Der Flüchtlingsbestatter von Calais

Artikel veröffentlicht am 15. November 2016
Artikel veröffentlicht am 15. November 2016

Über den Abriss des Flüchtlingslagers von Calais wurde in den letzten Wochen viel berichtet. Über die Gräber der Flüchtlinge, die in Europa, fern von ihrer Heimat, starben, spricht aber kaum jemand. Wir haben Brahim Fares kennengelernt, den Leiter des Bestattungsinstituts Bab El Jenna. Es ist das einzige muslimische Bestattungsinstitut in der Umgebung des Flüchtlingslagers von Calais.

Der Sitz der Organisation Bab El Jenna ist praktisch die Erweiterung des Wohnhauses von Brahim Fares. Das Haus liegt versteckt in einer Sackgasse in Grande-Synthe. Der Kontrast zwischen Brahims einfachen Wohnstil und dem weiten Ausmaß seiner Arbeit könnte größer nicht sein. Er ist der einizige muslimische Bestatter in einem Umkreis von 120 Kilometern um Calais, somit erfüllt Brahim große Aufgaben. Ein warmes Lächeln und einen Handschlag später sitzen wir Anfang November in seinem Büro.

Brahim war 15 Jahre lang Manager einer Sicherheitsfirma, als er beschloss, Bab El Jenna zu gründen. Er war besorgt, weil es in der nordfranzösischen Gegend keine Betsattungsinstitute gab, die muslimische Begräbnisse anboten. Also entschied er sich, selbst akiv zu werden: „Als Muslim ist es meine Aufgabe, meinen Brüdern und Schwestern eine würdige Bestattung zu garantieren“, fügt er hoffnungsvoll hinzu. Anfangs kam Brahim für alle mit der Bestattung verbundenen Kosten selbst auf: Er zahlte die administrativen Kosten, den Sarg, den Aushub des Grabes, den Grabstein und natürlich die Transportkosten. Logischerweise stiegen ihm die Kosten bald über den Kopf, vor allem als er zwei Jahre später damit begann, auch die Begräbnisse der Geflüchteten zu bezahlen. 

Eine Hand allein kann nicht klatschen

Die Organisationen, die sich ursprünglich mit den Begräbnissen von Flüchtlingen befassten - dazu gehören Oumma FourchetteCharity Refugees France und Secours Catholique - kamen vor drei Jahren auf Brahim zu. Zuvor hatten sie mit anderen, nicht-muslimischen Bestattungsinstituten in der Region zusammengearbeitet. Der Lage Herr zu werden, war auch für die Organisationen eine große Herausforderung: sie mussten sich zunächst um den Papierkram kümmern, einen Imam finden, der die traditionelle Zeremonie der Waschung durchführen würde, eine weitere Person, die bei der Bestattung hilft und Kontakt zu Moscheen herstellen, die sich bereiterklären, die Gebete vor der Bestattung durchzuführen. In Brahim haben sie nun eine große Stütze gefunden.

Brahim sagte sofort zu, hhne den immensen Arbeitsaufwand je zu hinterfragen, der mit diese Aufgabe auf ihn zukam. Wie zuvor auch, begann er anfangs für die Kosten selbst aufzukommen. Aber „es starben immer mehr Flüchtlinge. Da habe ich gemerkt: Eine Hand allein kann nicht klatschen. Es wurde einfach zu teuer, das alleine zu stemmen.“ Brahim und die Organisationen beschlossen zusammenzuarbeiten und stützten sich auf ein Netzwerk aktiver Spender, die Geld gaben, um die Bestattung oder die Rückführung der Leichen Geflüchteter durchzuführen. 

Trotz dieser Zusammenarbeit, übernimmt Brahim weiterhin den größten Teil der Amtskosten auf sich. Anstatt  wie normalerweise etwa 2200 Euro zu zahlen, kostet ein Begräbnis bei Bab El Jenna nur 1600 Euro. Ähnlich verhält es sich mit der Rückführung von Leichen: Statt der üblichen 4000 Euro, kann Bab El Jenna die Kosten auf 3000 Euro reduzieren. In 30% aller Fälle, die Brahim bearbeitet, handelt es sich um Rückführungen. Brahim lächelt, hebt seine Schultern fast, als wolle er sich entschuldigen und schlussfolgert: „Weißt du, für uns ist Erde gleich Erde. Gott ist auch in Frankreich. Er ist überall." 

Eine gefährliche Reise, nur um am Ende zu sterben"

„Es bricht mir das Herz zu wissen, dass [ein Flüchtling] den gefährlichen Weg in ein fremdes Land auf sich genommen hat, nur um am Ende dort zu sterben", sagt Brahim. Das letzte Begräbnis, das er durchgeführt hat, war eine Frühgeburt, deren winzigen Körper er am 12. Oktober  aus dem Krankenhaus in Calais abholte. Davor hatte Brahim den Körper von Daoud Ibrahim Adam, einem 48-jährigen sudanesischen Flüchtling bestattet, der an einer langen Krankheit gelitten hatte. 

Brahim ist von Anfang an anwesend, von dem Moment, in dem der Tod festgestellt wird bis zum Ende der Bestattung. Und er sorgt sich darum, die Gräber der Bestatteten zu besuchen und denkt dabei an ihre oft viel zu kurzen Leben. Als Daoud starb, wurde Brahim von Abou Bakr von der Organisation Oumma Fourchette kontaktiert. Da es sich um einen natürlichen Tod handelte, konnte das Begräbnis ohne große Umstände organisiert werden. In der muslimischen Tradition steht an oberster Stelle, den Leichnam so schnell wie möglich zu beerdigen. Brahim erklärt: „Niemand will im Wartezimmer vor Gottes Haus stecken bleiben.“ Nachdem er die erforderlichen Papiere ausgefüllt hatte, badete er den Körper und hüllte ihn in ein Leintuch. Das erfolgte in einem Raum, der vom Krankenhaus zur Verfügung gestellt wurde. 

Brahim erklärt, wie die Zeremonie des Badens und Verhüllens verläuft: „Wir waschen die Körper so, wie wir sie auch bei Lebenden waschen. Drei Mal die Hände, drei Mal den Mund, drei Mal die Nase, drei Mal das Gesicht. Nachdem wir dreimal die rechte Seite des Körpers gewaschen haben, waschen wir die linke. Dann wird der Körper balsamiert und danach in ein weißes Leintuch gehüllt, das Gesicht bleibt frei."

Stirbt ein Flüchtling bei einem Unfall - was oft vorkommt, weil die Flüchtlinge ein hohes Risiko eingehen, wenn sie auf fahrende LKW aufspringen - dann muss die Polizei miteinbezogen werden. Der Leichnam wird zu einer Autopsie in das IML (Institut Médico-Legale Lille) geschickt. Wenn der Leichnam sehr entstellt ist, dann ersetzt Brahim das traditionelle Ritual durch eine einzelne Geste: Er berührt den Leichnam nur mit einem Stein. 

Auf dem Friedhof von Grande-Synthe bleibt das Grab für bis zu 15 Jahre bestehen. Um den Zeitraum zu verlängern, müsste Brahim mehr Geld sammeln. In Calais kostet ein Grab für 15 Jahre 279 Euro, verglichen mit 100 Euro für 30 Jahr in Grande-Synthe und 500 Euro für 30 Jahre in Tatinghem. Die Friedhofsverwaltung übernimmt keine Grabpflege, das sei Aufgabe der Angehörigen. Während unseres letzten Besuches auf dem Friedhof von Calais Nord hat ein Flüchtling aus dem 'Dschungel' zusammen mit einem Aktivisten die Gräber gepflegt und die Blumen gegossen, um der Toten zu gedenken. 

„Das einzig wichtige ist, ihre Menschenwürde zu wahren"

„Ich wünschte ihnen, dass das Leben für sie einfacher wäre“, sagt Brahim. „Ich habe mit einer Frau im Bürgermeisteramt gesprochen, die sich über die Krise beschwerte. Auf einmal sagte ich ihr: 'Wenn Sie hier einen Schuss hören würden, würden Sie sofort von hier weggehen. Wer auch immer Schießereien hört, würde seine sieben Sachen doch sofort zusammenraffen und sofort verschwinden. Die ganze Stadt würde es tun!' Weißt du“, richtete er sich an uns, „die Flüchtlinge sind nicht zum Spaß hier. Das einzig wichtige ist, ihre Menschenwürde zu wahren.“ 

Abgesehen von den emotionalen Herausforderungen bringen traditionell muslimische Bestattungen in Frankreich auch viele amtliche Hürden mit sich. Es ist beispielsweise Tradition, die Leichname ohne Sarg zu beerdigen. Aufgrund der steigenden Grundwasserspiegel, ist es in Frankreich aber rechtlich so geregelt, dass Leichen nur in Särgen beerdigt werden dürfen. Zudem gebe es in Ländern, in denen der Islam als Religion dominiert, keine Bestattungsinstitute, fügt Brahim an. Bestattung folgen keinen festen Formen und sind eher ein Übergangsritus. 

Oft kommen Probleme der Identifikation hinzu: Flüchtlinge, die bei Unfällen sterben - das betrifft vor allem diejenigen, die auf fahrende LKW springen - sind aufgrund ihrer Verletzungen oft nicht zu identifizieren. Ohne Brahim und die im 'Dschungel' aktiven Organisationen würden ihre Überreste kremiert werden und aufgrund der wirtschaftlichen Lage in anonymen Gräbern bestattet werden. Aber Kremierung ist in der islamischen Tradition verboten. 

Brahim bleibt trotzdem voller Hoffnung. Unaufhörlich arbeitet er daran, den Geflüchteten würdige Beerdigungen zu garantieren. Er überlegt sogar, in Grande-Synthe ein größeres Büro für sein Bestattungsinstitut zu kaufen. Aber die Herausforderungen bleiben. Momentan arbeitet Brahim an einem sehr schwierigen Fall: Am 24. September 2016 wurde ein sudanesischer Flüchtling gefunden, der während eines Unfalls auf der Autobahn starb und noch immer nicht beerdigt wurde. Sein Leichnam befindet sich noch im IML in Lille und kann nicht beerdigt werden, weil das sudanesische Konsulat in Paris nicht mitarbeitet. Nach französischem Gesetz darf aber nur beerdigt werden, wer bereits identifiziert wurde. Seit dem 24. September befindet sich der Leichnam im 'Wartezimmer Gottes'. Brahim schüttelt ungläubig den Kopf. „Jede Woche rufe ich bei der Polizei an, um zu fragen, ob es Neuigkeiten gibt. Aber bisher - Fehlanzeige."