Der Internet-Mufti ist immer erreichbar

Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2007
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Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2007
Internetforen wie Mufti Says, Ask Imam oder Fatwa Online geben Antwort auf Glaubensfragen von Almosen bis Zionismus. Sie spiegeln die Unsicherheit vieler Muslime wider, in der modernen Welt den rechten Weg zu finden. Doch mit einer kompromisslosen Auslegung der Schriften tragen sie kaum zur Integration bei.

Darf ein gläubiger Muslim Essen zu sich nehmen, von dem er nicht sicher ist, dass es den islamischen Reinheitsgeboten entspricht? Darf ein Muslim sein Geld auf einer Bank anlegen, obwohl er damit dem islamischen Zinsverbot zuwider handelt? Und darf ein Muslim seine christlichen Gäste mit Wein bewirten, obwohl dies dem Verbot von Alkohol im Islam widerspricht? Diese und viele weitere Fragen findet man auf islamischen Internetforen wie muftisays.com, askimam.org oder efatwa.org, auf denen Religionsgelehrte verunsicherten Gläubigen Rede und Antwort stehen.

Koran - Credit to: Pucasso/FlickrIn traditionell islamischen Gesellschaften kann sich der Gläubige mit solchen Fragen direkt an seinen Mollah wenden. In modernen Gesellschaften, zumal in den Ländern Europas, wo die Muslime vereinzelt und isoliert leben, gibt es einen solch unmittelbaren Kontakt vielfach nicht mehr. Zudem wirft die Emigration in nicht-islamische Länder, in denen die Muslime nur eine Minderheit unter Angehörigen anderer Religionen sind, viele neue Fragen auf. Aus diesen Gründen wächst die Nachfrage nach Internetforen, auf denen Schriftgelehrte Rechtsgutachten – arabisch fatwa – erstellen.

Die Vielfalt der Foren spiegelt das gesamte Spektrum der islamischen Strömungen wieder. So wird die englische Seite muftisays.com von Angehörigen der Religionsschule Darul Uloom in London betrieben, die zur indischen Deobandi-Richtung gehören. Die saudische Seite e-fatwa.org hingegen gehört zur Wahhabi-Richtung und wird von herausragenden Religionsgelehrten des saudischen Königsreichs betreut. Auf der südafrikanischen Seite askimam.org schließlich beantwortet der Mufti Ibrahim Desai von der Madrasah In’aamiyyah in Comperdown die Fragen der Gläubigen.

Fragen zu Geld, Sexualität und dem Glaubensalltag

Viele dieser Fragen drehen sich um den richtigen Umgang mit Geld. Da der Koran verbietet, Zinsen zu nehmen, es aber noch immer nur wenige islamische Banken gibt, stellt sich vielen frommen Muslimen die Frage, wie sie sich verhalten sollen, um nicht gegen den Koran zu verstoßen. Ein zweiter Fragekomplex dreht sich um die praktische Ausübung des Glaubens. Da es im Westen vielfach an Vorbildern fehlt, sind viele Gläubige unsicher, wo sie beten dürfen, wie sie fasten sollen und an wen sie spenden können. Auch die Zulässigkeit von Speisen, Kosmetik und Medikamenten wirft viele Fragen auf.

In einem dritten Fragekomplex geht es um Probleme der Sexualität. Hier wird nicht nur diskutiert, inwieweit der Kontakt mit dem anderen Geschlecht erlaubt ist, sondern in aller Offenheit auch über die Zulässigkeit einer Ehe trotz vorherigem Sexualverkehr, von Masturbation im Ramadan sowie von Sex während der Menstruation gesprochen. Ein vierter Fragekomplex schließlich beschäftigt sich mit dem Umgang mit „Ungläubigen“. Darf man mit Christen oder Hindus Handel treiben? Darf man an Festen wie Weihnachten teilnehmen? Oder was ist zu tun, wenn man sich einen Angehörigen einer anderen Religion verliebt hat?

Keine Hilfe zur Integration in einer fremden Gesellschaft

In einigen Antworten scheinen die Gelehrten bemüht, anstatt lediglich Koranstellen zu zitieren, eine pragmatische Lösung zu finden, die die Anpassung an die neuen und fremden Lebensbedingungen erlaubt. Doch die meisten Antworten sprechen von einer rigiden und kompromisslosen Auslegung der Schriften. Wo das Hören weltlicher Musik, das Tragen modischer Kleidung oder die Einnahme „unreiner“ Medikamente als Sünde gegeißelt wird und der Umgang mit Angehörigen des anderen Geschlechts oder einer fremden Religion unter Strafe gestellt wird, wird deutlich, welch konservativer Geist hier herrscht.

Überraschen kann dies allerdings nicht. Denn die indische Deobandi- und die saudische Wahhabi-Schule zählen zu den strengsten Strömungen des Islamismus. Trotz des modernen Mediums gilt daher für diese Foren: Anpassung und Integration ist weder gewollt noch bei Befolgung dieser Ratschläge möglich. Doch wer sich an diese Internetforen wendet, dem geht es wohl auch nicht darum.