Der „rote“ Teppich wird eingerollt… Tschüss und bis nächstes Jahr!

Artikel veröffentlicht am 25. November 2007
Artikel veröffentlicht am 25. November 2007
EIN FESTIVAL ZUR SELBSTERKENNUNG Das Jahr 2007 lässt das europäische Kino nach dem Tod seiner beiden größten Vertreter, Ingmar Bergmann und Michelangelo Antonioni als Waisenkind zurück. Das eigensinnige und persönliche Kino dieser beiden Regisseure hat Vorbildcharakter für die neuen Filmemacher.
Die Gesellschaft leidet derzeit unter einer Krise, einem Mangel an Vorbildern in allen Bereichen, was durch die Auswirkungen der Globalisierung unvermeidlich gewesen ist. Diese Krise spiegelt sich im europäischen Kino wieder, da das Kino immer ein Spiegel war in den wir geschaut haben um zu erfahren wie wir sind. Das europäische Filmfestival in Sevilla ist somit ein Ensemble mehrerer Spiegel, die uns die Entdeckung des Wortes ermöglichen, was wir Europa nennen. Tausende Besucher verschiedenster Nationalitäten hatten neun Tage lang die Möglichkeit sich beim Kinobesuch besser kennen zulernen, denn das Kennenlernen und Verstehen aller Kulturen sowie die Teilnahme an der kulturellen Vielfalt des Kontinents ist die einzige Möglichkeit, mit der die Europäer selbst das europäische Kino stark und einflussreich machen können. Haben die verschiedenen europäischen Arten Filme zu machen Gemeinsamkeiten? Wird ein ungarischer Film in Spanien verstanden? Oder ein spanischer Film in Ungarn? In einer Welt, in der wirtschaftliche Faktoren das Handeln beherrschen, müssen wir uns fragen, ob die europäischen Länder „audiovisuelle Produkte“ herstellen, die sich auch in den restlichen Ländern des Kontinents vermarkten lassen. Programme wie MEDIA und Eurimages versuchen seit Jahren Europäer dazu zu bewegen ihr Kino zu schauen, das aber oft vom Nordamerikaner „verfinstert“ wird. Laut der allgemeinen Kinogeschichte hat es nie ein homogenes europäisches Kino gegeben, sondern vielmehr immer Regisseure, die sich durch ihren persönlichen und manchmal riskanten Stil von anderen unterschieden. Und für den kulturellen Reichtum jedes Landes ist es auch gut, dass sich keine Homogenisierung vollzogen hat, aber man muss sich dennoch dessen bewusst sein, dass es einen Weg gibt eine „Formel“ zu finden, damit die audiovisuellen Produkte aus europäischen Ländern auch außerhalb ihrer Landesgrenzen geschätzt werden. Das europäische Filmfestival in Sevilla bietet eine gute Möglichkeit zu erkennen, dass die Kinematografien der europäischen Länder, trotz der vielen Unterschiede, gar nicht so verschieden sind. Die sprachliche Barriere ist dabei ein kleineres Problem.

Festival voller Überraschungen

Die offizielle Filmauswahl von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Claude Chabrol, Ken Loach, Alexander

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Sokurov, Jacques Rivette, Jirí Menzel oder Fatih Akin deutete bereits auf ein hohes Niveau der Filme hin, die bei der dritten Auflage des Festivals gezeigt wurden. Weder Chabrol noch Loach zum Beispiel haben das Publikum überzeugt, das es vielmehr genoss das junge und frische Kino von Eran Kolirin (The band’s visit), Eytan Fox (The Bubble) oder Joachim Trear (Reprise) zu sehen. Vielleicht gerade weil sie zu den wenigen Filmen gehören, die es geschafft haben sich von diesem verbitterten, klagenden Ton zu lösen. Und auch weil die europäischen Länder nicht aufhören sich die Probleme der eigenen Geschichte vorzuwerfen. Es gibt Filme, die im notwendigen Maße kritisch und gerecht sind. Der Filmemacher will oft lediglich seinen Unmut und seine Resignation ausdrücken, in anderen Fällen dient das Kino dazu, Problemen mit Humor zu begegnen. Nichts desto trotz ist es nicht zu bestreiten, dass die europäischen Regisseure ständig die Notwendigkeit verspüren, in die Vergangenheit zu schauen um die Gegenwart zu verstehen. Die Kinematografien einiger europäischer Länder erkennen mit einem traurigen Ton an, dass das Trauma, das die absurde Geschichte kürzlich verursacht hat, sie immer noch berührt.

Wir heben uns von den anderen ab…

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IT’S A FREE WORLD. Der neue Film von Ken Loach hat es geschafft, mit dem höchsten Preis des Festivals ausgezeichnet zu werden, dem „Giraldillo de Oro“, obwohl Loach für die Mehrheit des Publikums und der Kritiker eher enttäuschte. Diesmal zeigt er eine Kritik an der Mafia, die illegalen Einwanderern Arbeit besorgt und dabei von ihnen profitiert. REPRISE. Der erste Spielfilm des Norwegers Joachim Traer ist eine rasche Erzählung mit einem wunderbaren Drehbuch über die Erfahrungen zwei junger Schriftsteller. Eine großartige Leistung für das rasche, moderne und frische Kino. DER MANN AUS LONDON. Die lang erwartete Verfilmung des Romans „Der Mann aus London“ von Georges Simenon vom Regisseur Béla Tarr, die schon beim letzten Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, diente als Entschuldigung dafür, dass dieser umstrittene, ungarische Regisseur erneut das Publikum in Sevilla trifft. In dieser Co-Produktion von Ungarn, Frankreich und Deutschland bleibt Tarr, der beim Festival geehrt wurde, seinem langsamen und minutiösen Stil treu und zeigt uns eine Geschichte darüber, wie ein Zufall das Leben einer Person vollkommen verändern kann. DU LEVANDE. Seine expressionistische Ästhetik eignet sich perfekt für dieses Ensemble mehrerer Geschichten über das kleine Unglück des Alltags seiner Persönlichkeiten. Der Film ist eine Fabel über den Wert des Lebens und dessen wichtigstes Element, der Versuch glücklich zu sein. Der Film, der als schwedischer Film bei der Oskarverleihung nominiert war, bescherte seinem Regisseur, dem Schweden Roy Andersson, den Kritiker Preis, den er mit dem Deutschen Akin („Auf der anderen Seite“) teilte. Ein verblüffendes und eindrucksvolles Ende machen diesen Film, der an einigen Stellen sehr lustig ist, zu einer exzellenten Umsetzung europäischen Kinos. IRINA PALM. Der typische, liebevolle Film, der die Herzen des Publikums erobert. Das soll kein Vorwurf sein, doch der Film erreicht dies mit leichten Mitteln und mit einem konventionellen, vorhersehbaren Verlauf. Der Film zeigt dennoch eine großartige Marianne Faithfull, die dafür sorgt, dass sich der Zuschauer in der Geschichte glaubt und mit den Kinosaal am Ende mit einem Lächeln im Gesicht verlässt. AUF DER ANDEREN SEITE. Fatih Akin kehrt mit einem Film voller sich überschneidender Geschichten zurück, deren Personen sich dank eines Zusammenhangs verbinden, ganz im Stile von „Babel“ des Mexikaners

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González Iñárritu. Mit den Erfahrungen einer türkischen Aktivistin, die in ihrem Land verfolgt wird, bietet Akin eine Reflexion darüber, ob die Türkei für einen Beitritt in die Europäische Union vorbereitet ist. Er erhielt den Kritiker-Preis. ULZHAN. Der erfahrene Regisseur Volker Schlöndorff kehrt mit einem Film zurück, den er in Kasachstan gedreht hat. Die Geschichte erzählt mit metaphysischem Ton wie ein Franzose durch Kasachstan reist um entweder Antworten oder den Tod zu finden. Auf seinem Weg trifft er eine einheimische Lehrerin, die ihn begleitet. Es ist ein etwas anderer Film, sehr ruhig und regt zum Nachdenken an, indem er den Zuschauer an einer Reise teilnehmen lässt (der natürlich gerne diese Einladung annimmt). I SERVED THE KING OF ENGLAND. Der Tscheche Jirí Menzel, der seit Langem seinen intelligenten Humor und sehr erleuchtende Analysen über die Geschichte der Tschechischen Republik unter Beweis gestellt hat, zeigt nun, dass er weiterhin gut in Form ist. In diesem Film geht es um eine Person, um einen herzlichen Kellner, der von Ivan Barnev gespielt wird und einen Traum verfolgt. Er will Millionär werden. Ein sehr lustiger Film, der unter der Regie eines großartigen Menzel entstanden ist.

Emilio Gómez Barranco

Fotos: (offizieller Fotograf des europäischen Filmfestivals in Sevilla)

Lolo Vasco

Übersetzt von

Björn Gillmann