„Der Papst ist nicht mehr der Intellektuelle Ratzinger“

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2005
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2005

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Vatikanexperte Alberto Melloni spricht im café babel-Interview offen über die politischen Perspektiven des neuen Papstes.

Als Lehrbeauftragter für Geschichte des Christentums an der Universität Rom 3 ist Alberto Melloni einer der bekanntesten europäischen Vatikanexperten. Unter seinen Veröffentlichungen sticht der Essay „Das Konklave“ hervor, der schon ins Deutsche, Spanische, Portugiesische und Französische übersetzt worden ist.

Entgegen den Ideen des 2. Vatikanischen Konzils scheint Joseph Ratzinger die Entscheidungsgewalt der Bischöfe einschränken zu wollen. Stimmt das?

Für solche Aussagen ist es noch zu früh, da es noch keine konkreten Handlungen in diesem Sinne gibt. In seinen Reden über die Vorhaben seiner Amtszeit – insbesondere in seiner Ansprache an die Kardinäle am 20. April – hat sich Benedikt XVI. feierlich dazu verpflichtet, das 2. Vatikanische Konzil anzuwenden, in dessen Zentrum die Frage der Kollegialität steht. Nun wird sich zeigen, ob dem auch Taten folgen. Man muss aber dazu sagen, dass die Rolle der Bischöfe nicht nur von den Entscheidungen des Papstes abhängen wird, sondern auch vom Geltungsdrang der Bischöfe.

Vor einiger Zeit hat sich Joseph Ratzinger gegen einen EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen. Haben wir es mit einem antieuropäischen Papst zu tun?

Die Opposition gegen die EU-Mitgliedschaft der Türkei war in der Tat einer der schärfsten und ungewöhnlichsten Schritte Ratzingers als Kardinal. Er war Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und sprach über ein durch und durch politisches Thema; er war ein deutscher Kardinal und wandte sich gegen die Linie seines Landes, das mehrheitlich für eine Erweiterung in Richtung Ankara war. Und er tat dies im Namen des Widerstandes gegen den EU-Beitritt vieler Millionen Muslime, obwohl die Türkei ein weltlicher und laizistischer Staat ist. Es ist eines der vielen Themen, zu denen sich Benedikt XVI. nun, als Papst, noch einmal neu positionieren muss, und zwar nicht nur aus seiner persönlichen Sicht, sondern aus der Perspektive der katholischen Kirche. Im Gegensatz zu Johannes Paul II. (über den niemand etwas wusste und der 27 Jahre lang Überraschungsentscheidungen zu treffen wusste) ist Benedikt XVI. viel zu bekannt: Er hat all seine Überlegungen niedergeschrieben und er hat eine der Öffentlichkeit sehr zugewandte Rolle gespielt. Daher ist er jetzt „gezwungen“, zwischen seiner Privatmeinung von früher und dem Weg des Heiligen Stuhls zu vermitteln…

Mit Papst Wojtyla war die katholische Kirche entschiedener Gegner des Krieges und vor allem des Irakkonfliktes. Wie wird sich die Haltung der Kirche zum Pazifismus verändern?

Ich würde mich sehr wundern, wenn der Heilige Stuhl seine Einstellung zum Thema Krieg oder die Missbilligung von Bushs Politik ändern sollte. Denn die Gründe, die den Heiligen Stuhl zu seiner Kritik am Irakkonflikt – und am Krieg im Allgemeinen – motiviert haben, haben sich nicht verändert.

Joseph Ratzinger ist Deutscher. Könnte sich der Papst als Umweltschützer entpuppen, dem Themen wie Ökologie und nachhaltiges Wirtschaften am Herzen liegen?

Benedikt XVI. ist ein deutscher Gelehrter, das ist etwas anderes. Als solcher liebt und sucht er seit jeher die Auseinandersetzung auf intellektueller Ebene. Das ist in gewisser Weise ein problematischer Aspekt seiner Regierung, denn regieren ist nicht das Gleiche wie nachdenken. Andererseits gehört Benedikt XVI. nicht zu der Sorte Mensch, die für gewöhnlich einer kulturellen Strömung zugeordnet werden kann: Er ist es gewöhnt, nachzudenken und seine Meinungen rational zu begründen. Das Thema der „Verteidigung der Schöpfung“ ist ein Gebiet, mit dem sich die katholische Kirche in enger Absprache mit den anderen Kirchen beschäftigt hat, vor allem auf den beiden großen Versammlungen in Basel und Graz, auf denen sämtliche europäische Konfessionen anwesend waren. Es handelt sich um ein Vermächtnis, auf das der Papst unabhängig von seiner persönlichen Meinung mit neuen Augen schauen muss. Nicht so sehr, um den Umweltschützern desjenigen Landes gerecht zu werden, in dem er vor mehr als zwanzig Jahren lebte, sondern um die ökumenische Glaubwürdigkeit des Katholizismus nicht zu zerstören.