Der Trump-Effekt: Wird Donald jetzt Durchschnitt?

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2016

Im US-Wahlkampf hat Donald Trump Sprüche geklopft und viele geschockt. Worauf müssen wir uns in seiner Amtszeit gefasst machen? Nadia Urbinati, Politologin und Dozentin an der Columbia University New York, hat mit uns gesprochen.

cafébabel: Fangen wir mit dem Foto an: Trump und Farage gratulieren sich gegenseitig zu ihrem Sieg gegen das Establishment. Wie können zwei weiße Männer in einem goldenen Palast sich als glaubwürdige Alternative zu den Eliten darstellen?

Nadia Urbinati: Man muss aufpassen, nichts zu vermischen: Trump hat in seinem Wahlkampf nur die politische Elite kritisiert und keineswegs das wirtschaftliche oder finanzielle Establishment. Wenn die Populisten aber erst einmal an der Macht angekommen sind, werden sie unweigerlich Teil des Establishments, das sie zuvor kritisiert haben - so funktioniert populistische Propaganda. Ich glaube, dass es auch für Donald Trump so laufen wird. Alle Populisten versprechen Politik zu machen, die gegen den Status Quo antritt. Das ist in der Praxis allerdings sehr schwer umzusetzen, wenn nicht gar unmöglich. Es handelt sich nur um Wahlkampf-Propaganda, die nur solange andauert, bis der Populist an die Macht gekommen ist. Man muss immer zwischen dem Populismus als „Bewegung“ und Populisten als mächtigen Persönlichkeiten unterscheiden.

cafébabel: Was für eine Beziehung können wir jetzt zwischen USA und Russland erwarten? Wie wird sich ein Mann ohne jegliche politische Erfahrung zu einem so erfahrenen Staatsoberhaupt wie Putin positionieren?

Nadia Urbinati: Eine bessere Beziehung zu Russland wäre wünschenswert, vor allem in Bezug auf Gebiete wie den Mittleren Osten, wo eine schnelle Lösung ohne die Kooperation aller Parteien nicht möglich scheint. Learning-by-doing ist auch in der Politik nicht unmöglich: Berlusconi hatte anfangs ebenfalls keinerlei politische Erfahrung, hat sich aber trotzdem lange gehalten... Und man darf auch nicht vergessen, dass Trump nicht allein ist: Er wird den Rückhalt der gesamten republikanischen Partei haben, die ihn anfangs zwar bekämpft hat, jetzt aber dank ihm große Macht genießt. Ich weiß nicht, wie sich seine persönliche Beziehung zu Putin entwickeln kann. Sicher ist, wie gesagt, dass er nicht allein dastehen wird.

 cafébabel: Wie stimmig ist der Vergleich von Trump mit Berlusconi? Worin ähneln, worin unterscheiden sie sich?

Nadia Urbinati: Der Vergleich wurde auch in der amerikanischen Presse diskutiert. Aber obwohl sie eine ähnliche wirtschaftliche Ausgangssituation und ähnliche Einstellungen haben, sind es zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Beide waren schon reich und berühmt, als sie in die Politik gegangen sind und hatten vor allem ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen im Blick. Trotzdem sind sie sich nur ähnlich, nicht identisch. Berlusconi hat sich nie zu gewalttätiger Rhetorik hinreißen lassen, er war eher der Typ, der Witze macht. Solange er an der Spitze der italienischen Politik war, hat er immer damit angegeben, dass er von unten kommt, sich als „normale Person“ selbst hochgearbeitet hat. Trump hingegen kommt „von innen“, aus einer reichen Familie. Er hat die Arroganz der Mächtigen: Er ist heftig, derb und vulgär. Er hat keine Skrupel umstrittene Dinge zu sagen und zu tun, um an sein Ziel zu gelangen. Aus seinen Unternehmen bringt er eine fast monarchische Einstellung zu Machtverhältnissen mit. Aber vergessen wir nicht, dass er als Geschäftsmann auch an Verhandlungen und Kompromisse gewöhnt ist.

cafébabel: Kommt mit Trump als Präsident auch die nukleare Option wieder auf den Tisch, vielleicht als Waffe gegen Terrorismus?

Nadia Urbinati: Oh je, nukleare Option? Gegen wen? Wo? Die terroristischen Organisationen haben viele weit verzwiegte Untergruppierungen. Vermutlich haben sie sogar unsere Gesellschaften infiltriert, wie wir leider am eigenen Leib haben lernen müssen. Ich denke, dass diese spezielle Formulierung nur Propaganda gewesen ist. Im Falle einer Terrorattacke innerhalb der Vereinigten Staaten sehe ich allerdings das konkrete Risiko, dass Trump sich zu einem Krieg hinreißen lässt, den er nicht gewinnen kann. Dieser würde vor allem auf dem Rücken bürgerlicher Rechte und Freiheiten gefochten werden. Das ist in der Vergangenheit schon vorgekommen, zum Beispiel mit George W. Bush, und wir haben auch gesehen, wohin das geführt hat...

cafébabel: Für uns Europäer ist es schwer zu verstehen, dass die globale Erwärmung einfach geleugnet werden kann. Glaubt Trump wirklich nicht daran, oder steckt noch etwas anderes hinter seiner Leugnung?

Nadia Urbinati: Das Problem ist, dass viele den Klimawandel und die globale Erwärmung für Probleme der Zukunft halten. Sie denken, dass nichts davon uns in unserem Leben betreffen wird. Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist für sie das Problem anderer. Ich weiß nicht, woran Trump selbst glaubt, aber es ist klar, dass die Unterstützung seiner Freunde aus der Ölindustrie und ihre Interessen seine Meinungen diesbezüglich beeinflusst und radikalisiert haben. Klar ist diese Haltung sehr kurzsichtig. Sie ist allerdings auch weiter verbreitet als man glaubt. Aber Trump hat schon zu verstehen gegeben, dass er bereit ist, über das Klima zu diskutieren. Er erscheint nicht mehr so radikal wie während des Wahlkampfs.

cafébabel: Wieso haben auch Mitglieder der LGBT-Gemeinde Trump gewählt?

Nadia Urbinati: Trump ist als New Yorker in gewisser Weise liberaler als viele Republikaner. Er gehört nicht zu den ultrakonservativen und reaktionären Evangelikalen unter den Republikanern, die er ausgenutzt hat, um zu siegen. Sicher darf man nicht vergessen, dass die Partei eine enorme Rolle im Weißen Haus spielen wird. Sie hat die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses, wird vielleicht zwei Mitglieder für den Supreme Court nominieren. Aber einige Ideen in Trumps Wahlkampf, zum Beispiel Infrastruktur-Programme oder Sozialpolitik für Arbeitslose, hätten genauso gut aus Clintons Programm kommen können.

cafébabel: Was sagen Sie zu den amerikanischen Demokraten, die Trump „eine Chance geben“ wollen?

Nadia Urbinati: Die Demokraten sollten den Republikanern klarmachen, dass Teile seines Programmes bisher auf der Agenda der Demokraten standen. Sie dürfen auf keinen Fall ablehnen, mit den Republikanern zusammenzuarbeiten, sonst würden sie sich selbst in eine Ecke manövrieren, wo sie nichts verändern können. Vor allem, weil sie sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus in der Minderheit sind. Die Demokraten sollten stattdessen schon an die nächsten Wahlen für den Kongress in zwei Jahren denken. Es wäre wirklich tragisch, wenn sie diese auch noch verlieren würden.

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Nadia Urbinati ist Dozentin für Politikwissenschaft an der Columbia University in New York. Sie spezialisiert sich auf moderne und zeitgenössische politische Theoorie.