Der hohe Preis der Billigflieger

Artikel veröffentlicht am 15. August 2005
Artikel veröffentlicht am 15. August 2005

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Der Erfolg der Billigfluglinien droht alle europäischen Bemühungen zur Reduktion von Treibhausgasen zunichte zu machen. Der Ruf nach einer EU-weiten Besteuerung des Flugbenzins wird immer lauter.

Am Wochenende noch nichts vor? Berlin-Madrid für 19 Euro! Mit Kampfpreisen erobern die Billigflieger den europäischen Reisemarkt, das Flugzeug wird zum alltäglichen Verkehrsmittel. Doch mit dramatischen Folgen für die Umwelt: Kein Verkehrsmittel hat derart klimaschädigende Wirkung wie das Flugzeug. Der individuelle Treibstoffverbrauch einer Flugreise kann den einer Bahnfahrt um das fünffache übertreffen. Und selbst das Auto schneidet, trotz ähnlichem Pro-Kopf-Verbrauch, im Vergleich zum Flugzeug besser ab. Denn in luftiger Flughöhe trägt das Verbrennen von Treibstoff in weitaus höherem Maße zum Treibhauseffekt bei als am Boden.

Keine Chance für Kyoto

Täglich durchqueren 25.000 Flugzeuge den europäischen Himmel, und der Flugverkehr wächst unaufhaltsam. Im Januar 2005 wurden gut acht Prozent mehr Passagiere auf Europas Flughäfen gezählt als ein Jahr zuvor. Entsprechend steigen die Emissionen. Diese Entwicklung konterkariert das Bemühen der EU, die Klimabelastung im Rahmen des Kyoto-Prozesses zu reduzieren. Die Treibhausgasemissionen internationaler Flüge fließen nicht in die Berechnung der Belastungen ein. Mit absurdem Effekt: Selbst wenn die EU die Kyoto-Ziele optimal umsetzt, werden bis zum Jahr 2010 alle Einsparungen durch den anhaltend wachsenden Flugverkehr zunichte gemacht.

Das aktuelle Wachstum des Flugmarkts ist vor allem auf den Boom der Billigflieger zurückzuführen. Auf den ersten Blick haben diese keine schlechtere Ökobilanz als Lufthansa oder British Airways, dank hoher Auslastung sogar eine bessere. Problematisch wird es dadurch, dass sie mit ihren Kampfpreisen neue Kundengruppen erschließen. Zum einen werben die Airlines Kunden von anderen Verkehrsmitteln ab: Laut einer Umfrage sind über ein Drittel der Kunden des größten Billigflugunternehmens Ryanair aufgrund der niedrigen Preise von Auto oder Bahn umgestiegen. Zum anderen schaffen die Billigflieger einen völlig neuen Massenmarkt. Der zweitägige Shoppingtrip nach London und das Entspannungswochenende auf Mallorca wären ohne Ryanair & Co. ein Luxus für wenige.

Bahn chancenlos

Die Bahn kann mit den Tiefstpreisen der Discount-Airlines nicht konkurrieren. Ein Grund dafür: Anders als bei einer Bahnfahrt fallen für internationale Flüge weder Treibstoffsteuer noch Mehrwertsteuer an. „Die Fluglinien haben so auch einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem umweltfreundlicheren Verkehrsmittel Bahn“, so Michael Cramer, Sprecher der Grünen im Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments. Die Klimafolgen des Flugverkehrs rücken nun nach langer Untätigkeit auf die Agenda der EU. "Ich bin für eine Kerosin-Steuer", sagte der Ratsvorsitzende Jean-Claude Juncker im Februar 2005. Die Niederlande sind schon aktiv geworden und haben Anfang des Jahres als erstes EU-Land eine Kerosinsteuer für Inlandsflüge eingeführt. Unerwartete Schützenhilfe erhalten die Vorreiterstaaten ausgerechnet aus den Reihen der Reiseindustrie. So sprach sich Willi Verhuven, Chef des deutschen Touristikunternehmens Alltours, für Flug-Mindestpreisen aus. "Die Lockvogelangebote der Billigfluglinien sind umweltpolitisch absolut verantwortungslos“,so der Reiseunternehmer. Solche Einsichten bleiben die große Ausnahme in der Tourismusbranche und entspringen wohl nicht zuletzt der Angst vor der unliebsamen Billig-Konkurrenz. Gegenwind kommt in der EU vor allem aus den südlichen Urlaubsländern, wie Griechenland und Spanien, die am meisten von dem Flugboom profitieren. Ob die erforderliche Einstimmigkeit im Ministerrat erreicht wird, steht also noch in den Sternen.

Kompensation mit Solarküchen

So bleibt es vorerst der individuellen Verantwortung der Reisenden überlassen, sich der Vielfliegerei zu widersetzen. Auch denjenigen, die nicht aufs Fliegen verzichten können oder wollen, bietet sich eine Möglichkeit die negativen Klimafolgen ihrer Reise zu kompensieren. Anbieter wie Atmosfair in Deutschland, MyClimate in der Schweiz oder The Carbone Neutral Company in Großbritannien bieten an, die durch einen Flug verursachen Treibhausgase durch die finanzielle Unterstützung eines Klimaschutzprojektes auszugleichen. Für die 840 kg CO2, die ein Wochenendtrip von Berlin nach Madrid in Europas Himmel hinterlässt, werden bei Atmosfair beispielsweise 15 Euro berechnet, die in ein Solarküchenprojekt in Indien fließen. Es liegt auf der Hand, dass solche freiwilligen Initiativen nur von einer umweltbewussten Minderheit europäischer Bürger unterstützt werden und keine Alternative zu einer politischen Lösung darstellen können. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die EU-Staaten den Kyoto-Prozess ernst nehmen und dem billigen Fliegen auf Kosten der Umwelt Einhalt gebieten.

Veröffentlicht am 11. April 2005 im Dossier Rezepte für ein grünes Europa.