Der Shoah-Gedenktag und das Gewissen Europas

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2009
Enzo Traverso ist Dozent an der Universität Picardie (Frankreich) und auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Nazifaschismus und Antisemitismus spezialisiert. Mit ihm sprachen wir über den europäischen Gedenktag, der „heutzutage mit den Ereignissen in Nahost wohl kaum vereinbar ist“. Interview.

Enzo Traverso lebt seit 1985 in Paris, ist Experte für Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Nazismus und Antisemitismus und veröffentlichte unter anderen die Bücher Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah (erschienen bei Hamburger Edition, 2000) und Im Bann der Gewalt: Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945 (erschienen bei Siedler, 2008).

Was ist das Gedenken an die Shoah in Europa?

Aus historischer Sicht war das Gedenken an die Shoah in Westeuropa eine Art Treibkraft für antirassistische Bewegungen. In Frankreich war es während des Algerienkriegs Teil des Kampfes gegen die Politik der Unterdrückung und Verfolgung. Und in den vergangenen 20 Jahren wurde dieses Gedenken dann nach und nach „institutionalisiert“. Das heißt, vom „antagonistischen“ Gedenken als Instrument zum Kampf gegen die Macht wurde es zu einer gemeinsamen Erinnerung, die von den Institutionen anerkannt wurde und nun Gegenstand offizieller Gedenkfeiern ist. Dieses Phänomen birgt jedoch einen Widerspruch: Wenn die Institutionen das Gedenken einerseits anerkennen, ist dies Ausdruck eines wahren historischen Gewissens und wird zu einer Art „Zivilreligion“. Andererseits hat dies Konsequenzen, die zum Nachdenken über die öffentliche Handhabung in der Vergangenheit anregen sollten. In der heutigen Kriegszeit [Gaza, A.d.R.] wurde es als eine Art „Blankoscheck“ Israel als Staat ausgehändigt, der das Gedenken an den Holocaust schlechthin verkörpert. Alle missbilligen die Bombenangriffe aber jeder kritischen Äußerung geht eine Bestätigung der grundsätzlichen Solidarität mit Israel voraus. Oder denken wir an Frankreich, ein Land, in dem das Gedenken an die Shoah von so großer Bedeutung ist: Im Februar 2005, nur einen Monat nach Gedenkfeiern, die durch alle Medien gingen, verabschiedete die Nationalversammlung ein Gesetz, das Kolonialismus als „positiv“ definiert. Damit will ich sagen, Gedenktage sollten nicht zu rhetorischen und sinnentleerten Ritualen herabgesetzt werden, sondern vielmehr eine Gelegenheit darstellen, über die öffentliche Umsetzung in der Vergangenheit zu meditieren. Und auch über die politische.

Welchen Sinn soll Gedenken aus diesem Blickwinkel also haben?

Ein für mich unverzichtbarer ethisch-politischer Grundsatz ist, dass das Gedenken aufgrund seiner Natur keineswegs eine eingefrorene, unbewegliche und unveränderliche Erinnerung an die Vergangenheit darstellt. Vielmehr lebt die Erinnerung in der Gegenwart weiter. Heutzutage in Europa der Shoah zu gedenken, bedeutet, alle heute existierenden Formen von Ausschluss, Rassismus und Unterdrückung zur Diskussion zu stellen. An Gedenkveranstaltungen teilzunehmen und dann von der Tatsache unberührt zu bleiben, dass seit der Wahl von Sarkozy vor den Schulen auf Immigranten „sans papiers“ Jagd gemacht wird, bedeutet, dass der Gedenktag nur ein Rauchschwaden war. Ich finde, solche Dinge müssen einfach gesagt werden. Dass Gedenkveranstaltungen in einem solch einvernehmlichen Klima stattfinden, macht mich perplex.

Gibt es auf europäischer Ebene ein öffentliches Gedenken wie dieses?

Es gibt einige Tendenzen, die sich in ganz Europa herauskristallisieren. Natürlich kann das Gedenken an die Shoah in Deutschland (dem Land, das sie erfand und umsetzte), in Frankreich (dem Land mit der größten jüdischen Gemeinde) und in Spanien (das am Zweiten Weltkrieg nicht beteiligt war) nicht das gleiche sein. Nehmen wir zum Beispiel Spanien: Das Gesetz ley de memoria historica, das hier vor eineinhalb Jahren verabschiedet wurde, würde ohne die ähnlichen Gesetze, die verschiedene europäische Länder in den vergangenen Jahren erlassen haben, gar nicht existieren. In Spanien besteht eine starke Tendenz, die Gewalttaten des Franco-Regimes mit einem Völkermord gleichzusetzen, was aus historiografischer Sicht falsch ist (ein Punkt, über den ich mit einigen spanischen Kollegen immer wieder streite).

Für bestimmte Länder ist die Shoah Teil der Debatte über Nationalgedenken, für andere, wie Spanien, bildet sie keinen Anlass für Gedenkveranstaltungen…

Generell unterscheide ich in Europa drei Arten des Gedenkens: ein westliches, ein östliches und ein postkoloniales. Die westliche Art des Gedenkens finden wir im Gründungskern der EU (in Deutschland, Frankreich, Italien und den Ländern der Iberischen Halbinsel), wobei das Gedenken an die Verbrechen in Auschwitz im Mittelpunkt steht. In Deutschland ist diese Art von Gedenken in der Öffentlichkeit überaus präsent. Man kann sich heutzutage nicht als Deutscher fühlen, ohne die nazistische Vergangenheit in dieses Deutschsein einzubeziehen. Das östliche Gedenken finden wir in den Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes: Im Zentrum der sich hier herausbildenden nationalen Identität steht die kommunistische Vergangenheit, die die Nation aufgrund der Unterdrückung durch die sowjetische Vorherrschaft zum Opfer werden lässt. Diese Art von Gedenken hat einen stark nationalistischen Akzent, der zu einer Verdrängung des Holocaust als Teil der Vergangenheit führt. Die dritte Kategorie, das post-koloniale Gedenken, ist schließlich in einigen Teilen der europäischen Gesellschaft zu beobachten: bei den vielen Millionen Personen „post-kolonialen Ursprungs“ (Bürger wie auch Immigranten), als Gedenken an den Kolonialismus, die gespannten Verhältnisse zu Europa und die Unterdrückung. Dieses Gedenken existiert und stellt uns mehr als heilsam zur Diskussion. Abschließend ein Beispiel: 8. Mai 1945, Ende des Zweiten Weltkrieges. Für den Westen ist es das Ende des Leidens und der Beginn einer Ära des Friedens. In Osteuropa wird die nazistische Besetzung von der sowjetischen abgelöst. Und blicken wir hingegen nach Algerien, ist der 8. Mai der Tag des Aufstandes von Sétif, eines der letzten Massaker des französischen Kolonialismus.