Der Kinostaat von Loch Ness

Artikel veröffentlicht am 20. August 2009
Artikel veröffentlicht am 20. August 2009

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A pilgrimage: eine Pilgerreise. Diesen schlichten Namen wählten die Schauspielerin Tilda Swinton und der Dokumentarfilmer Mark Cousins für ihr Wanderfestival. Im Rahmen der Pilgrimage, einer ganz besondere Hommage an das Kino, zeigten sie vom 1. bis 9. August in ganz Schottland Meisterwerke der „siebten Kunst“.

(Tobias Rauscher)„Erinnerst du dich an den Film Cinema Paradiso?“ Die Füße im Sand eingegraben, mit Blick auf die Nordsee, die den kleinen Badeort Nairn nördlich von Aberdeen umspült, höre ich Janet zu. Es ist spät am Abend und ein Lagerfeuer brennt am Strand. Wir trinken billigen Portwein, ein Sonderangebot aus dem kleinen Supermarkt nebenan, aber Vorrat geht bald zur Neige. Unsere Pilgerreise quer durch Schottland, von Osten nach Westen, von Glencoe nach Nairn, hat ihren sechsten Tag erreicht. Auch unsere Zeit mit Tilda wird also bald zur Neige gehen. „Erinnerst du dich an Cinema Paradiso? An den Moment, als im ganzen Kinosaal die Zuschauer schreien, sich von ihren Plätzen erheben, applaudieren, wie elektrisiert von dem, was sie da auf der Leinwand sehen? Mir kommt es so vor, als hätten wir genau das in der letzten Woche erlebt.“

(Peter Knegt)

Ein blauer Lastwagen mit Namen „Toutankhamion“

Natürlich erinnere ich mich an Cinema Paradiso. Besonders ins Gedächtnis eingegraben hat sich mir aber die unglaubliche Reise, an der ich an der Seite der Schauspielerin Tilda Swinton und des Dokumentarfilmers und Kinokritikers Mark Cousins teilgenommen habe. Swinton und Cousins, zwei Liebhaber des Kinos, sind verrückt genug, ein Wanderkinofestival zu entwerfen, das lediglich auf einem großen blauen Lastwagen und einer bunten Mischung von rund vierzig Dauerzuschauern aus allen Ecken der Welt basiert: Schotten, Engländer, Deutsche, Kanadier, Belgier und Franzosen. Schüler, Studenten, zukünftige Polizisten, Lehrer, Sozialarbeiter, Filmemacher oder Produzenten, die gemeinsam einen Koloss auf Rädern hinter sich her ziehen. Ihre Reise führt sie durch winzige Dörfer, beschaulich gelegen an einer Bucht des berühmten Loch Ness oder im Schutze eines gigantischen Glens (ein schmales, langes Tal mit Flusslauf; A.d.R.), im Herzen der schottischen Highlands.

Für Janet, mich und all die anderen wird Kino für immer so blau sein wie ein Lastwagen: „Toutankhamion“ (ein Wortspiel mit dem Namen des ägyptischen Pharaos Tutanchamun und dem französischen Wort camion, auf Deutsch „Lastwagen“; A.d.R.) nennt sich der Festivalwagen, wie ein kleines Metallschild nahe der Fahrerkabine präzisiert. Jeden Nachmittag, mal auf dem Parkplatz einer Schule, mal an einem Seeufer, in Strontian, Fort Augustus oder Dores, beginnt Toutankhamions wundersame Entfaltung. Ein ganzes Universum kommt hinter den Seitenwänden zum Vorschein, wenn sich der Lastwagen Schritt für Schritt in einen Kinosaal verwandelt. Eine Leinwand, eine Projektionskabine, 80 Sitzlätze. Diese screen machine war während einer Woche unsere Welt: eine eigene Welt auf den Straßen Schottlands mit seinen beeindruckenden, dramatischen Landschaften.

(Janet McBurney)

Ausdruckstanz und After Eight für alle

Wenn sie bei jeder der drei täglichen Vorführungen die Zuschauer der Pilgrimage, Neuankömmlinge und bereits Bekehrte, Einheimische und vorbeikommende Touristen, in ihrem großen blauen Lastwagen empfangen, schwenken Swinton und Cousins eine Flagge und proklamieren den „Kinostaat“. Befestigt ist die Flagge an zwei Besen, die wohl mindestens ebenso zerzaust sind wie die Haare der Veranstalter. Das ist reiner Aktivismus, eingebunden in ein seltsames Ritual, das vor jeder Vorführung zelebriert wird. Der rituelle Tanz um die ungläubigen Zuschauer, dann die Intonation der obligatorischen Hymne, mal ein Song von Elvis Presley oder Patti Smith, mal von Marilyn Manson oder Depeche Mode, gefolgt von der Unabhängigkeitserklärung des Kinostaates. Vollendet wird das Streben nach unbedingter Gründlichkeit von dem Gebell der Hündin Tippy, den After Eights, die Tilda Swinton vor der Vorstellung um 21 Uhr verteilt (um 18 Uhr gibt es noch Kekse), von Mark Cousins’ schwarzem Kilt, dem Whiskey aus Kenneth und nicht zuletzt durch unsere grandiosen Choreographien, deren unabdingliche Requisite nicht etwa ein goldener Hut ist, sondern Spruchbänder, auf denen die Namen von Akira Kurosawa, Cyd Charisse, Jacques Tati, Vicente Minelli, Malcolm MacLaren oder Matt Hulse verewigt sind.

Kurosawas Hexe und die Beine von Tati

(Peter Knegt)„Erinnerst du dich, wie wir alle gekreischt haben wie die Verrückten, als wir La nuit du chasseur (auf Deutsch „Die Nacht des Jägers“; A.d.R.) angeschaut haben?“ Mit dem Rücken an eine Düne gelehnt muss ich unwillkürlich lachen, als ich daran denke, wie Robert Mitchum von Lilian Gish ins Visier genommen wird. Ich erinnere mich an Cold Fever und an den Japaner, der durch ganz Island reist, um seinen bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Eltern die letzte Ehre zu erweisen. Die Ukulele von Matt Hulse in Follow the Master nicht zu vergessen. Erinnerungen an den großartigen Film von Robert Bresson, Au hasard Balthazar (auf Deutsch „Zum Beispiel Balthasar “; A.d.R.) und an den Brief, den Bressons Witwe an Tilda und Mark schickte, um sich für die Wiederentdeckung des Werks ihres Ehemannes zu bedanken machen sich breit. Ich denke auch an James Cagneys Beine in Footlight Parade und an die von Jacques Tati in Monsieur Hulot, an die Augen der Hexe aus Akira Kurosawas Throne of Blood und Tilda Swintons Tränen am Ende des verstörenden A Canterbury Tale. Ich erinnere mich an all diese isländischen, britischen, indischen und japanischen Filme und je länger ich an sie denke, desto mehr kommen sie mir vor wie viele kleine Fenster auf die Welt.

Ich öffne das Buch von Mark Cousins, The Story of Films, das ich in einer kleinen Buchhandlung in Nairn aufgestöbert habe: „Die Filmkunst ist eine der am leichtesten zugänglichen Arten von Kunst,“ schreibt Mark in seiner Einleitung, „da sie selbst in ihren dunkelsten und verworrensten Formen von einem aufmerksamen Laien verstanden werden kann.“ Am Strand beginnt das Lagerfeuer allmählich zu erlöschen. Kein Tropfen Portwein ist mehr in der Flasche. Sollten wir, Janet, ich und all die anderen, hier eine Botschaft schreiben und ins Meer werfen? Ein einfacher Zettel, auf dem stünde: „Hier sind wir, die Bürger des Kinostaates. Lesen Sie unsere Erinnerungen und machen Sie mit, um neue zu schaffen.“

Mark Cousins: The story of film, Pavilion 2004.