Der „Universalismus“ amerikanischer Werte

Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2004
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Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2004

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Zwar mögen Bush und der Irakkrieg die Situation verschärft haben, doch was ist wirklich für den europäischen Antiamerikanismus verantwortlich?

Der Begriff Antiamerikanismus ist in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen, ohne dass jedoch Einigkeit über die Bedeutung dieses Begriff zu bestehen scheint. Allgemein bedeutet Antiamerikanismus Abneigung oder gar Verachtung gegenüber allem, was amerikanisch ist. Doch wie oft hört man „an sich habe ich nichts gegen Amerikaner, aber...“? Interessanterweise scheint jeder seine Kritik an Amerika anders zu begründen. Für die Linken ist es seine Form des Kapitalismus, für die Intellektuellen seine „Popkultur“, für Humanisten seine scheinbare Unempfindlichkeit für das Leiden der Welt. Die Liste wäre fortzusetzen. Doch was sind die Ursprünge dieser Abneigung und warum sind Europäer aus so unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Gründen antiamerikanisch?

Die Ursprünge des Antiamerikanismus

Antiamerikanismus kann in Europa wohlmöglich bis zum Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft und bis zur Unabhängigkeitserklärung von 1776 zurückverfolgt werden. Dieses Ereignis kennzeichnet den Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Europa und Amerika und bedeutet den Beginn einer Entwicklung, die schließlich dazu führte, dass Amerika seine früheren Kolonialherren in wirtschaftlicher und politischer Bedeutung überholte. Der Erfolg der Vereinigten Staaten hat zweifellos das europäische Selbstbewusstsein verletzt. Zu sehen, wie der frühere Untertan zum Herrn wird, hat Bitterkeit und Neid ausgelöst. Obwohl dies womöglich Europas Bedürfnis erklärt, seine kulturelle Überlegenheit zu beweisen, um wenigstens in einem Punkt Erster zu sein, ist es doch noch nicht die ganze Geschichte.

Das Hauptproblem liegt in Amerikas Überzeugung von der Universalität seiner Werte. Seine drei Grundprinzipien von Freiheit, Demokratie und Individualismus sind lobenswert, doch es ist problematisch, wenn Demokratie und Freiheit dem Individualismus, zumal einem rein ökonomisch definiertem Individualismus, untergeordnet werden. Wirtschaftlicher Individualismus ermutigt auf nationaler Ebene eine Mentalität des Recht des Stärkeren, die zu sozialer Polarisierung führt, wenn die Verlierer wenig oder gar keine Hilfe vom Staat bekommen. Auf internationaler Ebene führt er in Form von Freihandel zur Ausbeutung und Verarmung einzelner Nationen, die im globalen Wettbewerb nicht mithalten können. Die USA haben durch ihr wirtschaftliches Gewicht im Namen der Freihandelsideologie Staaten zur Öffnung zwingen können, doch hat diese Öffnung globale Ungleichheit verstärkt und damit zum Antiamerikanismus beigetragen. Es wurde auch kritisiert, dass die USA zwar gegenüber anderen die Öffnung der Märkte fordert, selber aber, wenn es ihnen nützlich erscheint, Handelsbarrieren aufbaut - so wie die Stahlzölle, die Präsident Bush im März 2002 auf Stahlimporte einführte.

Befreier oder Unterdrücker?

Diese Doppelmoral zeigt sich auch in der politischen Intervention in anderen Staaten und hat sowohl in den betroffenen Staaten als auch weltweit den Antiamerikanismus verstärkt. Die Vereinigten Staaten sehen sich selber als eine Modelldemokratie und betrachten die Verbreitung ihres politischen Systems als ihr Ziel. Die Militärintervention gegen Saddam Hussein legitimierten sie damit, dass sie die unterdrückte irakische Bevölkerung von der Herrschaft eines tyrannischen Diktators befreien würde. Auch wenn dies nicht falsch ist, hat Amerika ihn dennoch während des Kriegs gegen den Iran aus strategischen Gründen unterstützt. Diese „pragmatische“ Herangehensweise in der Außenpolitik ist nicht neu: Lateinamerika zum Beispiel hat jahrelang unter der US-amerikanischen Kommunismus-Obsession gelitten. Die Unterstützung der Vereinigten Staaten ermöglichte 1973 in Chile General Pinochet den demokratisch gewählten, aber marxistischen Präsidenten Salvador Allende zu stürzen. Die Unterstützung der Diktatur von Papadopoulos (1967-74) in Griechenland – Wiege der Demokratie – hat ebenfalls nicht zur Glaubwürdigkeit der USA beigetragen.

Auch die Unterdrückung alles „Unamerikanischen“, wie der hausgemachte Antiamerikanismus genannt wird, bereitet Grund zur Sorge. Auch wenn das „Land der Freiheit“ keine offizielle Einschränkung der Redefreiheit kennt, ist die Verurteilung gewissen Verhaltensweisen als „unamerikanisch“ kaum mit dem demokratischen Anspruch des Landes vereinbar. Wie Linguist und Amerika-Kritiker Noam Chomsky es ausdrückt, ist „das Konzept des „Anti-Amerikanismus“ sehr interessant. Seine Entsprechung wird sonst nur in totalitären Staaten oder Militärdiktaturen verwendet... So wurden in der Sowjetunion Dissidenten als „antisowjetisch“ verurteilt.“ Von der antikommunistischen Hexenjagd unter McCarthy in den 1950ern bis zur Weigerung von Disney, Michael Moore’s „unamerikanischen Film“ Fahrenheit 9/11 zu vertreiben, verstärken die USA ständig ihr Image im Ausland als monolithischer Block. Die Weigerung der Machthabenden anzuerkennen, dass die amerikanische Politik und Ethik nicht immer richtig sind, ist eine der Hauptursachen des Antiamerikanismus in Europa.