Der seltsame Fall des Tigran Hamasyan

Artikel veröffentlicht am 30. September 2013
Artikel veröffentlicht am 30. September 2013

Mit weniger als 25 Jahren hat der armenische Pianist alles erreicht: Musikpreise abgesahnt, leidenschaftliche Verehrung ausgelöst und die nötige Reife erlangt, um beeindruckende Alben aufzunehmen. Da fragt man sich schon, ob Tigran nicht vielleicht verkehrt herum herangewachsen ist. Ein Treffen abseits der Welt mit einem jungen Mann, der schon erstaunlich früh ausgebüchst ist.  

Was soll man über einen Typen sagen, der mit drei Jahren angefangen hat, Musik zu machen, mit 16 einen ersten Preis bei einem Musikwettbewerb gewonnen und mit 19 Jahren eine der wichtigsten Auszeichnungen der Jazzwelt abgestaubt hat? Zunächste inmal dass er klein ist. Niemand soll aber dem Autor niedrige Motive unterstellen, denn es handelt sich hierbei nur um eine Feststellung: Tigran Hamasyan ist ca. 1 Meter 65 groß und böse Zungen könnten meinen, sein Kopf sei überdimensional groß. Aber das ist ziemlich egal, denn darüber kann man leicht hinwegsehen. Schließlich vollbringen Pressefotos Wunder und wirkt Tigran auf einem Schemel sitzend ohnehin viel eindrucksvoller.

Zu viele Musikpreise gibt es nicht – oder doch?

Abgesehen von Zentimeterangaben ist der 25-jährige Musiker ein ziemlicher Brocken. In einem Vierteljahrhundert hat Tigran Hamasyan die wichtigsten Preise abgestaubt: erster Preis bei Jazz à Juan 2003, Kritiker- und Publikumspreis beim Montreux Jazz Festival im gleichen Jahr, zwei Jahre später ein Preis in Monaco, dann 2006 ein erster Preis in der Kategorie Jazzpiano vom Thelonius Monk Insitute of Jazz, überreicht von keinem geringeren als Herbie Hancock. „Ich versuche, da nicht zu viel Wert drauf zu legen“, nuschelt Tigran in seinen 100-Tage-Bart. „Musik hat mit Wettbewerben nichts zu tun.“ Warum gewinnt man dann trotzdem nie genug Preise? Die vielen Trophäen scheinen den Armenier nicht sonderlich geprägt zu haben, wie ein netter sprachlicher Lapsus wenig später zeigt. Auf unsere Feststellung hin, dass es doch verrückt sei, schon mit 20 Jahren mit Herbie Hancock und Keith Jarrett verglichen zu werden, verhaspelt sich Tigran: „People have to complain... umm. To compare.“ Und schiebt nach: „Und am schlimmsten ist es, wenn man schon eigene Projekte hat.“  

Von denen hat Tigran wahrlich mehr als genug. Da er frenetisch seinen Rhythmus von einem Album pro Jahr einhält, brachte der junge Pianist am 26. August 2013 schon seine fünfte Platte heraus. Shadow Theatre, das Produkt verschiedener musikalischer Träume, die schon seit einigen Jahren in Tigrans Kopf herumspuken, ist das zweite echte Soloalbum des Künstlers. Während er normalerweise der Improvisation fröne und sich dabei bereitwillig bei Jazz, Pop und armenischer Folklore bediene, habe er jetzt auch einmal ein durchkomponiertes Album machen wollen. „Shadow Theatre ist song writing“, erklärt Tigran. „Die Stücke hatten alle viel Zeit zu reifen, denn die meisten habe ich schon 2006 geschrieben. Aber ich mag auch Überraschungen. Als ich 2008 die Idee zu dem Titel Road Song (erste Single des Albums, AdR) hatte, bin ich sofort ins Studio gerannt und habe das Stück an einem Tag für 1000 Dollar aufgenommen.“ 

25 ans, toujours mytho

Den dazugehörigen Clip hat sich Tigran selbst ausgedacht und gefilmt, zumindest insofern als das Drehteam ihm das erlaubt hat. Mitten im Clip überkommt ihn die Rührung.

Zu jung, um schon ein Mythos zu sein? 

Hinter den Partituren und der Leidenschaft, mit der Tigran sich darum bemüht, die armenische Musik einem breiteren Publikum bekannt zu machen, versteckt sich eine Vision. „Wenn Zuhörer dafür Geld ausgeben, dass jemand Musik macht, zahlen sie meistens für eine Lüge. Für etwas, das nicht existiert. Und die Musiker spielen, um den Zuhörern zu zeigen, dass nichts wahr ist. Mit meinem Album Shadow Theater will ich genau das sagen: 'Hey! Der Typ, den ihr da seht, ist nur heiße Luft.'“ Man kann das sehen, wie man will, aber wenn einer schon mit 25 so philosophiert, muss er entweder ein Zyniker oder alt sein.  

In Wirklichkeit ist Tigran Hamasyan aber einfach nur schneller erwachsen geworden als andere. Mit zwei Jahren stürzt er sich schon aufs Klavier, nur weil er „den Klang mag.“ Das tut er so leidenschaftlich, dass sein Vater keine zwei Sekunden braucht, um zu kapieren, dass sein Sohn einmal Klagelieder schreiben wird. Mit fünf verpasst er ihm dann einen Klavierlehrer, in der Stadt besucht er zehn Jahre lang die Musikschule. Zu Hause aber wächst er in zwei Welten auf. In der seines Vaters, der ein großer Fan von klassischem Rock der Marke „harte Jungs“ (Led Zeppelin, Nazareth) ist. Und in der seines Onkels, der verrückt nach Jazz und Bebop ist. „Dass ich eine Jazzkarriere gestartet habe, verdanke ich ihm. Er hat mich mit den besten Lehrern zusammengebracht. Auch deswegen hatten wir eine so enge Beziehung. Er hat mich immer beraten, mich gemanagt. So was wie ein musikalischer Patenonkel.“ Der Rest zerfließt in Schweiß und Tränen, mit dem Ziel, die Grammatik und Konjugationen des klassischen Jazz auswendig zu lernen, um dann improvisieren zu können. „Ich habe nur Jazz gehört und gedacht, dass alle anderen Musikstile nur... naja, Scheiße sind“, erzählt Tigran mit ernstem Gesicht. „Aber eines Tages hat mich mein Onkel mitgenommen in eine komische Bar in Jerewan (Hauptstadt Armeniens, AdR), wo eine Band Jazz mit traditioneller armenischer Musik mischte. Das hat mich umgehauen.“ 

Kalifornien, Armenien, Jumanji?

Später emigriert Tigrans Familie nach Los Angeles, um sich dort einer „beeindruckend großen“ armenischen Community anzuschließen und einem Land zu entfliehen, das es in den 1990ern nicht schafft, seine Unabhängigkeit (seit 1991, AdR) zu organisieren, und von sezessionistischen Bewegungen zerrissen wird. In Kalifornien, scheinbar aus der Zeit gefallen, gründet Tigran die Band Aratta Rebirth, deren Name an ein fiktives Land der Sumerer erinnert. Aus seiner Heimat bringt er Musik mit, die „so wichtig im alltäglichen Leben ist, dass sie schon gar nicht mehr als Kunst gesehen wird.“ Auf seinem Album Shadow Theater reihen sich Stimmschleifen aneinander, verschmelzen mit Verzierungen und Klaviermelodien und gestalten so ein Ganzes, das dem geliebten Ultrascore des französischen Komponisten aus Martinique, Christophe Chassol, nicht ganz so fremd ist. Als Erklärung klopft der Pianist den Takt auf seinen Knien, wie ein kleiner Junge. Aber wenn er lächelt, sieht Tigran wie ein alter Herr aus, der mehr Ähnlichkeit mit Robin Williams in seiner Jumanji-Periode als mit einem Erasmus-Studenten hat.

Wie soll man das verstehen? Tigran Hamasyan hat wohl zu viele Dinge in zu kurzer Zeit erlebt. Schon zu den Großen zu gehören, wenn man noch klein ist, heißt vielleicht auch, zu schnell erwachsen zu werden. Und das hat nicht nur zufällig Anklänge an den seltsamen Fall des Benjamin Button.