Der geplatzte Traum vom Aufschwung

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2006

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Die deutsche Regierung erhofft sich von der Fußball-Weltmeisterschaft einen dauernden Wirtschafts-Aufschwung. Doch an einen solchen wollen die meisten Experten nicht glauben.

Dieter Wagner hatte schon verloren, bevor die Fußball-Weltmeisterschaft angefangen hatte: „Wir haben in verschiedenen Arbeitskreisen versucht, die Aktivitäten im Vorfeld der WM zu koordinieren, aber die Hotellerie ist ohne großen Boom geblieben.“ Dieter Wagner ist Wirtschaftsförderer im Ennepe-Ruhr-Kreis und dort beauftragt, Fußball-Fans für Übernachtungen im verkehrsgünstig zwischen den WM-Städten Köln, Gelsenkirchen und Dortmund gelegenen Ruhrgebiets-Kreis zu locken. Jetzt liegt das Ergebnis vor: Nicht ein Gast mehr also sonst wird im Juni im Ennepe-Ruhr-Kreis übernachten. König-Fußball hat kein Wirtschaftswunder geschaffen.

Imagegewinn durch die WM

Groß war die Hoffnung vor der WM, das Mega-Ereignis könne der lahmenden deutschen Binnenkonjunktur Beine machen. Bis zu einem halben Prozent, so die Postbank, werde die deutsche Wirtschaft wegen der WM zusätzlich wachsen. Die Bundesregierung prophezeite einen Schub von mehreren Milliarden Euro durch das Spektakel – schließlich will man nicht umsonst vier Milliarden Euro in den Stadien investiert haben.

„Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft wird die konjunkturelle Belebung Deutschland spürbar unterstützen“, jubelte auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). 60.000 Arbeitsplätze werde die WM schaffen. „Viele Unternehmen gehen davon aus, dass das Mega-Event auch über den Zeitraum des Ereignisses hinaus positiv nachwirkt“, freuen sich die DIHK-Experten. Sie verweisen auf den Imagegewinn, den Deutschland und „Made in Germany“ durch die WM erführen. Vor allem das Gastgewerbe, die Freizeitwirtschaft, der Einzelhandel, die Unterhaltungsindustrie, die Verkehrsbranche und das Sicherheitsgewerbe sollen profitieren.

Ähnlich schätzt man die Lage bei der Bundesagentur für Arbeit ein. Hier gehört man schon von Berufs wegen zu den Optimisten – erhoffen sich die Arbeitsmarktverwalter doch, durch die WM einiger ihrer „Kunden“ loszuwerden. Peter Weger hält sich tapfer an die Sprachregelung. Er ist Sprecher der Agentur für Arbeit in Düsseldorf. Die Stadt gilt wegen ihrer großen Altstadt, dem Flughafen und der Nähe zu den Austragungsorten Gelsenkirchen, Dortmund und Köln als eines der Hauptziele für WM-Touristen. Das soll sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirken. „Der Aufschwung ist mehr als nur gespürt, allerdings nicht in Zahlen quantifizierbar“, erklärt Peter Wege etwas blumig.

„Nur ein Strohfeuer“

Bei den Branchenvertretern in der NRW-Landeshauptstadt ist man nicht ganz so optimistisch. „Die Wirte werden während der Spieltage Aushilfen und 400-Euro-Jobs einstellen“ - Thorsten Hellweg, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes Nordrhein, glaubt nicht an ein nachhaltiges Jobwunder.

Die meisten Volkswirtschaftler sehen lediglich ein Strohfeuer, das die WM auf dem Binnenmarkt auslösen wird. Das deckt sich mit Erkenntnissen über wirtschaftliche Folgen der Fußball-Weltmeisterschaften in den letzten Jahrzehnten. Keines der Gastgeberländer konnte im Jahr nach einer WM ein höheres Wirtschaftswachstum erzielen, als im Jahr vor der WM. Lediglich im Jahr der Meisterschaft selbst, wuchs die Wirtschaft etwas kräftiger als sonst.

Das bestätigen viele deutsche Experten. „Ein Konjunkturprogramm ist die WM nicht“, sagt Michael Grömling vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Zwar glaubt auch er, dass die Deutschen etwa im Bereich des Konsums während der WM mehr Geld ausgeben. „Aber es bleibt offen, ob das nicht später wieder eingespart wird.“ Davon geht auch der Bochumer Sport-Ökonom Markus Kurscheidt aus. Er hat die wirtschaftlichen Auswirkungen der WM auf Deutschland untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis: „Natürlich werden einige Branchen profitieren. Wobei sich die Frage stellt, ob das ein echter Zuwachs ist.“

Der Bochumer sieht vor allem einen Gewinner: den Weltfußballverband FIFA. Dieser sei Inhaber des Formats und der Marketinglizenzen. Mancher deutschen Gemeinde, die während der WM mit einer Spielstätte glänze, drohe das böse Erwachen. Etwa Leipzig – dort gibt es eine sündhaft teure neue Sportarena aber keine erstklassigen Nachnutzer für die Zeit nach der WM. Kurscheidt: „So häufig können die Rolling Stones gar nicht auf Tournee gehen, um die Stadien in Deutschland zu füllen.“

Vergessen wird dabei, dass die derzeit lahme Konjunktur nicht einfach durch einen Konsum-Anreiz für Verbraucher, wie ihn die WM darstellt, wieder angestoßen werden kann. Schließlich halten sich viele Deutsche beim Geldausgeben nicht aus bösem Willen zurück, sondern weil ihre Nettoeinkommen in den letzten Jahren gesunken sind. Daran wird auch die WM nichts ändern. „Man kann schließlich jeden Euro nur ein Mal ausgeben“, so Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen.

Nur in einem Fall, da glauben auch Skeptiker an einen Aufschwung: Wenn die deutsche Elf Weltmeister wird. „Dann sieht die Sache anders aus“, glaubt Markus Kurscheidt. „Es gibt Anhaltspunkte für einen Euphorieeffekt, der sich auch auf die Wirtschaft überträgt.“ Dafür freilich hätte man die WM gar nicht selbst austragen müssen. Billiger wäre das allemal gewesen.