Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Artikel veröffentlicht am 15. März 2004
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Artikel veröffentlicht am 15. März 2004

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Russland hat sein Selbstbewusstsein verloren und Putin nutzt diese Unsicherheit, um seine Position zu stärken. Analyse eines modernen Zaren.

Der kalte Krieg mag beendet sein, doch Russland und Amerika, Mutter- und Vaterland aller internationalen Beziehungen, bleiben das Zuhause der beiden stärksten Posten der Welt. Für diese Ämter stehen 2004 demokratische Wahlen an. Der eine Urnengang wird von ungezählten Zeitungsartikels und stundenlange Fernsehdebatten untermalt, der andere ging kaum bemerkt vorüber - da keine Überraschungen zu erwarten waren. Die eine Wahl dreht sich um die Nerven zerreißende Frage, ob Amerika Ende des Jahres einen neuen Präsidenten haben wird oder nicht - und keiner weiß, wer dieser Präsident sein könnte. Russland jedoch wird weiterhin von dem Mann beherrscht sein, der in den 90ern vom KGB unterstützt, aufstieg, um nur neun Jahre später als Russlands Premierminister seinen Sitz in Moskau einzunehmen: Vladimir Vladimirovich Putin.

Vergangene Ruhmestaten

Rossikyskaya Federatsiya brachte einen beträchtlichen Teil der Weltkultur hervor: von Tschechow, Dostojewski und Tolstoi bis hin zu Tschaikowski, Schostakovitsch und Rachmaninov, große Instrumentalisten, Sänger, Tänzer, Artisten und Zirkuskünstler, Schachgroßmeister und eine stattliche Reihe sportlicher Größen. Und doch hat dieses bedeutende Land jetzt seinen Weg verloren. Es hat viel von seinem Selbstbewusstsein eingebüßt und ein Vakuum der Unsicherheit hinterlassen, aus dem Putin Kapital geschlagen hat - sowohl um sein geliebtes Land wieder aufblühen zu lassen, als auch um sich selbst fest in der politischen Landschaft zu etablieren. Putins Regime hat Angriffen auf Russlands unabhängige Fernsehmoderatoren und dem Dahinschwinden der bürgerlichen Gesellschaft zugesehen sowie eine Reihe von kriminalistischen Ermittlungen gegen einige der prominentesten russischen Oligarchen gestartet. Ein junger Russe sagte: „Putin stärkt seine Position gewiss sehr effektiv, indem er es mit den Oligarchen aufnimmt und seine Machtbasis festigt. Und obwohl es kein Schlüsselfaktor ist, so ist es doch sehr Besorgnis erregend, dass Tschetschenien von der Agenda verschwunden ist und Putin, in noch größerem Maße, von der Völkergemeinschaft den Freibrief bekommen hat, das Thema ohne Angst vor Vergeltungsmaßnahmen zu verhandeln.“

Handstreichartig entließ Putin außerdem am 24. Februar seine gesamte Regierung mit der Erklärung: „Dies ist mit meinem Wunsch verbunden, den Kurs des Landes nach dem 14. März 2004 aufzuzeigen“. Kurz gesagt, Putin umgibt sich mit Jasagern.

Ich bin der Herr im Hause...

Das bezeichnet den ?Putinismus?, der das Land erfasst hat. Trotz unsäglicher Verluste in Tschetschenien, trotz der überraschenden Entlassung seiner Regierung und trotz der Armut, die Russland auch heute noch erschüttert, hat Putin eine märchenhafte Aura um sich geschaffen, für die sein Volk Neugier und Zuneigung zeigt. Putin ist zu einem modernen und unantastbaren Zar geworden, wie Steve Rosenberg, der BBC Korrespondent in Russland anmerkte: „Es gibt Popsongs über Putin im nationalen Radio. Sein Gesicht schmückt Schokoladeverpackungen und T-Shirts. Man kann Putin-Brettspiele und Putin-Zahnstocher kaufen. Es gibt jetzt sogar Hochzeitskleider, die sein Portrait tragen.“

Putin hat eine derart starke und ansprechende Figur geschaffen, dass selbst eine Alternativfigur, wenn es sie gäbe, wahrscheinlich nicht überleben würde. Die EU, traditionell ein Anwalt der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit, hat Berichten über Missbrauch von Menschenrechten und Rechtsbeugungen die kalte Schulter gezeigt. Der Beitritt von zehn neuen Mitgliedsstaaten nach diesem Jahr wird die Beziehungen zwischen der EU und Russland wahrscheinlich nicht ändern, seit die neuen Mitglieder in bitteres Machtgerangel verstrickt sind. Europas Staatsmänner haben freundschaftliche Beziehungen zu Putin aufgenommen, wie es auch viele andere Präsidenten und Premierminister der Welt getan haben. Die Außenwelt kann keine Alternative bieten, können also die Russen, die so fasziniert von und loyal zu ihrem Präsidenten sind, eine Alternative zum System Putin liefern? Die Wahl ist eine Formalie. Wenige, innerhalb und außerhalb Russlands, sind sich bewusst, dass Sergei Glazyev, Irina Khakamada, Nikolai Kharitonov, Oleg Malyshkin oder Sergei Mironow die fünf anderen Hoffnungen für das Amt des Präsidenten sind. Sie haben jeder eine eigene Alternative anzubieten, wissen aber, dass ihre Träume, das Amt zu erreichen, nie wahr werden.

Stärken und Schwächen

Noch liegt die Antwort auf eine Alternative zum System Putin beim Präsidenten selbst. Sein dramatisches politisches Glücksspiel und seine Entschlossenheit, es mit einigen der stärksten Industriellen der Welt aufzunehmen, wird ihn für persönliche und politische Attacken verwundbar machen. John Bowis, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vizevorsitzender der Parlamentarischen Delegation für eine Gruppe von ehemaligen Sowjetstaaten: „Putins Stärke ist gleichzeitig seine Schwäche. Er hat Aggression im Inland und im Ausland benutzt, um seine Position zu Hause zu stärken. Er spielt das neue ?Große Spiel?“.

Bis jetzt aber gibt es keine Alternative zum System Putin, und Putin selbst behauptet bei einer Popularität von 80% zu liegen. Realistischer gesehen, wurden die Russen jeglicher Möglichkeit beraubt, zu glauben, dass sie eine Alternative benötigten. Ironischerweise kann die einzige Alternative von Putin selbst kommen. Er wird wohl schon über das Russland nachdenken, das er hinterlässt, wenn er sich aus der politischen Welt zurückzieht und formt ein System, welches das Einsetzen eines loyalen Nachfolgers ermöglicht.

Putin wird den Griff um sein Heimatland nicht lockern, es wird keine Alternative geben. Russland wird unweigerlich im Leid enden. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.