Der neue Kreuzzug: Ziel Europa

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2005
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2005

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Zwischen Priestermangel, leeren Kirchenbänken und schwindendem Einfluss der Kirche gibt’s genug zu tun für den neuen Papst. Er hat jedoch einige Asse im Ärmel, um diese Probleme anzugehen.

In Kinos in ganz Europa läuft momentan Königreich der Himmel von Ridley Scott. Orlando Bloom in der Hauptrolle reitet als Ritter in einer matt-glänzenden Rüstung durch das staubige Heilige Land, um am Kreuzzug teilzunehmen. Der neue Papst Benedikt XVI., wäre gut beraten, sich diesen Film anzusehen: Er könnte ihm helfen, seine Pläne zur ‚reconquista’, zur katholischen Rückeroberung Europas zu überdenken. Doch diesmal wird es wohl kein filmreifer Kampf gegen Sarazenen im Nahen Osten oder Mauren in Spanien, sondern ein Kampf gegen Verweltlichung und Liberalismus in Westeuropa.

Was steckt hinter einem Namen?

Jeder Papst wählt sich einen Namen als Zeichen für die Ziele seines Pontifikats. Der heilige Benedikt, Begründer des westlichen Mönchtums, war verantwortlich für die Christianisierung eines Großteils des europäischen Kontinents im 6. Jahrhundert. Zufall oder nicht, Benedikts XVI. eigene Worte lassen wenig Zweifel daran aufkommen, dass in seinem Pontifikat Verweltlichung und Liberalismus bekämpft werden. Im Jahre 2004 sagte der damalige Kardinal Ratzinger in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Republicca“: „Wir sind von einer christlichen Kultur zur Kultur eines aggressiven Säkularismus übergegangen mit recht intoleranten Zügen. Eine Gesellschaft, wo Gott absolut abwesend ist, zerstört sich selbst. Das haben wir in den großen totalitären Experimenten des letzten Jahrhunderts gesehen.“ In der Tat ist Europa heute ein viel weltlicherer Ort, als es für Jahrhunderte gewesen ist. Abseits der Trennung von Kirche und Staat wird dies auch anhand leerer Kirchenbänke und Priesterseminare deutlich sowie an der Verbreitung liberaler Gesetzgebung zu Themen wie Sterbehilfe, Abtreibung und homosexuellen Partnerschaften.

Priestermangel

Obwohl Benedikt XVI. seine ‚Schlachtpläne’ bisher für sich behalten hat, kann man grob drei große Bereiche erkennen, auf die er sich höchstwahrscheinlich konzentrieren wird. Höchste Priorität hat für ihn die Gewinnung neuer Priester. Ohne Priester fällt die gesamte Struktur der katholischen Kirche in sich zusammen. Einige Katholiken haben als Lösung für den derzeitigen Priestermangel vorgeschlagen, das Zölibat abzuschaffen und Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Doch der neue Papst, der von breiten Schichten als konservativ angesehen wird, wird dem wohl kaum zustimmen. Erst in 2004 schrieb er eine offizielle Stellungnahme der Kirche, in der er das Verbot der Priesterschaft der Frau bekräftigte und Feministinnen vorwarf, grundsätzliche biologische Unterschiede zu ignorieren. Stattdessen wird Benedikt XVI. sich vermutlich darauf konzentrieren, das Priesterseminar zu reformieren und die Lehrpläne anzupassen, um die Ausbildung für junge Menschen ansprechender zu machen. Die Zeit wird zeigen, ob das ausreicht.

Politischer Einfluss

Zweitens wird der Papst sich wohl darauf konzentrieren, sein politisches Gewicht in Europa zu erhalten. Mit der zahlenmäßigen Abnahme der Katholiken ist wahrscheinlich auch der Einfluss der Kirche auf die europäische Politik in Gefahr. Der noch gar nicht lang zurückliegende Streit im Europäische Parlament über die Nomination des frommen Katholiken Rocco Buttiglione für die Europäische Kommission und die Tatsache, dass der Europäische Verfassungsvertrag keinen expliziten Gottesbezug enthält, haben die Kirche schmerzlich an ihren schwindenden Einfluss erinnert.

Um politische Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen, stehen der Kirche mehrere erprobte Methoden zur Verfügung. Sie kann auf einzelne Politiker einwirken, zum Beispiel indem sie die Heilige Kommunion verweigert, wenn man für liberale Gesetze stimmt. Auch hat sie mehrere Lobby-Organisationen in Brüssel. Doch am effektivsten ist das so genannte ‚Konkordat’, eine förmliche Vereinbarung zwischen dem Vatikan und einer Regierung oder einem Staatsoberhaupt über kirchliche Angelegenheiten. In Deutschland sichern solche Konkordate zwischen den Ländern und der Katholischen oder der Evangelischen Kirche ein geschätztes jährliches Einkommen von circa 9 Milliarden Euro über die Kirchensteuer. Beunruhigend ist, dass die Slowakei kurz davor steht, ein bilaterales Abkommen mit dem Heiligen Stuhl zu schließen, das unter anderem das „Recht auf Verweigerung” von allem, was nicht katholischen Prinzipien entspricht – einschließlich Abtreibung und Zugang zu Verhütung – festschreibt. Dieser Vertrag würde dann Teil des internationalen Rechts, das Vorrang gegenüber EU-Recht und nationalem slowakischem Recht genießt.

Leere Kirchenbänke

Die katholische Kirche hat also durchaus Möglichkeiten, sich dem drohenden Einflussverlust entgegenzustellen. Schwieriger wird das dritte Problem, vor dem Benedikt XVI. steht, zu lösen sein: Die leeren Kirchen. Viele bringen den Rückgang aktiver Mitglieder der katholischen Kirche in Europa in Verbindung mit den stramm konservativen Regeln der Kirche. Etliche Katholiken in Europa kritisieren die Positionen der Amtskirche in Dingen wie Abtreibung, (Homo-)Sexualität, Sterbehilfe oder dem Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen AIDS. Manche gehen sogar den drastischen Schritt des offiziellen Kirchenaustritts und lassen ihren Namen aus dem Taufregister streichen. Ein liberalerer Kurs der katholischen Kirche könnte die Zahl der Gläubigen erhöhen. Doch die Wahl Kardinal Ratzingers scheint den willentlichen Wunsch der römisch-katholischen Kardinäle auszudrücken, diesem Weg nicht zu folgen. Der neue Papst gelobte, nicht vom 2000 Jahre alten Regelwerk der Kirche abzuweichen. Statt Liberale zu werben, richtet der neue Papst sein Augenmerk auf die neue Generation junger Katholiken in Europa. Er wird am 20. Weldjugendtag in Köln, eine Großveranstaltung für junge Katholiken im August, teilnehmen und hat auch mehrmals in Reden verstehen lassen, dass junge Menschen ein wichtiger Teil seines Pontifikats sein werden. Mit jungen Unterstützern wie Josipa Gasparic aus Kroatien, die behauptet “die fade und betrogene Generation der sexuellen Revolution ist am Aussterben und eine neue Generation Jugendlicher, geprägt von Johannes Paul II., übernimmt das Ruder”, scheint es, er hätte auf das richtige Pferd gesetzt.

Doch es gibt keinen Kreuzzug ohne Gegner. Liberale, Humanisten und Katholiken mit abweichender Meinung werden zwangsläufig eine Gegenrevolution starten. Sie werden anführen, dass die Kirche auch früher schon den Kurs gewechselt hat, zum Beispiel bei der Frage, ob die Erde eine Scheibe sei oder bei der Hexenverfolgung. Warum sollte sie das bei Fragen wie der Priesterschaft der Frau oder sogar der Papstwahl nicht können? Viele Katholiken, wie zum Beispiel die Vereinigung ‚Katholiken für freie Wahlmöglichkeit’ (Catholics for Free Choice), glauben, dass Gott und Kirche die Freiheit haben müssen, ihre Meinung zu ändern. Kardinal Danneels aus Belgien hat bereits angemerkt, dass er mit der Wahl Ratzingers zum Papst nicht glücklich ist. Uneinigkeit in den eigenen Rängen hat sich immer als schädlicher für einen Kreuzzug herausgestellt als jeglicher externer Widerstand. Doch im Moment scheint dieser ‚neue Kreuzzug’ unter dem Oberbefehl Benedikts XVI. konkrete Formen anzunehmen, mit der Jugend als fromme Ritter. Sein Ziel: Europa.