Der seltsame Fall des Schlesischen Streuselkuchens     

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2015

Laut Beschluss des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) soll  Kołocz śląski im Deutschen Schlesischer Kuchen heißen. Ein redaktioneller Fehler sei dagegen die Bezeichnung Schlesischer Streuselkuchen, so der EuGH. Wie (sprach)politisch korrekt ist diese Entscheidung?

Bestellt man in Katowice, im polnischen Teil Schlesiens,  auf Polnisch ein Stück Kołocz śląski, so bekommt man keinen Schlesischen Streuselkuchen, sondern einfach Schlesischen Kuchen auf den Teller.  Schlesischen Streuselkuchen findet man dagegen an Görlitzer Bäckertheken, im deutschen Teil Schlesiens. Dies geht aus einer am 7. Oktober 2015 bekanntgegebenen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hervor, der somit einen Rechtsstreit (Rechtssache T‑49/14) schlichtet.

Die Klage

Nachdem 2011 auf Antrag der Republik Polen die Bezeichnung „Kołocz śląski“ oder „Kołacz śląski“  als geschützte geografische Angabe in das Register der geschützten Ursprungsbezeichnungen der EU eingetragen wurde, wurde das Dokument in alle Sprachen der EU übersetzt. In der deutschen Fassung des Dokuments wurde  Kołocz śląski mit der Bezeichnung "Schlesischer Streuselkuchen" wiedergegeben.

Aus Angst davor, keinen Schlesischen Streuselkuchen mehr in Deutschland vermarkten zu dürfen, hat 2012 der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e.V. Klage gegen die europäische Kommission eingereicht. Der Zentralverband verlangte, dass der polnische Eintrag im Register der geschützten Ursprungsbezeichnungen einfach gelöscht wird. Die Eintragung greife in die wirtschaftliche Existenz deutscher Bäcker ein, so die Kläger.

Bloß ein redaktioneller  Fehler

Der EuGH hat zwar die Klage und den Klagegrund zurückgewiesen, aber die Lösung gefunden, damit sowohl polnische als auch deutsche Bäcker weiter ihre Kunden mit der schlesischen Bäckertradition beglücken können. Der Republik Polen hat er die Eintragung gelassen, dafür aber in der deutschen Übersetzung das Streusel vom Kuchen genommen, so dass die geschützte Bezeichnung Kołocz śląski nur noch mit "Schlesischer Kuchen" übersetzt werden darf. Das Streusel hat der EuGH Deutschland  überlassen, so dass Schlesischer Streuselkuchen ein exklusiv deutsches Gebäck bleibt. Im Urteil des Gerichts wird betont, dass in der deutschen Fassung des Dokuments über die polnische geschützte Angabe die Bezeichnung „Schlesischer Streuselkuchen“ für „Kołocz śląski“ lediglich  ein redaktioneller Fehler sei.

Wie (sprach)politisch korrekt ist Schlesischer Kuchen

Tatsache ist, dass,  egal ob man sich in Görlitz, Breslau, Katowice oder Vítkovice befindet, man nach bestem Wissen und Gewissen sagen kann, dass man in Schlesien ist. Denn Schlesien liegt an der Oder und zum größten Teil im heutigen Polen. Ein kleiner Teil gehört zu Deutschland und ein weiterer Teil zu Tschechien. Die deutsche und die polnische Sprache sind in der schlesischen Region heute genauso heimisch wie die tschechische Sprache. Die zahlreichen kulturellen Einflüsse dieser Grenzregion vereinigt gerade die kulinarische Tradition. So weit, so gut. Dies hat der EuGH auch anerkannt, als er  śląski/schlesisch sowohl in der polnischen Bezeichnung als auch in der deutschen Übersetzung der polnischen Bezeichnung erlaubt hat.

Ohne Streusel geht gar nichts!

Aber wie kennzeichend sind Streusel in der schlesischen kulinarischen Tradition? Die Frage scheint trivial zu sein, bis man merkt, dass schlesische Bäckerhandwerker Wert darauf legen, wie zum Beispiel Bäckermeister  Michael Tschirch.  In seiner Bäckerei in Görlitz wird seit Generationen Schlesischer Streuselkuchen gebacken und vermarktet. Dass die Streusel mit der Hand gedrückt werden, ist ein Markenzeichen seiner schlesischen Leckerei. Darauf baut die ganze Werbung Tschirchs auf.

Wie kennzeichnend Streusel für die schlesische Spezialität ist, geht auch aus einem alten  Streuselkuchen-Rezept hervor, das im Schlesischen Museum Görlitz aufbewahrt wird. Danach gehören Streusel einfach zum Schlesischen Kuchen dazu. Im alten Rezept steht, dass "Die Masse mit den Fingerspitzen so leise und so gründlich durcheinandergewirkt wurde, daß große, sich der Formung weich fügende Streusel entstanden".

Für die schlesischen Bäcker im polnischen Teil Schlesiens ist Streusel ebenfalls unentbehrlich und das entscheidende Kriterium für einen gelungenen Kołocz śląski. Wie wichtig es ist, wird deutlich im Wettbewerb des Schlesischen Kołocz, der jedes Jahr in Rozwadzy veranstaltet wird. Beim Wettbewerb wird bewertet, wie Streusel gelegt werden, denn dies bestimmt die Ästhetik des Kuchens. "Schlesischen Kuchen gibt es mit Mohn, Quark oder Apfelmus gefüllt und nur mit Streuseln," sagte Róza Stach aus dem Oppelner Konsortium der Hersteller des Schlesischen Kuchens 2012 dem Schlesien Journal gegenüber.

Auch Verbraucher und Kenner aus anderen Regionen Polens rechnen fest mit Streuseln, wenn es um Kołocz geht. So beschreibt Szymon, junger Angestellter aus Krakau, Kołocz (śląski) folgendermaßen: "Kołocz śląski  kann auf hundert verschiedene Art und Weisen zubereitet werden. Aber der Name ist einzigartig. Übersetzen könnte man den polnischen Begriff ungefähr mit 'Hefeteig mit Streuselbelag (oft mit Obst oder Mohn)."

Ende gut, alles gut

Wie (sprach)politisch korrekt ist er denn nun, der Schlesische Kuchen? Es sieht ganz so aus,  als wäre die Bezeichnung "Schlesischer Streuselkuchen" ohne Streusel zwar nur halb so schlesisch, aber schlesisch genug, um die gemeinsamen kulturellen Wurzeln und Traditionen diesseits und jenseits der Grenze am Leben zu erhalten und zu schützen. Alles halb so schlimm also.