zukunft.