Der steinige Weg zu deutschen Imamen

Artikel veröffentlicht am 19. November 2007
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 19. November 2007
Seit kurzem gibt es an deutschen Universitäten den Studiengang islamische Theologie. In wenigen Jahren könnten also die ersten hier ausgebildeten Imame ihre Arbeit aufnehmen. Doch jenen, die bereits auf Deutsch predigen, machen Behörden und Gemeinden das Leben schwer.

Es sind Männer wie Yehia Yousif, die in Deutschland den Ruf nach einer staatlich kontrollierten Imamausbildung haben laut werden lassen. Der Vorbeter am Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm war das, was man hierzulande einen Hassprediger nennt. Als im Dezember 2005 das Zentrum vom Verfassungsschutz geschlossen wurde, fand man bei der Durchsuchung Bücher, Zeitschriften und Videos, in denen zum Kampf gegen die Ungläubigen aufgerufen wurde. Ein Studium der Theologie besaß Yousif nicht, seine Kenntnisse des Islams hatte sich der Ägypter selber angeeignet. Doch selbst wenn das Multi-Kultur-Haus einen deutschen Prediger gewollt hätte, so hätte es keinen gefunden, denn eine Ausbildung für Imame gab es in Deutschland bisher nicht.

Erst spät ist sich die Politik der Bedeutung hier ausgebildeter Imame für die Integration der Muslime bewusst geworden. Seit 2004 hat die Universität Münster einen Master der Islamischen Theologie eingerichtet, der dazu berechtigt, als Prediger, Seelsorger oder Koranlehrer zu arbeiten. Die Universität Frankfurt hat jüngst in Zusammenarbeit mit der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) eine Stiftungsprofessur für Islamische Religion eröffnet. Und auch der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) hat in Köln eine Imamausbildung eingerichtet - allerdings sagen Experten, dass dort ein sehr konservativer Islam gelehrt werde.

Noch gibt es wenige Studenten der islamischen Theologie

In Münster gibt es bis jetzt erst zwei Studenten, doch die Dozentin Lamya Kaddor versichert, dass es in wenigen Jahren deutlich mehr sein werden. Dann nämlich, wenn die ersten Studenten des Bachelors für Islamwissenschaften fertig sind und in den Master für Islamische Theologie wechseln. Die Zusammensetzung der Studenten sei sehr gemischt und das Verhältnis von Frauen und Männern ziemlich ausgewogen, sagt Kaddor. Unterrichtet werde "ein theologischer Mainstream sunnitisch-hanafitischer Prägung". Das Programm sei mit den wichtigsten islamischen Verbänden genau abgestimmt worden.

Besonders die Ditib hat die Notwendigkeit einer Imamausbildung in Deutschland erkannt. Nicht nur, weil sie weiß, dass ein hier aufgewachsener Prediger die Bedürfnisse der Muslime besser kennt als ein Türke, sondern auch, so die Ditib-Sprecherin Ikbal Kelic, weil die dritte und vierte Generation vielfach besser Deutsch als Türkisch spricht. "Wir haben unseren Gemeinden daher empfohlen, am Ende der Predigt eine Zusammenfassung auf Deutsch vorzutragen."

Das Problem ist erkannt - doch eine Lösung ist noch weit

Bisher werden die Imame der 800 Ditib-Moscheen an türkischen Predigerschulen ausgebildet. Seit einigen Jahren unterhält die Ditib aber eine Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), um ihnen vor ihrer Abreise nach Deutschland zumindest Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu vermitteln. In Zukunft, so die Theologin Seyda Can, werde die Ditib zudem mit der KAS eine Fortbildung für Imame anbieten, die das in der Türkei begonnene Programm fortsetzt.

Trotzdem bleibt das Problem, dass die Prediger der Ditib nur in Ausnahmefällen länger als vier Jahre in Deutschland bleiben - viel zu kurz, um richtig Sprache und Land kennenzulernen. Abhilfe schaffen die Stipendien, die die Ditib jährlich an 60 deutsche Abiturienten für die Ausbildung an theologischen Seminaren in Ankara und Istanbul vergibt. Und es gibt eine Stiftungsprofessur in Frankfurt, wo der 44-jährige Ömer Özsoy islamische Theologie lehrt.

Nicht alle Gemeindemitglieder sind für Integration

In einigen Jahren also schließen wohl die ersten Imame ihre Ausbildung in Deutschland ab. Abdelmalik Hibaoui befürchtet jedoch, dass dann die Schwierigkeiten erst beginnen. Der gebürtige Marokkaner hat bis 2006 in einer Stuttgarter Gemeinde gepredigt. Dort hat er ein deutsches Resümee seiner Predigt eingeführt, und er hat die Kooperation mit Kirchen, Polizei und Medien gesucht. "Die deutsche Predigt ist gut angekommen", sagt Hibaoui, "denn sie hat erlaubt, auch die Jüngeren zu erreichen und die ethnische Spaltung zu überwinden, die in vielen Moscheen herrscht."

Doch sein Versuch zur Öffnung der Gemeinde traf bei den Älteren auf Widerstand, sagt Hibaoui. Gerade die erste Generation der Einwanderer misstraue oft den Deutschen und grenze sich lieber ab. Als Hibaouis Vertrag auslief, wurde er nicht erneuert. Jetzt konzentriert sich der junge Imam, der an dem Integrationsgipfel in Berlin teilgenommen hat, ganz auf seine Promotion. Ob er danach wieder eine Gemeinde übernehmen wird, weiß er noch nicht. "Die Erfahrung in Stuttgart war sehr ernüchternd für mich", sagt Hibaoui. "Mir ist dabei klargeworden, dass nicht alle Integration wollen."

Selbst wer deutsch predigt bleibt den Behörden suspekt

Ernüchtert ist auch Benjamin Idriz - wenn auch aus anderem Grund. Der Imam einer Gemeinde in Penzberg in Oberbayern hat die Erfahrung gemacht, dass die deutschen Behörden nicht nur Islamisten, sondern auch moderaten Muslimen oft mit Misstrauen begegnen. Der Mazedonier predigt in einer ethnisch gemischten Gemeinde jeden ersten Freitag auf Deutsch. Weit über Penzberg hinaus ist er für seine Bemühung um die Integration bekannt. Nun plant er ein Islamisches Zentrum in der Münchner Innenstadt - mit Moschee, Museum, Deutschkursen und einer Ausbildung für Imame. Selbst die Finanzierung ist bereits geklärt.

Doch den Innenstaatssekretär Georg Schmid (CSU) beeindruckte dies wenig. Er warf Idriz öffentlich Verbindungen zur verbotenen Milli Görüs vor und wollte Beweise für eine islamistische Gesinnung des Imams entdeckt haben. Erst nach massiver Kritik der Opposition zog Schmid die unhaltbaren Vorwürfe zurück. Idriz' Pläne werden nun geprüft, doch der Imam ist ernüchtert: "Wie es nun weitergeht, weiß ich noch nicht."

Ergänzungsstudium:

Zusätzlich zu den theologischen Studiengängen gibt es an inzwischen drei Universitäten ein Ergänzungsstudium, in dem Lehrer für das in zahlreichen Bundesländern angebotene Unterrichtsfach Islamkunde ausgebildet werden. Angeboten wird dieses Studienfach in Münster, Erlangen-Nürnberg sowie seit diesem Jahr auch in Osnabrück. Zwar kann sich Thomas Vogtherr, der in Osnabrück für das Fach zuständig ist, nur schwer vorstellen, dass es als Ausbildung für Imame genutzt wird. Schließlich liege der Schwerpunkt weniger auf Theologie als auf Pädagogik. Dennoch wäre auch für ihn denkbar, dass das Fach irgendwann zu einer regulären Imamausbildung ausgebaut wird.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stuttgarter Zeitung. Erschienen am 5. Oktober 2007. Alle Rechte vorbehalten.