Der litauische Jesus Christ Superstar von Šalčininkai

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2010
Um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und den Bewohnern wieder Hoffnung zu geben, hat der Gemeinderat von Šalčininkai, einer kleinen Stadt im Süden Litauens, beschlossen, einen neuen Bürgermeister zu wählen: Jesus Christus. Doch die Weihrauchwirbel gefallen nicht jedem.

Ein Glockenspiel auf dem Land. Die graue Kirche wacht über den Friedhof aus wundersamen Kreuzen, übersät mit Blumen aus Plastik. Eine Hauptstraße, zwei geschlossene Cafés und ein Schwarzmarkt, bevölkert von Babuschkas. In Šalčininkai, einer kleinen 7.000-Seelen-Ortschaft, ist die Wirtschaftskrise seit dem Untergang des Kommunismus eine Realität. Und die Religion der einzige Trost. Im letzten Jahr wurde Gott sogar zum "König" des Ortes ernannt. Ein allmächtiger Repräsentant? "In Zeiten der Krise gewinnt die Rolle von Christus an Bedeutung", begründet Zdzislav Palevic, sterblicher Abgeordneter und Bürgermeister des Dorfes.

Ein andächtig weltliches Land

In dem 7.000-Seelen-Dorf ist die Katholische Kirche eine omnipräsente InstitutionZwei Priester und zehn polnische Pfarrer zelebrieren in dieser kleinen Stadt an den Grenzen zu Polen und Weißrussland regelmäßig katholische oder orthodoxe Messen, die bis zu drei Stunden dauern können… alles im Stehen. Taufe, Beerdigung oder Sonntagsmesse, die Holzbänke sind immer gebrochen voll: "Die Kirche ist Teil meines Alltags", gesteht beispielsweise Stase, 70 Jahre, auf dem Weg zum Altar. Ob geschminkt oder mit einem zusammengebundenen Tuch auf dem Kopf: Die Frauen hier machen sich gewöhnlich schick, um zum Abendmahl zu gehen. Die zehn Gebote scheinen fest integriert in die heimischen Sitten.

Das Gebot "Du sollst nicht stehlen" kennt nichtsdestotrotz einige Abweichungen. Überwachungskameras kontrollieren die einzige Straße der Stadt: Die Nähe zur weißrussischen Grenze rechtfertigt daher auch den geringen Autoverkehr. Wenn die Mitbürger hier "naturgemäß sehr fromm sind", dann liegt für Leonarda Stančikienė, Stadträtin und Mitglied der Oppositionspartei, der Grund dafür vor allem in der Rolle, die die Kirche vor 1989 gespielt hat. Denn auch wenn Litauen ein nicht konfessioneller Staat ist, so bleibt die katholische Religion doch ein wesentlicher Bestandteil des Landes. "Zu Sowjetzeiten hat die Kirche den Bürgern Hilfe und Unterstützung gegen die Enteignungen durch das Regime angeboten", erinnert sich Leonarda. "Nach der Unabhängigkeit waren es die Priester, die es der litauischen Bevölkerung ermöglichten, eine eigene Identität aufzubauen." Manchmal fragt sie sich "was ein Moslem denken würde, der sich hier niederlässt". Besonders seit Jesus der offizielle König des Dorfes ist.

Übernahmeangebot für Jesus Christus

Fast 80% der Bewohner von Šalčininkai haben polnische WurzelnIm Juni letzten Jahres hatten die 25 Mitglieder des Stadtrates in Anwesenheit des Klerus die Zeremonie durchgeführt: die Segnung eines Jesus-Bildes, das anschließend an eine Wand des Rathauses angebracht wurde. "Weihwasser über ein Poster schütten, was für eine Geschichte!", sind einige darüber hergezogen. Für Henrik Tomasevic soll diese Initiative vor allem "beruhigen" und der Bevölkerung "die Hoffnung wiedergeben". Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Es wäre an der Zeit: Mit einem Rückgang des BIP um 15%, einer Inflationsexplosion und einer Arbeitslosenquote, die auf die 15% zugeht, ist der kleine 'baltische Tiger' von der größten Rezession seiner Geschichte betroffen. Der Weltbank zufolge sei der Anteil der Personen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, zwischen 2008 und 2009 auf 49% angestiegen.

"Das Wohlergehen unserer Mitbürger ist uns wichtig", erklärt Zdzislav Palevic, der Bürgermeister von Šalčininkai. "Warum Religion und Politik trennen?" Vilnius, die Hauptstadt Litauens, hat sich selbst bereits unter den Schutz Gottes gestellt, "um schmerzliche Fehler, Gefahren und Bedrohungen zu vermeiden". In der Region sind fast 80% der Einwohner Polen, Kirchengänger und der katholischen Religion sehr verbunden. Das Bistum lehnt es ab, sich zu seinen Jüngern zu äußern. Und wenn die Wege des Herrn auch unergründlich sind, zögern die Jüngsten dennoch nicht, ihre Skepsis zu zeigen.

Beten oder gehen? Eine skeptischere Jugend

Mitglieder von "Europroject"Für Edita, 20 Jahre und Managerin des Vereins Europroject, bedeutet es in gewisser Hinsicht, seine politische Verantwortung abzugeben, wenn man das Schicksal der Stadt in Gottes Hände legt. Julia, 22 Jahre alt, äußert sich noch nachdrücklicher über diese Glaubensveranstaltung: "Wir kehren ins Mittelalter zurück." Mark, 19 Jahre, hat eine andere Methode, um gegen die Explosion der Arbeitslosigkeit anzukämpfen. Eher noch als das Gebet hat er das Exil gewählt. Nach England ohne Rückfahrschein, nach Birmingham, wo er seitdem studiert. Für ihn "gehen die Jugendlichen weg, weil es hier nichts zu tun gibt." Keine Industrie, die Löhne liegen weit unter dem europäischen Durchschnitt: Fast 500.000 Litauer (bei einer Bevölkerung von 3,4 Millionen Einwohnern) haben das Land seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1991 verlassen. Die Richtung? England und Irland. Ein Braindrain, der das Land in Bezug auf Arbeitskräfte und Dynamik teuer zu stehen kommt. Edita, die mit ihrem Mann in Moskau lebt, behauptet, sich immer noch als "litauische Bürgerin" zu fühlen. Als praktizierende Katholikin hat sie ihr Lager gewählt: "Ich bete, aber vor allem wähle ich."

Danke an Rugile Trumpyte.

Fotos: ©Prune Antoine